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WLADIMIR KAMINER über russische Kommunikationsnetze

Der Radiojurist

„So viele Russen wie jetzt gab es in Berlin seit 1945 nicht mehr“, sagte neulich meine Nachbarin Frau Moll, eine vornehme Dame. Dabei ist Frau Moll keine geborene Berlinerin, genau wie wir. Kurz vor dem Krieg zog sie aus einem mecklenburgerischen Dorf nach Berlin.

„Die Russen kamen nach Gorbatschow“, meinte sie. Als er 1989 die Schönhauser Allee runterfuhr, waren die Dächer in der Umgebung voll von neugierigen Einheimischen, alle wollten dem ersten sowjetischen Generalsekretär mit menschlichem Antlitz zuwinken. Gorbatschow winkte freundlich zurück: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ – die Einheimischen fielen vor lauter Begeisterung beinahe von den Dächern – direkt in die Hände der Staatssicherheit. Sie dachten, dass Gorbi mit diesem Spruch sie meinte: Sie sollten sich schnell mit dem Westen vereinigen.

Aber das war ein Missverständnis. Eigentlich waren Gorbatschows Worte nicht an die Deutschen, sondern an die Russen gerichtet. Er wollte damit sagen: Seht, ich bin schon aus dem Schneider. Bald werde ich mich zur Ruhe setzten und in allen Talkshows auftreten, wo man über Politik plaudert. Mich mögen hier alle, weil ich attraktiv und preiswert bin. „Kommt nach Europa“, lud Gorbatschow seine Landsleute ein, „es ist schön hier!“

Die Russen überlegten nicht lange – und kamen massenhaft nach Deutschland. In den nächsten 10 Jahren ist in Berlin ein russisches Kommunikationsnetz entstanden, damit sich meine Landsleute auch hier wie zu Hause fühlen können.

Es gibt inzwischen ein eigenes Fernsehprogramm in russischer Sprache, nicht so groß wie das türkische, nur Sonntags eine halbe Stunde auf dem Spree-Kanal – aber immerhin ein richtiges Fernsehprogramm. Der Name des Senders: RKPB, lässt einen gleich an die Revolution und an den Kommunismus denken, dabei heißt es ausgeschrieben nur „Russisches Kulturelles Programm Berlins“.

Die Sendung wird von einem alten Mann gemacht, der seine kleine Einzimmerwohnung in Charlottenburg zu einem Fernsehstudio umgebaut hat. In seiner Wohnung wird das gesamte Programm aufgenommen. Als Moderatoren treten entweder er selbst oder seine Frau auf, manchmal auch sein Hund, wenn Frauchen gerade einkaufen gegangen ist und der Chef hinter der Kamera steht.

Und dann gibt es noch eine russische Redaktion beim Sender SFB 4 Radio Multikulti. Sie hat natürlich viel mehr Freiraum: Jeden Tag sendet sie eine halbe Stunde lang und hat eigene Korrespondenten in fast allen Bundesländern. Die Russen werden von ihr in fast allen Lebensbereichen von fachkundigem Personal beraten. Von besonderem Interesse sind solche Radioprogramme wie die „Ratschläge eines Doktors“ und der „juristische Ratgeber“.

Der Mediziner bekämpft ständig die allgemein verbreitete russische Paranoia – alle Lebensmittel im Westen seien von Chemikalien vergiftet. Er erzählt, wie man sich hier trotz der komplizierten Lage gesund ernähren kann. Der Jurist berät die Neuankömmlinge bei ihren Rechtsproblemen. „Ich habe vor kurzem einen jungen Deutschen geheiratet und bin zu ihm gezogen“, erzählt eine Russin aus Celle, „und nun habe ich eine Aufenthaltserlaubnis für drei Jahre von der deutschen Behörde bekommen. Wenn meinem Mann plötzlich etwas zustößt, wenn er z. B. bei einem Autounfall ums Leben kommt, wird mir dann mein Aufenthaltsrecht entzogen oder nicht?“ „Sehr geehrte Frau aus Celle“, antwortet der Jurist, „Ihnen wird in dem Fall nicht ihr Aufenthaltsrecht entzogen, aber es wäre trotzdem besser, wenn ihr Mann noch ein paar Jahre länger leben würde.“