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Wladimir Kaminer über 68 im real existierenden Sozialismus

Unsere kleinen Siege und großen Niederlagen

Die aktuelle 68er-Debatte beweist endgültig, dass wir uns in einer Zeitschleife befinden. Plötzlich kehren auch noch die Siebziger zurück. Im Rundfunk singen ununterbrochen die Beatles, im Fernsehen ärgern sich die Studenten aus den Siebzigerjahren über die Polizei und liefern ihnen Straßenschlachten.

Ich wurde erst 1967 geboren und kam ganz woanders zur Welt: in Moskau, im Land des real existierenden Sozialismus. Aber auch wir hatten damals unsere Schlachten, unsere kleinen Siege und großen Niederlagen.

Gleich nach meiner Geburt bekamen meine Eltern eine Zweizimmerwohnung vom Staat, als eine Art Aufmunterung oder Entschädigung für die Qualen meiner Geburt: Sie zogen aus einem Schlafbezirk in einen anderen um. Gegenüber von unserem neuen Haus befand sich ein großes Kaufhaus, auf dessen Fassade „Streichhölzer“ stand.

Die Bewohner des Bezirks machten sich darüber lustig. „Jawohl“, sagten sie, „wenn hier zu Lande auch so manches fehlt, Feuer werden wir immer haben.“ In dem Kaufhaus konnte man zwar alle möglichen Waren bekommen: Brot und Tomatensaft – in Dreiliterbüchsen, Butter und Portwein, Hosen und Hemden und manchmal sogar Cowboystiefel aus Ungarn. Aber all diese Produkte waren nicht richtig präsent, und außerdem kamen sie unregelmäßig und verschwanden auch schnell wieder aus den Regalen.

Streichhölzer gab es dagegen immer. Meine Freunde und ich, wir gingen damals gerade in die fünfte Klasse und langweilten uns zu Tode. Außer Rauchen auf der Toilette und mit Zwillen schießen fiel uns nichts ein. Einige Mädchen aus unserer Klasse nahmen nach der Schule Ballettunterricht, der regelmäßig dreimal in der Woche im Kulturklub des Wohnbezirks stattfand.

Die anderen Mädchen, die für das Ballett zu dick oder zu faul waren, hingen nachmittags in der Schule herum und kuckten sich die aktuellen Schnittmuster in polnischen Frauenzeitschriften ab. Für die Jungs gab es im Kulturklub zwei Möglichkeiten: Mitglied eines naturkundlichen Schülerzirkels zu werden und die Kaninchen füttern oder im Chor der jungen Pioniere mitzusingen.

Wir wollten aber mehr. Uns ödete der Klub an. Für den Chor waren wir nicht debil genug, und die verfluchten Kaninchen interessierten uns auch nicht. Wir sehnten uns nach wilden Abenteuern und frechen Heldentaten, die uns unser Arbeiterbezirk jedoch nicht bieten konnte. Deswegen beschlossen wir, eine geheime Organisation zu gründen und politisch aktiv zu werden.

Unser Ziel war die Bevölkerung des Bezirks so lange zu terrorisieren, bis alle verstanden, dass es so nicht mehr weiterging. Unsere politischen Überzeugungen waren unterschiedlich, aber in einem Punkt waren wir uns alle einig: Das gesamte Leben um uns herum musste sich grundsätzlich ändern. Wir überlegten uns krampfhaft eine politische Aktion, um die Existenz unserer kleinen Organisation für die Bevölkerung sichtbar zu machen.

Es gab so viel zu tun, aber wo sollte man anfangen? Ungeschickterweise hatten wir das Kaufhaus „Streichhölzer“ zu unserem ersten Tatort erwählt. Unser Plan war gewaltfrei, aber eindrucksvoll: Wir wollten alle Streichhölzer aus dem Kaufhaus wegkaufen und dadurch Unruhe in der Bevölkerung hervorrufen. Mit dem Geld, das uns die Eltern für das Schulfrühstück gaben, 15 Kopeken pro Nase, konnte jeder von uns jeden Tag fünfzehn Schachtel Streichhölzer kaufen.

Unser Kampf gegen das Kaufhaus zog sich über Monate hin, einige Kilo Streichhölzer häuften sich schon in unserem Versteck im Wald. Ohne das gewohnte Frühstück magerten wir unterdes stark ab. Das Risiko entdeckt zu werden, wurde von Tag zu Tag immer größer. Das verdammte Kaufhaus wollte aber nicht klein beigeben. Wir hatten keine Ahnung, wie diese sozialistische Planwirtschaft wirklich funktionierte, wie viel von dem Zeug sie dort noch vorrätig hatten. Vielleicht waren es Milliarden? Vielleicht noch mehr?

Wir sahen uns also gezwungen, die Kampftaktik zu ändern, und beschlossen daher, über Nacht das Kaufhaus anzuzünden. Auf diese Weise konnten wir zwei Kaninchen mit einem Schlag erledigen: ein Zeichen setzen und Unruhe stiften und gleichzeitig unsere fünf Kilo Streichhölzer loswerden, womit wir sauber aus der Sache heraus wären.

Wir verschafften uns Zugang zu den Kellerräumen des Kaufhauses, was gar nicht so schwer war, und brachten alle unsere Streichholzvorräte dorthin, legten noch ein bisschen Zeitungspapier oben drauf und zündeten den Haufen an.

Zu unserem Erstaunen waren alle Brandstifterbemühungen leider vergeblich: Die Streichhölzer qualmten und stanken, brannten aber nicht. Sie waren wahrscheinlich nass oder einfach schlecht – keine Qualitätsware eben. Dicker stinkender Nebel war das einzige Ergebnis unseres Terroranschlags. Wir kriegten keine Luft mehr, fühlten uns überfordert und zogen Leine – wir gingen in den Untergrund.