20.– 28. Mai 2023: Belgien

Reiseleitung: Bernd Müllender in Kooperation mit Eric Bonse

TGV-Bahnhof Lüttich-Guillemins Bild: Archiv

Eupen - Lüttich - Spa - Brüssel - Charleroi - Ostende - Gent - Antwerpen

Belgien ist wohl das unbekannteste und meist unterschätzte Land Westeuropas. Die Klischees: gesichtslos, hässlich, chaotisch, das Absurdistan Europas, ein königliches Anarchistan. Dabei ist Belgien ein extrem abwechslungsreiches Land - voller Gegensätze, Kulturen, Kuriositäten und Kunstschätzen.

PROGRAMM

PREISE UND LEISTUNGEN

 

PREIS: 1.680 € (DZ/HP/ohne Anreise)

VERANSTALTER: via cultus Studienreisen, Karlsruhe, Tel. 0721-9684773, info@via-cultus.de

 

Die Reise kann nur beim Veranstalter gebucht werden.

Das kleine Land (11 Millionen EinwohnerInnen) hat drei offizielle Landessprachen und reicht von den geheimnisvollen Ardennen, zauber- haften Städten wie Gent, Brügge und Lüttich zu den Weiten Flanderns, die Jacques Brel (ein Belgier, nicht Franzose) einst so hingebungsvoll besang. Die zweisprachige Landes- hauptstadt Brüssel ist auch Sitz der EU.

Bernd Müllender Buchautor (auch 2 Belgien-Bücher) und freier Journalist seit 1984 für die taz und viele andere (auch SZ, ZEIT)

Eric Bonse

EU-Korrespondent der taz in Brüssel

 

 

 

Belgien, sogar ein Vorbild? „Europa muss belgisch werden, oder es wird untergehen“, sagte vor gut 20 Jahren der Brüsseler Schriftsteller Geert van Istendael. Also gelte: „Belgien ist wie ein kleines Modell, wie eine Märklin-Eisenbahn Europas.“

Gemeint ist das Zusammenleben vieler Kulturen, vor allem im internationalen melting pot Brüssel (Bruxelles, Brussels, Brussel), wo einerseits die europäische Diplomaten- und Lobbyist:innenszene den Ton angibt und andererseits Mohamed (in allen Schreibweisen) seit Jahren der häufigste Vorname männlicher Neugeborener ist. 

Gemeinde Kelmis in Ostbelgien, war der Hauptort des Neutral-Gebiets Bild: Archiv

Wir sind zunächst zweieinhalb Tage in Eupen, Hauptstadt der Deutschsprachigen Gemeinschaft (niemals sagen: deutsche Gemeinschaft, nie!). Dort wird uns  DG-Ministerpräsident Oliver Paasch empfangen (wenn seiner Zusage nichts dazwischen kommt).

HIER finden Sie den Termin, bis wann für diese Reise die Mindestbuchungen vorliegen müssen, damit sie stattfinden kann. Bitte kontaktieren Sie den Reiseveranstalter vorher.

Beim Trappistenbier wird uns der Eupener Romancier Freddy Derwahl erste Erklärungen geben, was so toll daran ist, Belgier zu sein und warum eine Opernaufführung Auslöserin für die Gründung des Landes 1830 war - eine wahrlich sehr besondere Kulturrevolution.

Von Eupen aus besuchen wir den einst mondänen Kurort Spa sowie Lüttich mit seinem phänomenalen Bahnhof des spanischen Stararchitekten Santiago Calatrava und dem Stadtviertel Outremeuse, wo Georges Simenon zuhause war. Ein Treffen mit einem Anti-Tihange-Akteur ist angefragt. Die Schrottmeiler von Tihange sind keine 20 Kilometer entfernt.

Postkarte von 1910 mit dem eigenständigen Neutral-Moresnet (Neutral-Gebiet)

Am anderen Tag starten wir eine Rundreise durch das skurrile wie pittoreske Ostbelgien zwischen Aachen, Maastricht, Eupen, Verviers, Aubel, Val Dieu, Dreiländereck und dem Hohen Venn, dem größten Hochmoor Europas mit seinen Schauderlegenden. Dort versuchen wir uns bei einem kleinen Spaziergang nicht zu verlaufen und beschließen den Tag mit einem Abendessen in der mythenumrankten Baraque Michel, dem einzigen Ort der Welt, der die Vornamen des ehemaligen US-Präsidentenpaares im Namen trägt.

Das gesamte heutige Belgien lag jahrhundertelang zwischen allen Machtblöcken und war somit immer zwischen allen Fronten. Das gilt für Ostbelgien besonders. Hier begannen beide deutschen Überfälle in den Weltkriegen. Hier liegt auch das ehemalige Neutral-Moresnet, ein Stückchen Land von kaum 350 Hektar rund um eine lukrative Zinkmine, das nach dem Wiener Kongress 1815 als Provisorium festgelegt wurde (weil sich Preußen und die Niederlande nicht einigen konnten).

Das Provisorium prosperierte dann vielfältig und existierte satte 103 Jahre. Jahrzehntelang gab es deshalb auf dem Vaalserberg oberhalb Aachens ein Vierländereck. Wir suchen dort nach Spuren und lassen uns im heutigen Kelmis im Museum Vieille Montagne die Geschichte von Neutral-Moresnet erklären.

Wir kommen auch in die flämische Enklave Voeren gleich an der niederländischen Grenze, lange Jahre eine Art belgisch-internes Frontgebiet, das per Staatsdekret 1962 nicht mehr zur Wallonie gehörte sondern plötzlich zu Flandern. Wütende Straßenkämpfe waren bis in die 90er Jahre die Folge. Bauern gingen mit Mistgabeln aufeinander los, der frankophone Bürgermeister weigerte sich über viele Jahre auch nur ein Wort in der offiziellen niederländischen Amtssprache in den Mund zu nehmen.

Gildehäuser am Großen Platz in Brüssel Bild: Creative Commons

Anschließend werden wir fünf Tage und Nächte in Brüssel wohnen. Eric Bonse, der taz-Korrespondent, wird uns an zwei Tagen mit der europäischen Hauptstadt vertraut machen, mit den Strukturen des Lobbyismus, mit den komplexen politischen Ränkespielen. GesprächspartnerInnen, etwa Abgeordnete, sind angefragt. Unser aller Lernziel (auch das des Reiseleiters): ein bisschen besser verstehen, wie die EU-Moloch funktioniert.

Wir besuchen zudem im Brüsseler Comic-Museum die vielen belgischen Nationalhelden von Tim und Struppi über das Marsupulami bis zu Lucky Luke samt der Daltons und machen einen halbtägigen Fahrradausflug kreuz und quer durch die Stadt, organisiert und durchgeführt von einem Aktivisen der European Cyclists Federation.

Dabei kommen wir an den wichtigsten Stellen der Stadt vorbei (inklusive Atomium) und lernen, wie die Verkehrswende dank des Programms „Good Move“, neuen Pop-up-Radspuren und innerstädtischem Tempo 30 in Brüssel funktioniert. Selbstverständlich ist ein Besuch des Maison Antoine im EU-Viertel, der berühmtesten Frittenbude Belgiens, wo sich angeblich alle Abgeordnet:innen schon mal Hemd und Bluse bekleckert haben.

Comics sind in Belgien sehr beliebt - und schmücken auch Briefkästen Bild: Bernd Müllender

Von Brüssel aus machen wir drei Tagesausflüge in andere Städte, die jeweils in 45-75 Minuten Zugfahrt erreicht werden: nach Charleroi, nach Antwerpen und an die Küste nach Ostende mit Gent auf dem Rückweg .

In Charleroi kümmern wir uns nicht um die widerlichen Dutroux-Verbrechen (sein Haus wurde 2022 endlich abgerissen) sondern begeben uns mit dem Performance-Künstler Nicolas Buissart auf Stadtrundgang/-fahrt. Die Route seiner "Urban Safari" umfasst die abgewracktesten Orte in der „hässlichsten Stadt der Welt“ .

So urteilten einmal Leser:innen der niederländischen Zeitung de telegraaf: Zeugnisses sind etwa verlassene Stahlwerke, aufgelassene Bahnstrecken, Wellblechwüsten, marode Fassadenlandschaften, Zechenruinen, Stahlkohlehalden und ein Drink in einem der schmuddeligsten Cafés in Bahnhofsnähe. Geboten werde „eine breite Scala von ergreifenden Attraktionen“. Zum optischen Ausgleich besuchen wir anschließend das angesagte Fotomuseum der Stadt.

In Antwerpen staunen wir über den frisch renovierten Jugendstilbahnhof (verlässlich unter die Top Ten der Welt gewählt), lassen uns in der Seef-Brauerei die abenteuerliche Geschichte dieses besonderen Bieres erzählen und bei einem Kaffee in der Szenekneipe Café Zeezicht von den Inhaberinnen erklären, wie es war, 2016 alle US-Produkte aus dem Sortiment zu werfen, kaum dass Trump Präsident geworden war. Abends dinieren wir im Restaurant Instroom bei Sternekoch Seppe Nobels, bei dem Geflüchtete aus Afrika und der arabischen Welt eine Ausbildung machen und mit ihm gemeinsam crossover kochen. 

Antwerpen der 'Grote Markt' Bild: Archiv

Alternativ sind autonome Besuche der Reiseteilnehmer:innen im jüdischen Diamantenviertel möglich, im Überseemuseum, dem Hafenviertel oder dem Museum der schönen Künste. Belgiens zweitgrößte Stadt ist zu vielfältig, um alle Highlights an einem Tag zu schaffen.

In Ostende lassen wir uns von den Coastal Greeters, einer ehrenamtlichen Initiative von Einheimischen, in Kleingruppen die Stadt zeigen. Ostende besticht durch seine einmalig hässliche Hochhausbebauung entlang des breiten Strandes, hat ein zauberhaftes Jugendstilviertel, war Landsitz der Könige bis ins frühe 20. Jahrhundert (mit zahllosen Hinterlassenschaften wie Palast und Pferderennbahn), Fluchtort vieler vor allem jüdischer Schriftsteller und Künstler ab 1933 vor der Überfahrt nach Amerika. Und Ostende war Geburts- und Wohnort des großartigen satirischen Malers James Ensor (1860-1949), dem ein tolles neues Museum gewidmet ist. 

Zudem pendelt an der belgischen Küste im Viertelstundentakt die kust tram, die längste Straßenbahn der Welt, 60 Kilometer von der französischen bis zur niederländischen Grenze. So ist auch ein Besuch im schicken de Haan möglich, wo auf einer Parkbank ein steinerner Albert Einstein wartet.

Auf der Rückfahrt nach Brüssel machen wir ab dem späten Nachmittag einen Abstecher nach Gent, für einen Stadtrundgang und das Abendessen in einem vegetarischen Bowls-Restaurant, begleitet von der städtischen Verkehrsplanerin Ann Plas, die die Genter Innenstadt seit 1917 weitgehend autofrei gemacht hat.

Gent arbeitet an der Verkehrswende: der Korenmarkt ist bereits autofrei Bild: Carlos Sanchez

Die mittelalterliche Studentenstadt Gent, die in Vielem das touristisch völlig überlaufene Brügge in den Schatten stellt, nennt sich „Veggie-Hauptstadt Europas“. Hier gibt es sogar ein halbes Dutzend Frittenbuden, die in Pflanzenfett brutzeln statt im belgienweit üblichen Rindernierenfett – eine kulinarische Kulturrevolution.

Am Rückreisetag machen wir am Vormittag einen Stopover im zauberhaften Leuven (Löwen, Louvain) mit der ältesten Universität des Landes (seit 1425) und/oder noch einmal in Lüttich zum Besuch des schrägen Café Chantant, ein typisch-traditionelles Gesangscafé, wo jede/r auf die Bühne darf und ein oder zwei Lieder, live vom Pianisen begleitet, zum Besten geben kann. Die Reise endet gegen 17 Uhr in Aachen. 

Alle Reisen werden mit öffentlichen Verkehrsmitteln gemacht (meist mit belgischen IC). Ausnahme ist die Rundreise durch Ostbelgien zu Beginn, hier steht uns ein  angemieteter 20-Sitzer samt Fahrer zur Verfügung.

Zur Sicherheit der Reisegruppe und unserer Gesprächspartner*innen müssen alle Reisenden vollständig (d.h. mit Auffrischungsimpfung) geimpft sein oder in den letzten sechs Monaten vor Reiseantritt von einer Covid-19-Erkrankung genesen sein. Details zur Geltungsdauer von Impfzertifikaten und wie Sie sich gegen die Folgekosten einer Covid-Ansteckung während einer Reise versichern können: HIER. Während der Reise achtet die Reiseleitung auf die Einhaltung der Corona-Regeln (Abstand, Hygiene, FFP-2-Masken)