■ Zur Deutschland-Rede Václav Havels (siehe taz vom 18.2.)

Grenzen der Grenzüberschreitung

Sicher, manche hatten von Václav Havel mehr erwartet. Eine große Geste, ein Angebot, einen Schritt nach vorn. Die Anerkennung des „Heimatrechts“ der Sudetendeutschen etwa. Das hätte kaum praktische Folgen gehabt – schließlich können Deutsche schon heute nach Tschechien ziehen, doch kaum einer der Vertriebenen hat diese Möglichkeit bisher wahrgenommen. In der politischen Auseinandersetzung jedoch hätte der tschechische Präsident den sudetendeutschen Führern endlich ein Schlagwort genommen, mit dem sich ihre revisionistischen Forderungen nur allzugut verdecken ließen. Recht auf Heimat ist schließlich – das zeigen nicht zuletzt Krieg und Vertreibung in Bosnien – ein Menschenrecht.

Dennoch hat Václav Havel diesen Schritt nicht gewagt. Der Präsident scheute das Feuer – und das zu Recht. Hatte er sich doch bereits einmal vorgewagt, als er 1990, wenige Wochen nach seiner Wahl zum Staatspräsidenten, öffentlich sein Bedauern über die Vertreibung ausdrückte. Damals erntete er Sturm im eigenen Land und Schweigen in Bonn. Statt dessen gingen die Sudetendeutschen in die Offensive. Nun forderten sie erst recht eine Aufhebung der Vertreibungsdekrete, und Bonn unterstützte sie zumindest indirekt: Verhandlungen über eine Entschädigung der tschechischen Opfer der Nazi-Okkupation wurden mit dem Verweis auf die fehlende Entschädigung der Sudetendeutschen blockiert. In Prag aber wurden diese Folgen der Havelschen Entschuldigung deutlich gesehen. Auch deshalb – und nicht nur weil sie die Tschechen völlig unvorbereitet traf – wurde sie im Laufe der Jahre immer schärfer verurteilt. Jeder erneute Versuch, den deutschen Forderungen zumindest etwas entgegenzukommen – wie das Angebot der Regierung von Václav Klaus, direkt mit den Sudetendeutschen in einen Dialog zu treten –, war so zum Scheitern verurteilt. Die deutsch-tschechische Realität hatte dem Dramatiker und seinen grenzüberschreitenden Schritten die Grenzen gezeigt.

Für den Staatspräsidenten Havel mußte es daher jetzt darum gehen, die zweiseitige Blockade zu überwinden. Er mußte der tschechischen Öffentlichkeit ebenso wie den deutschen Politikern deutlich machen, daß er die Vertreibung zwar weiterhin für etwas „Böses“ hält, daß eine Revision der europäischen Nachkriegsordnung jedoch unter keinen Umständen in Frage kommt. Er mußte Tschechen und Sudetendeutschen ausdrücklich sagen, daß er mit seiner Entschuldigung eine solche nie beabsichtigt hatte. Er mußte alte Mißverständnisse beseitigen, um einen neuen Anfang zu versuchen. Für manche war die Rede ein Schritt zurück. Doch vielleicht muß man manchmal einen Schritt zurückgehen, um dann zwei nach vorne machen zu können. Sabine Herre