: Larmoyante Kulturkritik
■ S T A N D B I L D
(Wüsten, Mo., 14.5., 23.20 Uhr, ZDF) Kulturkritisch wollte das Kleine Fernsehspiel - stets für Experimente offen diesmal sein: Das „Videospiel“ Wüsten, hieß es in der Ankündigung, laufe auf „drei Ebenen“. Ich erschrecke, denn ich habe oft schon mit einer Ebene genug Schwierigkeiten. Den Hintergrund bildet ein ganz normales Fernsehstudio, durch das mit zäher Regelmäßigkeit ein Bühnenarbeiter mit einem Brett auf der Schulter läuft, um uns zu signalisieren, daß dieses ganz gewöhnliche Studio nichts anderes sein will als nur ein ganz gewöhnliches Studio. Damit hätten wir immerhin schon eine dialektische Verdoppelung und im Endergebnis womöglich sogar vier Ebenen, zahlenmäßig. Doch schreiten wir langsamer voran.
In jenem besagtem Studio stehen ein paar Sofas, auf denen acht alte Damen an einem fiktiven Silvesterabend über Vergangenes plaudern. Das hört sich genau so an wie ein kulturkritisch ambitionierter Autor eines Videospiels es sich vorstellt, daß acht alte Damen über Vergangenes schnattern (zweite dialektische Verdoppelung...). Im Ernst: Dieses prätentiös angelegte Geseiere von wegen „Der hat doch die Autobahnen...“, „Wir haben davon nichts gewußt...“ und „Die Juden haben doch auch gute Violinenspieler...“ - das ist so nervig, abgekaut und so penetrant nichtssagend, daß es einem den Magen umdreht.
Bereits nach wenigen der 79 Minuten (und 21 Sekunden) ist klar, daß das uns als hohl, dekadent und borniert vorgestellte Geschwätz der Damen Vorlage und Daseinsberechtigung jener vier per Bluebox eingeblendeten „Kritiker“ bildet, die sich „ohne eigenen Handlungsraum“ mit festgetipptem feuilletonistischem Granulat über die offenkundig hohle, dekadente Borniertheit selbiger Damen auslassen. „Die Akteure“, heißt es beispielsweise aus dem Mund eines der „Kritiker“, „haben scheinbar nichts anderes zu tun, als zu lachen, zu lächeln und sich mit Eleganz zu betrinken“. Das habe Ich vor dem Schirm auch getan, aber angesichts des Programms habe ich es beim besten Willen nicht geschafft, dies mit Eleganz zu tun.
Scherz beiseite: Das Problem, daß Tele-Junk und nichtssagende Kulturkritik in Wahrheit zwei Seiten einer Medallie bilden, läßt sich in der gewählten Form (sofern eine erkennbar ist) nicht lösen. Wir fühlen uns an ein analoges Problem aus dem Theaterbereich erinnert. Langeweile läßt sich eben auf der Bühne nicht darstellen, indem eine Aufführung (oder ein „Videospiel“) langweilig inszeniert wird. In diesem Sinne.
Hans Ingrimm
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