Wissenschaftsporno in Genf

Tief, teuer und rätselhaft

Diesen Mittwoch wird am Genfer See die größte Maschine der Welt angeschaltet. Reißt uns dieser Teilchenbeschleuniger in den Untergang? Oder dient er einfach nur der Wissenschaft?von WOLF SCHMIDT

Ja,ja,ja: Bei der Kollission der Teilchen entsteht eine Hitze, die bis zu 100.000 Mal heißer sein wird als das Zentrum der Sonne.  Bild:  dpa

Größer, schneller, heißer: Es hat etwas von Porno, was die Wissensseiten der Zeitungen und Zeitschriften in diesen Tagen treiben. Wissenschaftsporno. An diesem Mittwoch nimmt nahe Genf der "Large Hadron Collider" seinen Betrieb auf. Es ist der mächtigste Teilchenbeschleuniger aller Zeiten, 14 Jahre haben Forscher und Ingenieure daran gebaut, mehr als sechs Milliarden Euro wird dieses größte Experiment der Menschheitsgeschichte kosten. In einer 27 Kilometer langen Röhre stoßen 100 Meter tief unter der Erde Protonen und Ionen mit 99,9999991 Prozent der Lichtgeschwindigkeit aufeinander.

Mehr? Bei der Kollission der Teilchen entsteht eine Hitze, die bis zu 100.000 Mal heißer sein wird als das Zentrum der Sonne. In den Detektoren, die die dabei umherspritzenden Teilchen nachweisen sollen, steckt mehr Stahl als im Eiffelturm. Mit den Daten, die sich in den Computern ansammeln werden, lassen sich jährlich 100.000 DVDs vollschreiben. Ja! Ja! Ja!

Doch jenseits solcher Superlative, dürfte in der breiten Öffentlichkeit kaum angekommen sein, was Tausende von Wissenschaftler aus aller Welt im Teilchenforschungszentrum Cern eigentlich umtreibt. Es sind bestenfalls Gesprächshäppchen, die sich die Menschen beim Mittagessen oder auf Partys zuwerfen: "Hast du gehört, die wollen in Genf den Urknall simulieren?" - "Ja, die suchen da wohl irgendsoein ,Gott-Teilchen'".

Doch wer versteht das Vorhaben wirklich? Zu kompliziert scheinen Theorien der Teilchenphysiker, die von bis zu zehn Raumdimensionen ausgehen, die sich in Genf womöglich nachweisen lassen. Zu ungreifbar sind Überlegungen, dass es ein Elementarteilchen gibt, das Higgs-Boson, das anderen Teilchen wie den Quarks erst ihre Masse verleiht - und darum eben "Gott-Teilchen" genannt wird. Zu verschwurbelt die Vorstellung, dass der Superbeschleuniger einen Einblick in die ominöse Dunkle Materie liefern oder gar winzig kleine Schwarze Löcher erzeugen könnte.

Kein Wunder also, dass sich viele Menschen Sorgen machen. Sie verstehen nicht, was die Forscher dort treiben. Und sind nicht Physiker für die schrecklichste Erfindung der Menschheit verantwortlich: die Atombombe? Auf solch fruchtbaren Boden fallen Weltuntergangsszenarien von Wissenschaftlern wie dem Tübinger Chaosforscher Otto Rössler oder dem US-Physiker Walter Wagner. Auf Internetseiten wie stopcern.com oder lhcdefense.org schaukelt sich die Sorge schnell hoch zu einer teils hysterischen, teils esoterischen Fundamentalablehnung des Megaprojekts. Die literarische Vorlage liefert Thriller-Autor Dan Brown, der in seinem Bestseller "Illuminati" einen geheimen Orden Antimaterie entwenden lässt. Der Ort: Das Cern.

Man kann den Teilchenphysikern den Vorwurf machen, sich jahrelang vor allem mit der Konstruktion ihrer Megamaschine befasst zu haben und Bedenken oft allzu brüsk abgebügelt zu haben, anstatt ihr Vorhaben der Öffentlichkeit besser zu erklären. Doch der Vorwurf mangelnder Sensibilität trifft eben lange nicht für alle Wissenschaftler zutrifft. Ein Beispiel: Cern-Forscher Ralf Landua, Autor des Buchs "Am Rand der Dimensionen", tingelt schon seit Monaten durch Deutschland, erklärt den Menschen eifrig das Weltbild der Teilchenphysiker, setzt sich für eine Erneuerung des naturwissenschaftlichen Unterrichts ein - und erläutert auch Laien glaubhaft, warum in Genf nicht die Menschheit aufs Spiel gesetzt wird.

Daher kann man auch der Öffentlichkeit den Vorwurf machen, sich zu wenig für Forschung, zumal naturwissenschaftliche, zu interessieren - und wenn sie es macht, sich nur an den Superlativen aufzugeilen, anstatt die wirklich spannenden Fragen aufzugreifen: Das fundamental neue Verständnis des Universums und des Seins, das sich durch das Experiment am Cern ergeben könnte.

Viele scheinen sich eine Haltung zu eigen zu machen, die der Schweizer Dramatiker Friedrich Dürrenmatt in seinen "Physikern" so formulierte: "Der Inhalt der Physik geht die Physiker an, die Auswirkungen alle Menschen." Doch wer an die Verantwortung der Forscher appelliert, dem Rest der Menschheit aber Ignoranz erlaubt, macht es sich zu einfach. Richtiger wäre: Der Inhalt der Physik geht alle an. Und die Auswirkungen nur noch mehr.

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