Wem gehört der Kreuzberger Kiez? Den "Türken", weil es vier türkeistämmige Kandidaten gibt? Oder sitzen wir alle im selben Gentrifizierungsboot? Eine Diskussion im taz-Café.von SUSANNE GANNOTT

Für immer "die Türken" oder ganz normale Kandidaten? v.l.n.r.: Figen Izgin, Turgut Altug, Muharrem Aras, Ertan Taskiran Bild: Linke, Grüne, SPD, CDU
Gewählt sind sie noch nicht. Und doch sorgen die vier schon jetzt für Gesprächsstoff - denn Muharrem Aras (SPD), Figen Izgin (Linke), Turgut Altug (Grüne) und Ertan Taskiran (CDU) sind nicht nur türkeistämmige Lokalpolitiker. Sie alle sind Direktkandidaten im Kreuzberger Wahlkreis 3 für die Abgeordnetenhauswahl am 18. September. "Das ist bundesweit einmalig", erklärte taz-Redakteurin Alke Wierth zu Beginn der ersten von fünf taz-Wahlveranstaltungen am Mittwochabend im taz-Café. Dass alle vier großen Parteien Kandidaten mit Migrationshintergrund aufstellen, wecke daher überregional Interesse, zumal in post-sarrazinschen Zeiten. Aber wie sehen das die Kandidaten: Bedeutet die gemeinsame Herkunft wirklich so wenig, wie sie vor Kurzem in der Zeit betonten?
In diesem Punkt waren sie sich tatsächlich ziemlich einig. "Es stört mich, dass ständig über meine türkische Herkunft gesprochen wird", sagte der 41-jährige Taskiran (CDU). Auch Izgin (Linke) legte Wert auf die Feststellung, man unterscheide sich schon sehr in den politischen Forderungen. Zudem verbinde sie nach 32 Jahren in Berlin nur mehr wenig mit der Türkei: "Dahin komme ich höchstens einmal im Jahr im Urlaub." Der Grüne Altug erklärte, es sei doch selbstverständlich, dass man sich dort, wo man lebe, politisch einbringe. Gleichzeitig gab er zu, die Vierfach-Kandidatur von Deutschtürken sei "ein erster Schritt, die gesellschaftliche Wirklichkeit der Straße abzubilden" - mithin längst keine Normalität. Zugleich sei sie aber auch eine Antwort auf Thilo Sarrazin: dass sich Menschen, die aus der Türkei stammen, hier politisch engagieren - aber nicht als homogene Gruppe, sondern als politische Konkurrenten.
Dass migrantische Kandidaten die richtige Reaktion auf Sarrazin sind, musste SPD-Vertreter Aras natürlich auch finden. Er wies zudem darauf hin, dass die Kreuzberger SPD sich vehement gegen den ehemaligen Finanzsenator ausgesprochen habe, und betonte, dass die hohe Zustimmung zu dessen rassistischen Thesen "nicht nur ein SPD-Problem" sei. Dem stimmte wiederum Izgin zu: "Das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem."
Das nächste taz-Wahllokal findet am Mittwoch, 24.8.11, statt. Dann geht es um die Frage: Welche Stadtentwicklung braucht die Kultur? Wie schafft man Raum für Kreativität?
Die Teilnehmer sind: Johanna Schlaack (think Berl!n), Thomas Wulffen (Kurator), Andreas Krüger (Modulor/Aufbauhaus), Christophe Knoch (Mica Moca), Moderation: Nina Apin, taz-Berlin-Redakteurin für Lebenswelten.
Alle Veranstaltungen immer mittwochs um 19:30 Uhr im taz-Café in der Rudi-Dutschke-Straße 23, Berlin-Kreuzberg.
Infos unter www.taz.de/veranstaltungen
Mit der Einigkeit war es jedoch schnell vorbei, als die taz-Moderatorin die Debatte auf das eigentliche Thema des Abends lenkte: Wem gehört der Kiez - noch, möchte man sagen, angesichts der drastischen Mietsteigerungen in Kreuzberg - ? Nun begann das bei Politikern beliebte Spiel der gegenseitigen Schuldzuweisungen.
Mietpolitik sei vor allem Bundespolitik, erklärte die Linke, deren Partei seit zehn Jahren mitregiert. Außerdem habe der Regierende Bürgermeiser Klaus Wowereit (SPD) steigende Mieten lange sogar gut gefunden. Auch der grüne Bürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg habe weit weniger getan, als er hätte können, so Izgin. Das konnte der Grüne nicht auf sich sitzen lassen - und warf umgekehrt Rot-Rot sträfliche Untätigkeit vor. Worauf der SPDler auf die "Umwandlungsverordnung" verwies, die der Senat gerade auf sieben Jahre verlängert habe - als Schutzfrist der Mieter vor Eigenbedarfsklagen.
Wenig Konkretes hatten die vier auch zum Thema Bildung anzubieten, genauer zu der Frage: Was tun gegen das Phänomen, dass viele Kreuzberger Schulen fast 100 Prozent Schüler nichtdeutscher Herkunft haben, weil die Deutschen ihre Kinder in anderen Bezirken einschulen? Die Linke-Vertreterin erklärte, die Schulen bräuchten mehr und motivierteres Personal, damit auch die Deutschen wieder dorthin wollten. Der Grüne forderte eine Öffnung der Schulen "in den Kiez" sowie mehr "Geld für Bildung". Der CDUler monierte - völlig am Thema vorbei - fehlende "Sicherheit und Sauberkeit" in Kreuzberg. Und der SPDler wollte "drüber nachdenken", das Wohnortprinzip bei der Schulwahl verbindlich zu machen. Das hat Rot-Rot zwar gerade abgeschafft. Aber was solls?
Der Sitzplan des Abgeordentenhaus soll doch kein Senatsorakel sein. Ein Mitarbeiter habe die Namen von SPD- und CDU-Politikern nur versuchsweise eingetragen, sagt die Parlamentsverwaltung. von Gereon Asmuth

Nach dem Schönefeld-Debakel sind vor allem die Anlieger von Tegel sauer. Eigentlich wollten sie an diesem Wochenende das Ende des City-Flughafens feiern. Viele werden das trotzdem tun: weil sie wollen oder müssen

Die Hauptstadt hat gewählt. Rot-Rot hat verloren. Der bisherige Senat hat keine Mehrheit mehr. Dafür zog am 18. September 2011 die Piratenpartei erstmals in ein Landesparlament ein. Sie bekam gleich 8,9 Prozent der Stimmen. Auch die Grünen legten ordentlich zu. Für eine Regierungsbeteiligung reichte es dennoch nicht. Denn die Koalitionsgespräche mit der SPD sind geplatzt. Die Sozialdemokraten verhandeln nun mit der CDU über die Bildung des neuen Berliner Senats.
Alle taz-Texte zur Berlinwahl 2011 finden Sie hier in der Übersicht.
Kita-Ausbau, Betreuungsgeld, Flexi-Quote - nix klappt bei der Familienministerin. Keine Schnute ziehen, Frau Schröder. taz.de hat Vorschläge für andere Aktivitäten.

Echte Stars, begeisterte Fans, prima Shopping-Tipps - wir freuen uns auf die Fußball-Europameisterschaft.

Starre Rituale, öde Debatten, ein Haus der Langeweile? Nicht in der Ukraine! Hier werden Parlamentsdebatten noch mit Leidenschaft, Herzblut und handfesten Argumenten geführt!

Weltraumtouristen, Satelliten und Versorgungsflüge zur ISS – die Raumfahrt wird privatisiert und kommerzialisiert.


Leserkommentare
19.08.2011 18:17 | Tobias Homer
Zufällig war ich bei der Diskussionsveranstaltung auch dabei.Hinsichtlich der Frage, ob die Kandidat_innen außer ihrer Herk ...