■ Im Reich der Toten:: Politiker als Leichendieb
Dublin (taz) – Geoff Wilson, Gemeinderatsvorsitzender des englischen Dorfes Templecombe, muß um seinen Job fürchten, weil er in den Augen seiner Gemeinde ein Sakrileg begangen hat. Der Lokalpolitiker hat sich eine Tüte voller Menschenknochen aus dem siebten Jahrhundert, die bei der Verlegung von Wasserrohren gefunden und von der Archäologischen Gesellschaft der Grafschaft Wessex aufbewahrt worden waren, unter den Nagel gerissen, um sie angeblich bestatten zu lassen. In Wirklichkeit schaffte er die makabre Beute in seine Scheune, leimte die Knochen auf einem Billardtisch mit Sekundenkleber zu Skeletten zusammen und kassierte dann von Schaulustigen Eintritt. Das Geld sollte angeblich für die Beerdigung verwendet werden. Allerdings hatten Bestattungsunternehmer und Pfarrer bereits erklärt, daß sie die Knochen kostenlos unter die Erde bringen würden.
Wilson versteht die Aufregung in seiner Gemeinde nicht: „Wenn sich die Leute an der Ausstellung der Knochen stören, nennen wir es doch einfach Totenfeier.“ Inzwischen hat sich die Archäologische Gesellschaft die Knochen zurückgeholt. Ein Sprecher sagte, man werde die Überreste für das morgige Begräbnis jedoch nur dann herausrücken, wenn „der Pfarrer sie persönlich abholt“. Der Reverend Anthony Rose meinte dazu: „Ich bin froh, wenn die Zeremonie vorbei ist.“ Ralf Sotscheck
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