• 31.01.2012

Zvi Goldstein-Ausstellung in Düsseldorf

Das Trauma der Kollision

In "Haunted by Objects" breitet der israelische Künstler Zvi Goldstein in der Düsseldorfer Kunsthalle K20 eine polyphone Moderne aus.von Tal Sterngast

Installationsansicht "Haunted by Objects" von Zvi Goldstein.  Bild:  Achim Kukulies/Kunstsammlung NRW

Ein Spaziergang durch Zvi Goldsteins Ausstellung ähnelt einer Tour durch das Hirn eines Mannes, der sich die ganze Welt einverleiben will, zugleich aber alles dafür tut, um eine solche Machtdemonstration zu unterminieren.

In der Kunsthalle K-20 in Düsseldorf stapeln sich mehrere hundert Objekte, beschienen von gedämpftem Licht, fast bis zur Decke: Kisten und Schachteln in allen Formen und Größen, afrikanische Masken, Schwerter der Aboriginies, ozeanische Speere, Fotos, Lampen, Skarabäen, Musikinstrumente, Spielzeuge, Kunstwerke, also beinahe alles, was sich denken lässt.

"Haunted by Objects" heißt die Ausstellung, die vor zwei Jahren zuerst im Jerusalemer Israel Museum gezeigt wurde. Der Konzeptkünstler, Bildhauer und Autor Goldstein war eingeladen worden, die  Bestände der Abteilungen für Kunst, jüdische Kunst, Archäologie und Ethnographie zu erforschen und daraus eine Schau für das nach Renovierungsarbeiten wieder eröffnete Museum zusammenstellen.

Goldstein erfand ein eigenes Ordnungssystem für seine zusammengewürfelten Fundstücke: Er ordnete die Dinge mittels einer Serie von poetischen wie persönlichen und manchmal albtraumhaften Textpassagen, die dem Bemühen entsprungen sind, eine Halluzination festzuhalten, die dem Künstler in einem Tel Aviver Hotelzimmer widerfahren sein soll: „Ich sitze am Tisch, besessen von einem Dybbuk, und zwinge mich dazu, diese kurze, chaotische und singulär verdichtete Erfahrung mit Hilfe eines Textes zu rekonstruieren.“

Eine halluzinatorische Ordnung ohne Hierarchie

 

In Jerusalem wie in Düsseldorf bilden 62 gedruckte und gerahmte Textpassagen aus diesem Textkonvolut die Zentren, um die herum sich Objekte gruppieren. Obwohl die Texte nummeriert sind, gibt es keine Hierarchie oder vorgegebene Route durch den Ausstellungsraum. "Haunted by Objects" scheint selbst einer halluzinatorischen Ordnung zu folgen, die Ausstellung erzeugt eine Atmosphäre gleichzeitig aufscheinender Blitze aus Bild und Klang.

Unter drei Drucken aus dem frühen 19. Jahrhundert, die Foltermethoden der katholischen Inquisition zeigen, steht Norman Fosters futuristischer Glastisch „Nomos“ aus den Achtzigern. Dessen angewinkelte Beine aus Chrom erinnern an die verdrehten Gliedmaßen der Folteropfer. Damit will

darauf hinweisen, dass die Art und Weise, wie traditionelle Materialien - Holz, Leder, Metall oder Glas - durch modernistisches Design in Formen gezwungen werden, uns etwas über die Anpassungsleistung erzählt, der sich alle unterziehen müssen, die sich als Außenseiter mit der Moderne konfrontiert sehen.

Das Trauma der Kollision mit der Moderne ist seit über dreißig Jahren ein zentrales Thema des Künstlers, der in der Levante lebt. Einer Region, die seinen Worten nach die industrielle Revolution übersprungen hat und abrupt modern werden musste. Viele der Skulpturen Goldsteins stellen westlichen Formen, peripheren, vormodernen Ästhetiken gegenüber. Asiatische und afrikanische Ornamente, Texturen und Designs werden in die veredelten, polierten Oberflächen industriell gefertigter Objekte eingefügt.

"Der Periphere Mann" von 1995 etwa besteht aus einer roten, mit schlichten Ornamenten gemusterten Kiste von der Größe eines Sargs, die in einer Plexiglasvitrine zur Schau gestellt wird, als handle es sich um ein ausgestopftes Tier. Die Kiste dient als Sockel für ein astronomisches System von Gegenständen, das eine abstrakte dunkle Figur von der Größe eines menschlichen Kopfes umgibt.

Dieser ist durch Holzstangen mit Spiegeln, einem falschen Bart, Fotos des Künstlers Oskar Schlemmer, einer Molekülkette und muslimischen Gebetsketten verbunden. Diese Synthese zwischen Bauhaustheater, nordafrikanischem Wohnzimmer und Konzeptkunst-Display, das hier auf seinen bloßen Stil reduziert wird, steht im Raum wie Goldsteins eigener Fußabdruck.

Ergebnis eines Unfalls

 

Der Künstler beschreibt seine Arbeit als Ergebnis eines Unfalls – seine Ankunft an der Peripherie Europas. Der Künstler wurde 1947 in Transsylvanien geboren und kam mit elf Jahren nach Israel. Sein Werk tritt an, das Kunstsystem von innen heraus zu infizieren, und das westliche Monopol auf Interpretation, insbesondere diejenige seiner eigenen Arbeit, zu destabilisieren.

Vorgeführt wird dies unter anderem mittels Marcel Duchamps' Readymade "Traveller’s Folding Item". Goldstein umgibt die Lederhülle einer Schreibmaschine Marke Underwood mit Fotos verschleierter Frauen. Nicht weit davon hängt eine weitere Vitrine mit einer Haarlocke in rosa Band und einer Xeroxkopie einer kopflosen Nackten, die Goldstein gefunden hat. Daneben fünf Bohrer aus den Werkstätten des Israel Museums.

Alle diese Objekte werden auf derselben Ebene platziert, egal ob sie aus einer Kunstsammlung, dem Museumskeller oder Goldsteins Garten kommen. In Goldsteins neuem Kontext werden die Dinge von ihrem kategorialen Status erlöst, der Künstler schenkt ihnen ein zweites Leben. Goldstein schlägt eine neue, polyphone Moderne vor als Alternative zur Moderne des 20. Jahrhunderts und ihrer Besessenheit mit Selektion und Kategorisierung.

Zugleich scheinen sich die autobiografischen Spuren des Künstlers in diesem Arrangement zu einem Theater der Selbstverherrlichung zu verdichten: Ein unangemessenes Pathos, das als Verstärkung der eingeübten Verhältnisse zwischen Westlichem und Exotischem empfunden werden könnte, die Goldstein eigentlich unterwandern möchte. Durch diesen persönlichen Bezug wird "Haunted by Objects" aber zum Beispiel einer hybriden, alternativen und zugleich prekären Ordnung der Dinge. 

Kurator Julian Heynen hat Goldsteins Ausstellung von Jerusalem nach Düsseldorf, also aus der Provinz mitten in die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen teleportiert, in eine der besten Sammlungen von Gegenwartskunst weltweit, inmitten eines der alten Kunstzentren des Westens. Dadurch erfährt "Haunted by Objects" als Ganzes eine Verschiebung. K-20 wird selbst zur Vitrine, als Raum und als Bedeutungszusammenhang. Goldsteins Installation, dieses polymorphe, idiosynkratische Readymade, wird nichtsdestotrotz für immer verschwinden, wenn seine Ausstellungzeit abgelaufen ist.

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Noch bis zum 26. 2.,

Katalog 26 Euro

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