: Milchtütenlobby: Lieber Karton als Glas
■ Verbraucher werden Privatisierung der Müllverbrennung bezahlen / Kartons angeblich kostengünstiger als Glas
Tritt Töpfers Verpackungsverordnung in Kraft, wird die Getränkeverpackungsindustrie „über 50 Prozent stofflich verwerten“. Dies bedeutet: Bis zu 20 Prozent oder 30.000 Tonnen mehr Verpackungen werden in den Hochöfen der Industrie landen. Finanzieren werden die Privatisierung der Müllverbrennung die Verbraucher: durch zwei Pfennig Mehrkosten pro Verpackung, die die Industrie in die Lage versetzen könnte, zusätzliche Mülltonnen vor die Haustüren oder Container aufzustellen.
„Die Bevölkerung muß wissen, was der Schutz der Umwelt kosten wird“, verteidigte Gunther Luedecke, Vorsitzender des Fachverbandes Kartonverpackungen für flüssige Nahrungsmittel (FKN), in Bonn dieses Modell. Und holte gleich zum Schlag aus gegen die Umweltschutzverbände, die gegen den verbrennungsfreundlichen Töpfer-Entwurf protestiert hatten. „Im Abfallgesetz von 1986 ist die Gleichwertigkeit von energetischer und stofflicher Verwertung festgeschrieben“, sagte Luedecke. Gleichzeitig lobte er die Saft- und Milchkartons seines Verbandes als umweltverträglichen und kostengünstigen Brennstoff. Beschichtete Pappverpackungen seien wesentlich naturschonender als Glasflaschen: 30 Gramm Karton müsse die Industrie pro Liter Milch kaufen, dagegen gingen 35 Gramm Glas pro Liter verloren, wird die Milch in Flaschen gefüllt. Der Grund: Selbst Pfandflaschen fänden zu selten den Weg zurück in die Abfüllanlage.
Deshalb habe auch die DDR, wo 70 Prozent der Milch in Flaschen abgefüllt werden, ein „nicht funktionierendes Wiederverwendungssystem“. Durch Tütenmilch ließen sich immerhin 68.000 Lkw-Fahrten pro Jahr sparen, die sonst die Flaschen durchs Land transportieren müßten.
Ina Kerner
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