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WLADIMIR KAMINER über Hamburger Rechnungen

Die große Prüfung

Der russische Kunsttheoretiker Schklowski erfand gern Geschichten, die er dann für wahre Begebenheiten ausgab. Wenn er jemanden zitierte, konnte man nie sicher sein, ob das Zitat wirklich stimmte. So hatte er zum Beispiel den Begriff der „Hamburger Rechnung“ in die Kunstwissenschaft eingeführt.

In Hamburg gab es laut Schklowski Anfang des letzten Jahrhunderts eine Kneipe, in der sich jedes Jahr die Zirkus- und Straßen-Kämpfer heimlich trafen, um festzustellen, wer von ihnen etwas taugte. Bei ihren öffentlichen Auftritten mussten die Kämpfer oft Niederlagen oder Siege vortäuschen, sie wurden von korrupten Managern ausgebeutet, von Geldproblemen geplagt. Aber einmal im Jahr wollten sie wissen, wie gut sie wirklich waren, und dabei kämpften sie im Hinterraum der Kneipe unter Ausschluss der Öffentlichkeit nach der so genannten Hamburger Rechnung. Die Ergebnisse dieser Kämpfe blieben geheim.

So etwas wie eine Hamburger Rechnung müsste es nun auch in der Kunst geben, meinte Schklowski. Wie das gehen soll, führte er allerdings nicht aus. Die Zirkus- und Straßenkämpfer hatten es gut. Gemäß der Hamburger Rechnung mussten sie nichts anderes tun, als alle ihre Konkurrenten K.O. zu schlagen. Wie mein Landsmann, der Profiboxer Klitschko, einmal treffend sagte: „Der Gegner geht zu Boden – alle verstehen . . .“

Aber die meisten anderen Berufsgruppen, seien es nun Ärzte, Künstler oder Pädagogen, können sich so eine Hamburger Rechnung gar nicht leisten, sie können nicht einfach gegeneinander antreten und sich umhauen. Deswegen sind viele frustriert, scheitern schon bei der Aufnahmeprüfung oder treten ihren Beruf erst gar nicht an.

Meine Nachbarin Susanne zum Beispiel ist Krankenschwester. Seit Jahren arbeitet sie in der Gerontologie. Oft erzählt sie uns von komplizierten Pflegefällen, von ihren langen Nächten im Krankenhaus. Ihre Patienten sterben einer nach dem anderen, die Gerontologie ist praktisch die letzte Lebensstation. Susanne hat einen anstrengenden Job.

Eigentlich wollte sie früher Lehrerin werden. Aber in der DDR musste man dafür zuerst eine Schreiprüfung bestehen, um als Lehrer, aber auch als Pfarrer arbeiten zu können. Die Prüferin machte dazu die Tür ihres Arbeitszimmers auf und sagte zu Susanne: „Ich möchte, dass Sie jetzt so laut schreien, dass diese Tür von alleine wieder zugeht.“ Susanne schrie aus Leibeskräften, die Fensterscheiben klirrten – aber die verdammte Tür ging einfach nicht zu, als wäre sie aus Beton. „Berufsuntauglich“ stellte die Prüferin lapidar fest. Und Susanne fing als Krankenschwester an, nebenbei trainierte sie täglich ihre Stimme.

Nach einem halben Jahr konnte Susanne allein mit der Kraft ihrer Stimme alle Türen in ihrer Wohnung aus einer Entfernung von zwei Metern auf- und wieder zumachen.

Schließlich meldete sie sich erneut zur Lehrerinnenprüfung an. „Guten Tag“, schrie Susanne die Prüferin an. Die Tür ihres Kabinetts ging gleich mehrere Male hinter einander auf und zu, auf und zu. Ein Bild fiel von der Wand zu Boden. „Sie können schreien, solange Sie wollen“, sagte die Prüferin, „trotzdem scheint mir Ihre Stimme immer noch zu piepsig, also für die Schule total ungeeignet zu sein. Ich glaube also nicht, dass sie als Lehrerin Erfolg haben werden“, sagte sie und erklärte Susanne wieder für berufsuntauglich.

Kurz darauf brach die DDR zusammen, und man brauchte keine Schreiprüfung mehr abzulegen. Aber Susanne hatte sowieso keine Lust mehr drauf.