piwik no script img

Deutsche Staatsbürg(er)schaft

■ Deutsch werden, Inder bleiben — keine leichte Aufgabe/ Warum zögert Banerjee?/ In Zukunft als Fremder in Indien, und was ist, wenn hier in Deutschland irgend etwas passiert?

In der Kommodenschublade im Wohnzimmer seiner Weddinger Wohnung liegt der indische Paß von Manik Banerjee. Darin, säuberlich gefaltet, der Antrag auf Ausstellung eines deutschen Passes.

Eigentlich geht es ganz einfach: Um den deutschen Paß zu bekommen, muß Banerjee das Formular ausfüllen und zusammen mit seiner Geburtsurkunde und hundert Mark Gebühren an das Bundesinnenministerium schicken. Das hört sich einfach und problemlos an.

Doch nach indischem Recht ist eine doppelte Staatsbürgerschaft nicht zulässig, also wird sich Banerjee entscheiden müssen zwischen Deutschland — und damit der Europäischen Gemeinschaft — und Indien.

Leicht wird ihm die Entscheidung nicht fallen. Banerjee ist mittlerweile 50 Jahre alt, die letzten 30 Jahre hat er in Deutschland verbracht.

Hier hat er zuerst an einer Technischen Universität in der Nähe von Braunschweig und dann in Berlin Ingenieurwissenschaften studiert. Heute leitet er seinen eigenen Betrieb. Seine mittlerweile von ihm geschiedene Frau ist Deutsche, die gemeinsame Tochter ist mit einem Holländer verheiratet und lebt in den Niederlanden.

Aber obwohl Banerjee Aufenthaltsrecht genießt, unterliegt er den zahlreichen Beschränkungen. Ohne den deutschen Paß kann er zum Beispiel nur dann bei der Bank einen Kredit aufnehmen, wenn er einen potentiellen Bürgen präsentiert.

Für Reisen in andere europäische Länder braucht er ein Visum. Mit dem deutschen Paß, sagt er, „könnte ich mich niederlassen, wo ich wollte“.

Aber noch zögert er. Indien in Zukunft als Fremder besuchen zu müssen, das entspricht nicht seinen Vorstellungen. Sollte er sich dennoch für die deutsche Staatsbürgerschaft entscheiden, müßte er eine Einreiseerlaubnis beantragen, um sein Heimatland betreten zu können. Und er fürchtet bürokratische Komplikationen, sollte er eines Tages nach Indien zurückkehren wollen.

„Was, wenn hier irgend etwas passiert?“ fragt er, immer noch von Zweifeln geplagt, daß der deutsche Paß ihn vor Veränderungen in der deutschen Ausländerpolitik schützen kann.

Da fallen ihm die deutschen Juden ein, die trotz ihrer deutschen Staatsbürgerschaft von den Nazis verfolgt und ermordet wurden. Oder die in Uganda lebenden Inder, die auf der Flucht vor Idi Amin von der britischen Regierung abgewiesen wurden, obwohl sie britische Pässe hatten.

Bis zum Ende des Jahres will Manik Banerjee noch warten mit seiner Entscheidung. Momentan neigt er eher dazu, seinen indischen Paß aus der Schublade zu holen und gegen den deutschen einzutauschen. Zakiah Omar

taz lesen kann jede:r

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Texte, die es nicht allen recht machen und Stimmen, die man woanders nicht hört – immer aus Überzeugung und hier auf taz.de ohne Paywall. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 40.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen