Zur Buchvorstellung

Proteste gegen Sarrazin

Während Sarrazin sein umstrittenes Buch vorstellt, gibt es vor der Tür Proteste. Zentral ist die Forderung nach seinem Rücktritt - und einem Ausschluss aus der SPD.von SVENJA BERGT UND ALKE WIERTH

Sarrazins Aussage, dass „alle Juden ein bestimmtes Gen teilen“ war ein beliebtes Thema bei den Demonstranten.  Bild:  dpa, Soeren Stache

Vor dem Haus der Bundespressekonferenz, mitten im Regierungsviertel ist das Aufgebot an Polizisten und Journalisten am Montagmorgen noch höher als sonst. Beamte in Schutzanzügen haben sich neben Kamerateams aufgebaut, Fotografen neben Mannschaftswagen. Während drinnen der ehemalige Berliner Finanzssenator Thilo Sarrazin (SPD) sein Buch vorstellt, wächst vor der Tür der Protest gegen seine rassistischen Äußerungen.

"Thilo verpiss dich, keiner vermisst dich", ruft ein Demonstrant. "Deutschland, schaffe Sarrazin ab", steht auf einem Plakat, ein anderes zeigt seinen Kopf, darunter steht "Halt's Maul". Zu den Protesten hatte das Bündnis "Rechtspopulismus stoppen" aufgerufen, das in der Vergangenheit auch Proteste gegen die islamfeindliche Partei "Pro Deutschland" organisiert hatte.

Gekommen sind Antifa-Aktivisten genauso wie Gewerkschafter, Anhänger der Linkspartei und Mitglieder des Vereins Gladt, in dem sich Homosexuelle und Transgender aus der Türkei organisieren. Rund hundert Demonstranten sind es insgsamt. Zwei Mitglieder des Vereins verteilen Schokolinsen aus einem großen Glas. "Intelligenzgene, gesponsert von Dr. Sarrazin", haben sie auf Schilder geschrieben. "Das soll auf die Vereinfachung aufmerksam machen, der sich Sarrazin bedient", sagt Geschäftsführerin Tülin Duman. Sie stört vor allem, dass eine Person, die in der Öffentlichkeit steht, solche Ansichten verbreitet. "Das ist kontraproduktiv für die Zukunft der Gesellschaft", sagt sie. Wie viele hier fordert sie den Ausschluss Sarrazins aus der SPD.

Überhaupt die SPD. Während Gewerkschaften und Linkspartei offen auf der Demo auftreten, ist keine Fahne der Sozialdemokraten zu sehen. Als der Sprecher auf dem Lautsprecherwagen sagt, dass einige, die sich über Sarrazin aufregen, selbst soziale Ausgrenzung verursacht hätten, ruft ein Demonstrant laut "SPD" in die Menge.

"Es ist richtig, dass die SPD Nachholbedarf in Sachen sozialer Integration hat", sagt Anne Haspel. Die Demonstrantin nennt ihre Mitgliedschaft in der Partei als einen Grund an den Protesten teilzunehmen. "Sarrazin stiftet sozialen Unfrieden, das ist unvereinbar mit einer SPD-Mitgliedschaft", sagt sie. Ein klares Signal wäre daher ein Ausschluss aus der Partei.

Der Rechtsanwalt Hans-Eberhard Schultz hat derweil im Auftrag einer ehemaligen und einer derzeitigen bezirklichen Integrationsbeauftragten Strafanzeige erstattet. Auf acht Seiten begründet er, warum sich Sarrazin der Volksverhetzung, Beschimpfung von Religionsgemeinschaften, Beleidigung, übler Nachrede und Verleumdung schuldig gemacht haben soll. Unter anderem zieht er dazu Passagen aus dem Vorabdruck des Buches heran, ein Interview aus der Zeitschrift "Lettre International" aus 2009 und eine Stellungnahme der NPD, die Sarrazin zur Mitarbeit einlädt.

Im Gegensatz zu mehreren Strafanzeigen gegen Sarrazin, die sich auf seine Äußerungen in "Lettre International" bezogen und im vergangenen Jahr eingestellt wurden, rechnet sich Schultz bessere Chancen aus. "Sarrazin provoziert nicht nur, er diskriminiert auch", sagt Schultz. Das habe er in dem Schreiben ausführlich belegt.

Zwei Stunden später, im Französischen Dom am Gendarmenmarkt. Berliner Muslime präsentieren hier ihre Sicht auf Sarrazins Thesen. Der Ort ist symbolisch: Die evangelische Kirche sei vor 300 Jahren für aufgrund ihres Glaubens verfolgte Einwanderer erbaut worden, erinnert Pfarrer Mathias Loerbroeks in einer Begrüßungsansprache: "Sie fanden damals Aufnahme in einem toleranten Land."

"Es sind Werte wie diese Toleranz, die wir mit Deutschland verbinden", sagt Lydia Nofal vom islamischen Verein Inssan. Aber: "Es stimmt etwas nicht in diesem Land, wenn jemand zu beweisen versucht, dass Muslime aufgrund ihrer Religion Menschen zweiter Klasse sind." Sarrazin versuche, "einer Gruppe der Bevölkerung das Existenzrecht hier absprechen" sagt Ayman Mazyek vom Zentralrat der Muslime. "Dabei sind wir Muslime längst ein Teil von Deutschland, und Deutschland ist ein Teil von uns."

Nicht die Muslime seien eine Gefahr für die deutsche Gesellschaft, meint auch Burhan Kesici, Generalsekretär des Islamrats: Es sei vielmehr Sarrazin, der Deutschland schade. Für die VertreterInnen muslimischer Organisationen ist deshalb klar, dass Thilo Sarrazin weder in der SPD noch im Vorstand der Bundesbank etwas zu suchen hat. "Wir müssen ihm uns als Demokraten alle gemeinsam entgegenstellen", so Mazyek. Dabei gehe es um die Verteidigung der demokratischen Gesellschaft.

Dieser Artikel ...

ist mir was wert!