Mehr Gymnasien, mehr Privatschulen und viele interessante Außenseiter - die Bosch-Stiftung hat wieder exzellente deutsche Schulen gefunden. Phoenix überträgt live.von CHRISTIAN FÜLLER
Bevor Angela Merkel morgen ihren hässlichsten Termin des Jahres hat, den sogenannten Bildungsgipfel mit den diebischen Ministerpräsidenten, gönnt sie sich heute noch mal was Schönes: Die Kanzlerin guckt sich die besten deutschen Schulen an. In der Berliner Elisabeth-Kirche wird sie erleben: Lernen kann Spaß machen. Unter den 15 Nominierten sind außergewöhnliche Schulen.
Die erste Überraschung ist die Zahl der Gymnasien: Insgesamt vier der Abiturvermittler sind dabei; bislang spielten die Gymnasien beim Schulpreis stets eine untergeordnete Rolle. Die zweite Überraschung sind die Privatschulen, von denen ebenfalls vier im Rennen sind; bisher gab es keinen privaten Hauptgewinner. Die dritte Überraschung sind die besonderen Schulen: Beim Schulpreis sind diesmal Einrichtungen dabei, bei denen man sich nicht vorstellen kann, wie dort Schule gelingen könnte.
Zum Beispiel in der "Schule am Park", einer Förderschule im hintersten Winkel Vorpommerns. Die Kinder und Jugendlichen haben allesamt einen gravierenden Einschnitt in ihrem Leben - vom Verlust der Eltern über Gewalterfahrungen bis Missbrauch. "Ich habe mich rumgeprügelt", sagte ein 15-jähriges Mädchen der Ostsee-Zeitung - auch mit der eigenen Mutter.
Oder ein 14-Jähriger, der gerne Ausflüge macht - mit dem Auto. Der Junge hat die Mutter an den Krebs verloren, den Vater an den Alkohol. Schulleiterin Edeltraut Schmid sieht das so: "Wir nehmen die Kinder vorbehaltlos an", sagte sie dem Nord-Kurier. Die Schule ist eine Förderschule mit Schwerpunkt Lernen sowie emotionale und soziale Entwicklung.
Ein Unikat ist die Schule droben am Berg, die Sophie-Scholl-Schule in Hindelang. Sie dürfte allenfalls Außenseiterchancen haben, weil die Bedingungen der Schule so extraordinär sind. "Wir haben alle zwei Wochen Aufnahme für neue Schüler", erzählt die gute Seele der Schule, Dorothee Pütz. "Die Kinder bleiben dann vier bis sechs Wochen bei uns - und lernen trotzdem gut."
Wie kann man Schule machen mit Kindern, die alle paar Wochen wechseln? Die aus 16 verschiedenen Schulsystemen kommen? Und die obendrein krank sind, an Allergien leiden, Asthma haben, Neurodermitis oder Adipositas? Es geht - durch radikales Individualisieren. "Die Lehrkraft nimmt sich zurück, ihr Redeanteil sinkt, die Schüleraktivität steigt. Dazu werden Lernmaterialien bereitgestellt, die selbständiges Arbeiten ermöglichen", so die Praxis der Schule.
Am Oberjoch, wo die katholische Kurklinik Santa Maria liegt, ist die Idee deutscher Schule - die homogene Lerngruppe - ad absurdum geführt. An der Sophie Scholl gilt "ein jahrgangsgemischtes Konzept von Lernen, das in besonderer Weise dem Unterrichtsprinzip von Individualisierung und Differenzierung entsprechen kann."
Die Schule bietet für ihre rund 240 Schüler alles - Grundschule, Haupt- und Realschule und Gymnasium. Und sie mischt die Schulformen, denn es kommt hier mehr auf die Lernformate an. "Das Lernen mit unterschiedlichen Schulbüchern und verschiedenen Anforderungen kann durch ,offene Unterrichtsformen' wie Wochenplan-, Werkstatt- und Projektarbeit in besonders guter Weise verwirklicht werden." Hinzu kommt besondere Zuwendung. Ein Junge erklärt im Werbefilm für die Klinik Santa Maria, "die Lehrer sind hier viel netter, die erklären einem viel mehr als daheim".
Eine andere Ausnahmeerscheinung ist die Templiner Waldhofschule. Die Privatschule macht etwas, was die Vereinten Nationen von allen Schulen fordern: Sie mischt je zur Hälfte behinderte und nichtbehinderte Kinder. Allerdings: Die Schule von Wilfried W. Steinert hat sich schon mal für den Schulpreis beworben. Ob das ein Vorteil ist?
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