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Die Gesichtslosigkeit bleibt

■ betr.: „Kritik von Wiesenthal“ (Holocaust-Denkmal-Streit), taz vom 7. 7. 95

Und zum Gedenken nach Berlin ...? Angesichts des Streits um das „zentrale“ Holocaust-Denkmal in der Hauptstadt drängen sich die Fragen in den Vordergrund: Was ist eine würdige Form des Gedenkens, wie an das grausame Ausmaß des nationalsozialistischen Völkermordes erinnern?

Der erhobene Zeigefinger in Stein, nun in Form einer gigantischen Grabplatte mit rund 4,2 Millionen Namen der jüdischen Opfer. Wer setzt wem ein Denkmal: Rosh/Jäckel den Opfern oder eher ihrem Starrsinn, ihrer Eitelkeit und Gigantomanie?

Selbst wenn es möglich wäre, die Namen sämtlicher Opfer des Holocaust überhaupt zu ermitteln – wie schwierig sich dieses Unterfangen zum Beispiel für das ehemalige Land Lippe mit rund 300 Opfern im Rahmen eines Projektes gestaltete, davon weiß ich als Historiker quasi ein Lied zu singen – die Gesichtslosigkeit der Opfer bleibt.

Ein kleineres Denkmal und mehr Geld für die Geschichtsarbeit vor Ort. So läßt sich jüdisches Leben und jüdisches Leiden plastisch vermitteln, so wird der Verlust der jüdischen Kultur deutlich: im Schicksal des Kaufmannes Cohen, der Schülerin Katz oder der städtischen Angestellten Meyer. Und das läßt sich in Dokumentationen, Ausstellungen und Stadtrundgängen anschaulich „erfahren“.

Gigantische Denkmäler nutzen niemandem! Jürgen Hartmann, Rheine

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