taz-Serie "Soziale Stadt": Kneipensterben in Kreuzberg
Schluss mit lustig
Mit Bierhimmel und Café Jenseits hat die Oranienstraße in Kreuzberg zwei Institutionen des Nachtlebens verloren. Der Verlust ist eine Begleiterscheinung der rasanten Aufwertung des Kiezes.von Nina Apin
Leserkommentare
11.06.2010 05:34 Uhr
von Wundersam:
Da waere es doch sinnvoll, wenn die Aktivisten und Szenen sich Naehe Koernerpark / S-Bahnhof Neukoelln ansiedeln, im uebrigen von der Bau-, und Platzstruktur her eine traumhafte Gegend.
12.04.2010 03:03 Uhr
von Jürgen Pressler:
ich kam 1985 nach Berlin, zog in eine kleine Einzimmerwohnung in der Forster.
159.-DM hat sie gekostet.
Meine Freundin und unser Sohn hatte im gleichen Haus ne WG.
Das war ne wunderbare Zeit.
Die Gegend war so, wie ich immer dachte, dass man wohnen und leben sollte.
Abends in einer der Kneipen sitzen, Billard spielen oder einfach Freunde treffen und quatschen.
Mit wenig Geld war das alles möglich.
Man war unter sich. Unter Menschen, die nicht viel hatten aber viel draus machten.
Die Spielplätze waren so, dass wir unsere Kinder gerne dort hin ließen.
Selbst verwaltete Kinderläden waren die Norm und es war einfach friedlich.
Der Erste 1. Mai hat dann zum Ersten Mal für Unruhe gesorgt. Das war aber auch nach ein paar Tagen erstmal wieder gut.
Zumindest was die äußere Ruhe anging.
Die O-Straße war zu dieser Zeit vielleicht noch nicht soo belebt wie´s dann einige Jahre später war. Aber dort waren kleine Läden, Kneipen in denen Live-Musik war, türkische Läden wo man für 1,50 DM morgens noch ne Linsensuppe aß, bevor man dann nach hause ging.
Durch die Mauer waren wir dort in einem kleinen, beschützten Bereich, für den sich niemand interessierte.
Nachdem die Mauer aufging kam alles sehr schnell, sehr anders!
Die Spekulanten fingen an, den geografischen Mittelpunkt Berlins zu erkunden und zu kaufen. Und zu verändern.
Mein Wohnhaus wurde regelrecht entmietet, wie viele andere auch.
Ich könnte da Namen nennen aber ich bin ja nicht verrückt.
Dieser ganze Prozess hat nicht aufgehört. Nein, wie immer im Kapitalismus dreht sich die Zentrifuge in eine Richtung und immer schneller.
Inzwischen haben die Spekulanten den guten Geschmack wohl vollkommen und zwar schamlos abgegeben.
Mieten für alteingesessene Kneipen in der Form zu erhöhen, spricht eine Sprache für sich.
Da muss man nicht fragen, wie es dazu kam.
Mit den Wohnungen verhält es sich ja ebenso.
Es ist sehr traurig, wie ein Stadtteil seine Identität zu Gunsten einiger weniger, die sich einfach nur bereichern wollen, verliert.
Ihr, die diesen Irrsinn betreibt, solltet Euch einfach nur schämen und Euch mal überlegen, was mit den Opfern Eurer Gier passiert.
München hat das zu einer anderen Zeit erleben müssen.
In den 60er und 70er Jahren ist den Menschen dort genau das Gleiche passiert.
Amalienstraße oder Maximilianstraße nur mal genannt.
Und nix wurde gelernt oder begriffen.
Berlin erlebt nur zeitverzögert das gleiche Schicksal.
Das ist eine Schande, besonders wenn man weiß, dass die Verantwortlichen bei diesem Treiben einfach zu- und wegschauen.
Die Spekulanten drehen sich eines Tages einfach weg und überlassen ihren Scheiterhaufen
Denen, die dort zuhause waren oder sind. Und nichts ist mehr, wie es war.
Ja, da bekommen LINKE ein konservatives Denken.
Es gibt Werte, die man nicht zerstören darf, besonders wenn die Motive so unendlich unmoralisch begründet sind. Schämt Euch!
Gruß, Jürgen
05.01.2010 09:09 Uhr
von Paula T.:
Geht die typische Kreuzberger Mischung nicht auch gerade dadurch verloren, weil Kneipenbetreiber lieber ihren Mietvertrag zurückgeben, anstatt ihn an interessierte Bewerber weiterzugeben? So wie geschehen im Bierhimmel, dessen Betreiber eine hohe Ablösesumme wollten. Und als sie diese nicht bekamen, den Mietvertrag lieber zurückgegeben haben? Das ist einer der Gründe warum in der Oranienstraße die Läden “immer schicker und gleichförmiger” werden. Ein Hohn, das dies gerade Claudia Ullmann beklagt, die die Möglichkeit gehabt hätte, den Laden in Händen der Szene zu lassen. So ist auch eine weitere queere Institution gestorben. Wie absurd, das Inventar an das Schwule Museum zu spenden! Das Inventar an Ort und Stelle belassen, hätte anderen Betreibern eine Existenzgründung ermöglicht, das alternative Leben in der O-Straße bewahrt und der queeren Szene ihren Laden.
01.01.2010 23:09 Uhr
von Gentry Fiz:
Gentryfizierung bedeutet Veränderung.
Interessant wie konservativ plötzlich Linke sind, wenn es um ihre eigenen Interessen geht.
01.01.2010 15:46 Uhr
von Kreuz Berger:
"Im Sommer lief der Fünfjahresvertrag mit der städtischen Wohnungsbaugesellschaft GSW aus."
Die GSW ist seit 2004 keine städtische Gesellschaft mehr. Sie ist unter die Heuschrecken gefallen und will in diesem Jahr an die Börse. Deshalb müssen die Gewinne rauf!
30.12.2009 21:05 Uhr
von nona sumy:
Es wird hier wieder so getan, als wäre "die Kreuzberger Mischung" homogen und würde an einem Strang ziehen. Tatsächlich gibt es sehr unterschiedliche Strömungen mit sehr unterschiedlichen Lösungsansätzen. So wurde auch auf der genannten Anwohner-Diskussion
- wie auch in internen Zirkeln - der Ruf nach mehr Läden (primär statt Wettbüro) laut.
Überleben mit den Mieten kann aber nur Gewerbe das als Zielgruppe die niedrig-preisigen (Billig-T-shirt-)Touristen hat, die ja teilweise durchaus erwünscht sind - insbesondere im Gastro-Bereich.
Lokale/s Kunst/Handwerk wiederum hat - aufgrund eigener höherer Lebenshaltungskosten und aufwendigerer Herstellungs-Prozesse - Preise, durch die sich manch blindwütiger "Aktivist" zu Yuppie-Schmierereien berechtigt fühlt.
Was m.E. fehlt ist eine Steuerung zum strukturierten Nebeneinander (statt ewigem destruktivem Gegeneinander).
30.12.2009 19:25 Uhr
von Ulf:
Nun werten als schon Wettbüros einen Kiez auf... Tse Tse Tse Was wird als nächstes als Aufwertung gesehen ein Druckraum und ein Kältebus... niedlich