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Jazz zwischen Sport und Kunst

■ In der Konzertreihe „rising stars“ trat der junge, dynamische Saxophonist Mark Turner mit seinem Quartett im KITO auf

Zuerst schien sich der Auftritt eher zu einer sportlichen Übung zu entwickeln: Der Saxophonist Mark Turner begann das Konzert mit einem hochkomplizierten Stück von Thelonious Monk, und alle vier Musiker improvisierten darauf so ehrgeizig, schnell und energisch, daß man als Zuhörer eher erstaunt als ergriffen war. Zum Glück wärmten sich die vier mit diesem Stück nur an, aber auch später gab es immer wieder Phasen, in denen die Musiker unbedingt höher, rasanter und komplizierter spielen wollten. Eines der gängigen Klischees über Afroamerikaner ist ja, daß sie nur im Sport oder in der Musik Karriere machen können, und hier bekam man einen Eindruck davon, daß die beiden Alternativen gar nicht so weit voneinander entfernt liegen. Und wenn Turner dann noch kurz sein Denzel-Washington-Lächeln aufblitzen ließ, konnte man ganz genau den winner in ihm sehen.

Spätestens beim dritten Stück des Abends, Wayne Shorters schöner Ballade „Nefertiti“, hörte man dann auch den Künstler Mark Turner. Vielleicht brauchte er einfach etwas Zeit, um sich einzuspielen, aber jetzt bließ er sein Tenorsaxophon mit einer eigenen Stimme voller Soul, verzichtete auf virtuose Angebereien und ließ sich wirklich auf die Musik ein. Da konnte man einen ernsthaften, gebrochen romantischen Jazzmusiker entdecken, mit einem Ton irgendwo zwischen Stan Getz und Joe Henderson, der den besten Trick aller Bläser bereits souverän beherrscht, nämlich auf seinem Horn zu singen. Die Vorbilder klangen zwar immer wieder durch, so spielte er hymnisch wie Coltrane und meditativ wie Charles Lloyd, aber seine Kompositionen waren durchaus eigenständig und längst nicht solche offensichtlichen Plagiate wie etwa die seines role-models Joshua Redman.

Anders als die meisten schwarzen Jazzmusiker, die bisher mit der „rising stars“-Konzertreihe ins Vegesacker KITO kamen, blickt Mark Turner über den Tellerrand seiner „hood“ und spielt mit weißen Jazzern zusammen. So entpuppte sich neben dem Bandleader Kurt Rosenwinkel als die zweite Entdeckung des Abends. Es ist selten, daß ein Musiker in einem Konzert abwechselnd auf der E-Gitarre und dem Flügel spielt. Auf beiden Instrumenten glänzte Rosenwinkel mit einem frischen, sehr angenehmen Touch. Die Gitarre spielte er mit einem organisch warmen Klang, der an Wes Montgomery erinnert, und auch am Piano hatte er einen klassischen Jazz-Anschlag, mit dem er die Kompositionen auf ihre melodischen Tiefen hin auslotete. Drummer Jorge Rossy und Bassist Doug Weiss ergänzten die Band zu einem perfekt aufeinander eingestimmten Quartett. Sie sollten sich nur langsam abgewöhnen, so protzig mit ihren musikalischen Muskeln zu spielen.

Wilfried Hippen

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