• 25.07.2008

Wolfgang Kraushaar über den Prager Frühling

"Das 20. Jahrhundert ist vorüber"

Der Historiker und Doyen der Rebellionsgeschichte Wolfgang Kraushaar sagt, dass vom Sozialismus und Kommunismus nur noch Worthülsen übrig seien.von Jan Feddersen / Wolfgang Gast

  • 27.11.2008 19:52 Uhr

    von Andreas Thomsen:

    I.
    Nimmt man den "Sozialismus" bzw. "Marxismus" von der 68er-Bewegung weg, dann bleibt als Erbe von 68 nur ein gewisses Spontitum, viel Sympathie für die Bewohner der sog. "Dritten Welt", und bei den heutigen "Erben" ein manchmal schwer erträglich moralisierender "antifaschistischer" erhobener Zeigefinger, nach dem Motto "... alle waren Ex-Nazis, bevor wir kamen ..." was einwandfrei falsch ist: die wahren Antifaschisten waren damals ja im Westen z.B. Brandt, Heinemann, Wehner, Franke, Jahn, Weichmann, - um nur die prominenten Sozialdemokraten unter ihnen zu nennen - und im Osten z.B. Havemann und Honnecker und die Altkommunisten aus der Emigration.
    Dagegen im Nachhinein rückwirkend Antifaschist sein - das kann doch jeder.

    II.
    Wäre der "Prager Frühling" nicht erstickt worden, hätte er sicherlich auf die Nachbarländer ausgestrahlt und schliesslich dort ebenfalls Reformen provoziert. Der "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" hätte vielleicht im Unterschied zum autoritären "Realsozialismus" eine Überlebenschance gehabt - möglicherweise gäbe es heute noch eine selbständige "sozialdemokratische DDR" in freundlicher Nachbarschaft (einschl. freiem Reiseverkehr) zur Bundesrepublik. Ähnlich wie auch Österreich sich nach 1945 endgültig für die Selbständigkeit entschieden hat.

    Die Niederschlagung des Prager Frühlings leitete die langsame Agonie des "Realsozialismus" ein, die im Zusammenbruch endete. Wer diese Niederschlagung befürwortete, unterstützte also in der Konsequenz den Untergang des solialistischen Projekts. Die kommunistische Bewegung produzierte selbst ihre eigenen Systemfeinde! Vielleicht hätte ein Sieg des Prager Frühlings auch nur den allgemeinen Niedergang beschleunigt, so dass den Bewohnern dieses Systems wenigstens 15-20 Jahre sinnloser Plackerei erspart worden wären, und den Afghanen ein verheerender Krieg.

    Das wollten die meisten Leute auf der Linken damals nicht sehen, und auch heute nicht wahrhaben - lieber sagen sie, dass alles was mit "Sozialismus" zu tun hat, einfach "out" ist - um sich dann einem ganz billigen Neoliberalismus und einer simplen Globalisierungsrhetorik hinzugeben.

    III.
    "Der Kommunismus des 20. Jahrhunderts hat mehr Opfer gekostet als der Nationalsozialismus. Das ist ein Sachverhalt, dem sich vor allem die Linke stellen muss." (Aber, aber, Herr Kraushaar - sowas sagt man doch nicht!)

    Heute ist es eigentlich zu spät, sich mit "diesem Sachverhalt" (stimmt er denn eigentlich?) auseinanderzusetzen. Diese Auseinandersetzung stört auch, weil sie die eigene moralische Position relativiert.

    Man hätte sich spätestens 1974 nach Erscheinen des "Archipel Gulag" damit auseinandersetzen müssen - aber damals war mit anderem beschäftigt. Nicht zuletzt damit, "den faschistischen Charakter unseres Systems zu entlarven".

    Sämtliche Reformbewegungen in den Ländern des "Realsozialismus" sahen sich früher oder später mit der Frage des Leninschen und Stalinschen Terrors konfrontiert - und somit auch mit der Frage der moralischen Legitimation der sozialistischen Reformer, die sich vielfach selbst als Linke sahen, in der Partei gewesen waren usw. Bei dieser unumgänglichen, und für das Weiterbestehen eines demokratischen Sozialismus lebenswichtigen Auseinandersetzung, die heute entweder überhaupt nicht mehr geführt, oder mit billigen Schuldzuweisungen verkleistert wird (das waren alles die Russen/war alles die SED bzw. die PDS/die Linke) bekamen die Reformer wenig Unterstützung von westlichen Linken. Nur in Italien, Spanien, und bis zu einem gewissen Grade Frankreich gab es eine Unterstützung der kritischen Sozialisten durch die dortige Linke.

    In Westdeutschland driftete man unterdessen zu den exotischen Maoisten ("romantisch") oder zu den beinharten Spartakisten ("realistisch") ab, und noch später gründete man sich eine grüne Partei, wo man auf neue, gänzlich unmarxistische Weise gegen "das System" und für ganz neue Inhalte auf altgewohnte Weise kämpfen konnte, und schliesslich bei einer grünen FDP landete.

    Nur die eigenen Irrtümer der Vergangenheit zu analysieren, dazu reichte es nicht, denn dann hätte man vom hohen moralischen Ross heruntersteigen müssen.

    IV
    Wahrscheinlich werden der "demokratische Sozialismus" und der "Marxismus-Leninismus" mit allen seinen Verzweigungen als Gedankenkonstrukte nicht untergehen, sondern sich langsam von politischen Ideologien in säkuläre Religionen mit assoziierten Lebenskulturen verwandeln. Neben dem Bedürfnis des Menschen, "an irgendetwas zu glauben, und wenns der Sozialismus ist", spricht hierfür die Tatsache, dass man in den modernen liberalen Gesellschaften nur dann einen geschützten Freiraum für eine von der Mehrheit abweichende lebensweise beanspruchen kann, wenn man sich auf eine möglichst religiös motivierte "kulturelle Differenz" beruft. Dann greift nämlich die multikulturelle Schutzzone. Mit einem kommunistischen Glauben im Rücken könnte man ohne weiteres einen gesonderten Religions-Unterricht in Marxismus in öffentlichen Schulen (ausser Berlin und Bremen) zugestanden bekommen - mit dem Kapital als Grundlage statt Bibel, Koran oder Thora.

    Analog könnte ein anerkannter Öko-Glaube an die Heiligkeit der Schöpfung zum Beispiel bewirken, dass man nicht gezwungen werden kann, gegen sein Gewissen Atomstrom zu beziehen, Genfood zu verzehren usw. Es wäre einfach nicht "öko", so wie Schweinefleisch nicht "halal" bzw nicht "koscher" ist.

    Schliesslich wird man mittels Mythenbildung bis hin zu einer Himmelfahrt der kommunistischen Gründerväter Marx, Engels, Lenin, Mao -Stalin kann als gefallener Engel fungieren- dann auch das Problem des Totalitarismus elegant umschiffen können. Und natürlich wird weiter eifernd das Ketzertum bekämpft werden, so dass auch der wohlbekannte sektiererhafte Zug zu seinem Recht kommt.

    Offensichtlich besitzt die Ideologie des Sozialismus durchaus noch eine Entwicklungsperspektive.




















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