Wie geht es sonst so?

Eigentlich gut

Jakob ist ein gut aussehender Dokumentarfilmer, Edda ist Floristin und hat Verliebtensex, Sebastian ist ein verspotteter Zwerg und Renate hat einen homosexuellen Mann.

Bild: Benjakon

von ARNO FRANK und ANNABELLE SEUBERT

JAKOB

Jakob sieht ganz gut aus, und auch sonst ist eigentlich alles gut bei ihm. Die Frauen mögen seine wuscheligen Haare, das bisschen Verrutschte an ihm. Wie die Brille manchmal schief auf seiner Nase hängt, ihm Tabakkrümel auf die Jeans rieseln, während er abends, Gin Tonic in der Hand, von seinem neuen »Projekt« erzählt. Die Frauen denken: »So sieht ein Dokumentarfilmer aus«, und ein paar von ihnen könnten jetzt gar nicht sagen, ob sie ihn deshalb interessant finden, oder mehr so als Mensch. Sie schmeicheln ihm mit Fragen. »Fährst du bald ins Ausland?« »Toll, und was machst du dort?«

Jakob liebt, dass er für seinen Job geliebt wird. Seine Erzählung hört er selbst gern: wie er das Geschichtsstudium abgebrochen hat, mit Ende zwanzig, als er noch ganz anders aussah – um an die »Konrad Wolf« zu gehen. Trotz der miserablen Berufsaussichten, der Einwände seiner Eltern. Filmuni, Regie, was willst du damit? Was die einem da im Eignungsverfahren abverlangen, wissen ja die meisten, also: Sie glauben es zu wissen, schon deshalb wirkt Jakobs Studium wie eine seltene Eigenschaft.

Und dann wurde sein Abschlussfilm auf der Berlinale gezeigt, und damit hat keiner gerechnet, Jakob am allerwenigsten. Jakob hat Hände geschüttelt und Sektgläser gereicht bekommen, er hat sich ein Cordjackett gekauft, an weiß gedeckten Tischen mit Laudatoren gesessen und getan, was an solchen Abenden getan wird – Konversation betrieben –, dabei war ihm jedes Mal, als sei er in ein Drehbuch voller roter Münder, Gläserklirren und Krawatten gerutscht. Jakob hat damals dieselben Fragen gestellt, die ihm heute die Frauen stellen. »Spannend, und an welchem Film arbeiten Sie jetzt?«

Er hat dann noch andere Filme gemacht und manche wurden auch für Preise nominiert, aber keiner war mehr so groß wie sein erster. Was okay ist für Jakob, eigentlich, er arbeitet ja gern. Er steht ja gern an Flughäfen anderer Länder, noch ahnungslos, was die nächsten Wochen bringen, welche Fremden dort zu Vertrauten werden, »please proceed to gate four«. Er kennt ja die Momente, in denen sich plötzlich fügt, was ihm zu Beginn als Gewirr erschien, Schnittbilder, sinnlose O-Töne. Verwackelte Aufnahmen, die er gebraucht hätte. Und schließlich, lange Zeit später, wird daraus ein Neunzigminüter und im Abspann und Vorspann liest er seinen Namen.

Im Prinzip, glaubt Jakob, ist das Glück.

Bloß geht dann alles wieder von vorne los, Thema finden, Protagonisten finden, Recherche planen, irgendwie hat er diesen Kreislauf satt. Dass er als lebendes Klischee eines Kreativberuflers im Flieger zurück nach Deutschland sitzt und überlegt, ob das jetzt alles war. Dass er sich ernsthaft beim Tomatensaft fragt, während er runter aufs Meer oder die Alpen schaut: Was kommt da noch?

Er fragt sich, ob es in Wahrheit schlecht ist, Ziele zu haben. Ob er langsam verschroben wird. Müde vom Druck der Frauen, Juroren und Stipendienvergebenden, die wollen, dass er bald ein nächstes Ziel erreicht. Eines, das imposanter sein soll als sein Abschlussfilm – an den erinnern sich manche nicht mehr gut. Wohin das führen soll, dass er für sich immer das Beste will, überlegt er. Und weshalb Euphorie nie hält. Wenn er seine Freundin ansieht, zum Beispiel, findet er sie immer noch schön. Aber ist sie die Frau?

Sie, die sich eher ungeschickt verhält, wenn sie zu zweit zu einer Vorführung gehen. Jakob hat dann neben ihr das Gefühl, sie könne nicht mitreden, sie halte nicht stand, die Leute sprechen über Billy Wilder, Polanski, Fritz Lang, und sie sagt, »stimmt«, »ja«, »mhm, der war gut«. Jakob würde dann am liebsten verschwinden. Gleichzeitig schämt er sich dafür, dass er ihren Arm loswerden will, mit dem sie sich bei ihm untergehakt hat, fast an ihm hängt wie ein Kind.

Zum Glück, würde Jakob sagen, vergisst er das, wenn er abends so sitzt. Vorm zweiten, dritten Gin Tonic. Wenn er ein Blättchen befeuchtet und in die Runde sieht. Über die Frauen hinweg, an seiner schönen Freundin vorbei. Wenn er den Gedanken wegschiebt, dass ausgerechnet ihm, Jakob, 37, weitgereist – der sich dem Dokumentarischen verschrieben hat – es schwerfällt, das Echte zu finden: Dann ist doch eigentlich alles gut. Beim Alten. In Ordnung. Jemand sagt: »Jakob, erzähl doch mal von deinem Projekt.« Und Jakob erzählt.

Annabelle Seubert

EDDA

»Wie geht’s?«, fragen Edda die Leute. Ihre Bekannten oder Kollegen oder Nachbarn. Und dann schauen sie Edda ins Gesicht, das so gesund aussieht, nach frischem Leben – nicht zu dünn, keine Augenschatten, scheinbar porenlos –, und vergessen fast, was sie eben gefragt haben. Diese Wangen. Perlweiße Zähne. Das Unbenutzte an ihr ist ihnen fremd. Ein Rätsel. Wie wird man so?

Edda antwortet flüchtig – »Alles gut!« – und beeilt sich, das nicht einfach so stehen zu lassen. Was weiß sie schon, wie es den anderen geht? Edda senkt den Blick und legt eine Kunstpause ein; kennt sie so aus Filmen und Realityshows. Es soll geknickt klingen, was sie gleich sagt. Nach Lass-uns-lieber-nicht-drüber-reden.

»Eigentlich«, sagt Edda. Ein Wort, ein Satz und auch eine Lüge: »Eigentlich« hat Edda geübt. Sie hat gelernt, es zu sagen, weil es sie sozial verträglich macht. Edda, Anfang dreißig, blond, Geschichte studiert, Floristin geworden. Hat das gehabt, was man »glückliche Kindheit« nennt. Hat seit zwei Jahren das, was man »glückliche Beziehung« nennt. Wüsste auch sonst nicht, was in ihrem Leben anders sein soll. Ihre Wohnung ist hell, die Zukunft scheint weit. Edda hat Zeit zum Lesen. Sachbücher, Tagebücher, Lolita. Max Frisch.

Wer will mit so einer Kaffee trinken gehen?

Wer sich in ihr spiegelt – Edda weiß das –, der fühlt sich nicht unbedingt gut. Der sieht vielleicht ihre Wangen; eine Frau, die bei Sonnenaufgang zur Arbeit fährt, den nächsten Roman in der Hand, ihre U-Bahn braucht fünfzehn Minuten. Sie muss nicht umsteigen, nicht hetzen, nicht eben noch schnell zur Kita. Sie muss nicht morgens auf Twitter sein.

Und wenn sie dann in den Laden kommt – so stellen die Leute sich das doch vor: Dann ist ihre Chefin garantiert noch nicht da. Dann trinkt Edda Kaffee mit dem Azubi, einem »Homo«, und im Laufe des Tages werden zwar nicht alle Kunden nett zu ihr sein, aber bestimmt die meisten. Sie werden mit ihr übers Wetter reden und ihr einen schönen Tag wünschen. Edda wird Schleierkraut und Astern binden, an Gerberas zupfen, Nelken in Vasen stellen; Dahlien, Hortensien, Chrysanthemen in Papier wickeln, Herbststräuße, Frühlingssträuße. Die Jahreszeiten werden halt kommen und gehen.

Edda stellt sich oft vor, wie die anderen über sie reden. »Und abends kocht bestimmt ihr Freund!« – »Und dann sitzen sie zusammen am Tisch und essen was mit Salat.« – »Und dann erzählen sie sich beide von ihrem Tag!« – »Und wenn sie später im Bett liegen, sagen sie sich gegenseitig, dass sie sich das eigentlich ziemlich gut vorstellen können miteinander.« – »Also, in ein paar Jahren.« – Kinder zu kriegen und zusammen großzuziehen. Zwei, vielleicht auch drei.

Und naja, was soll sie sagen? Im Grunde ist Eddas größte Sorge, dass es das Schicksal irgendwann mal schlechter mit ihr meint.

Sie hat echte Freunde, die sie über die Jahre gesammelt hat – und die Menschen, die sie nicht aushalten, dabei sorgfältig aussortiert. Edda isst gern, sie mag Bier und Likör. Edda schaut die Tagesthemen nur so lange, wie sie sie verträgt. Edda hat Verliebtensex und Eltern, die in Ordnung sind. Sie geht noch ins Kino. Eine Weile hat sie ältere Damen im Seniorenheim besucht, um ihnen die Illustrierte oder aus der Fernsehzeitschrift vorzulesen. Sie hat ihnen Kuchen mitgebracht, ehrenamtlich. Ehrensache.

»Alles gut«, sagt Edda. »Eigentlich.«

Es macht die Sache einfacher.

Annabelle Seubert

SEBASTIÁN

Der Zwerg betrachtet den Maler und der Maler den Zwerg. Dann greift der Maler nach dem Pinsel und malt den Zwerg. So, wie der ihn ansieht. Und so, wie er ihn sieht. Die Sitzungen finden im Torre de la Parada statt, einem höhlenartigen Jagdschloss unweit von Madrid. Der Zwerg und der Maler, sie gehören beide zum Gefolge seiner allerkatholischsten Majestät.

Ihr Herr, Philipp IV. von Spanien, ist ein trauriger Mann. Sein Sohn ist jung verstorben, die alte Habsburgerkrankheit, und er wird keinen neuen zeugen können. Das Weltreich taumelt, selbst Iberien bröckelt. Zu viel Gold aus Südamerika, es ist nichts mehr wert. Seinen eigenen Wert feiert der schwermütige Monarch umso mehr. Umgibt sich mit dem verschwenderischsten Luxus, den Europa jemals gesehen hat. Weiches Echsenleder vom Nil. Schimmerndes Elfenbein vom Kongo. Zartes Porzellan vom Jangtsekiang. Weiße Pferde aus Lipizza. Neulich sah man den König, wie er wieder drei Stunden vor dem leeren Alkoven kniete. Geich neben dem edlen Grabstein aus Jaspis, eigens hergeschafft auf Galeonen von Venezuela, um damit dereinst seine Krypta zu versiegeln. Als er endlich wieder aus dem düsteren Raum kam, waren seine Augen verquollen und gerötet.

Der Zwerg soll ihn aufheitern. Alle sollen ihn aufheitern. Die Zwerge und die Narren, die Verwachsenen und die Verrückten, die fetten Kinder und die dünnen Riesen. Der König hat die lächerlichsten Kreaturen unter Gottes schöner Sonne herbeischaffen lassen, um sich an ihnen zu ergötzen. Auch Sebastián, der Zwerg. In einem Kaff namens Morra haben sie ihn aufgegabelt, weshalb die Damen ihn Don Sebastián de Morra nennen und hinter ihren Fächern darüber kichern. Auch Diego, der Maler. Als Pinselpanscher soll er die Freaks in Öl auf Leinwand festhalten. Seinesgleichen. Er tut es. Auf Augenhöhe.

Mehr als vierhundert Jahre ist das nun her. Der Maler ist verschwunden. Sogar seine Gebeine sind verschollen. Das Jagdschloss liegt in Trümmern. In seinen Ruinen grasen die Ziegen. Philipp IV. schläft in seiner Gruft. Nur Sebastián ist noch da. Man kann ihn besuchen. Er hängt in Raum 15 des Prado und betrachtet die Betrachter, wie sie ihn betrachten. Heutige Besucher sind manchmal irritiert, weil sein Gesicht sie an den Schauspieler Peter Dinklage aus Game of Thrones erinnert. Dann kichern sie, machen ein Foto mit dem Handy und gehen weiter. Sebastián aber folgt ihnen mit den Augen.

Er sitzt in einem undefinierbaren Raum, so lehmbraun wie die Erde rings um den Torre de la Parada damals. Ein erwachsener Mann, nur eben kleinwüchsig, kostümiert wie ein Püppchen, die drollige Karikatur eines echten Hidalgo. Eine Witzfigur. Er sitzt wie eine Marionette, deren Fäden gerade jemand fallengelassen hat. Seine kurzen Beinchen hat er von sich gestreckt, weshalb sie noch kürzer wirken. Seine kurzen Ärmchen stützt er auf die Oberschenkel. Fäuste. Er sitzt leicht vornübergebeugt, als hätte er Velazquéz eben etwas Vertrauliches, etwas Wahres zugeflüstert. Und würde nun warten, seit mehr als vierhundert Jahren, wie der Maler das wohl aufnimmt.

Und der Maler hat es aufgenommen, damals. Man kann es heute noch lesen in diesem Gesicht, den Trotz und das Lauernde. Sebastián sagt: »Gewiss, sie verspotten mich in den Korridoren der Macht. Meinst du, ich weiß das nicht? In meinem Dorf hätten sie mich damals beinahe verbrannt, da war ich noch ein Kind. Ein Kind des Teufels, wie der Priester sagte. Gewiss, sie lassen mich bei ihren Gelagen im Schloss nach abgenagten Wachtelflügeln hüpfen und ergötzen sich daran. Auf dem Land wäre ich um ein Haar verhungert, weil meine Stummelbeine nichts taugen und meine Arme nichts tragen können. Gewiss, die Augen unseres Herren ruhen oft mit Trauer auf mir, und ich kann ihn kaum zum Lachen bringen. Meine Mutter aber weinte, wann immer sie mich sah, und die Weiber wandten sich ab. Im Lager des Wanderzirkus in der Sierra wäre ich im Winter fast erfroren, weißt du? Hier schlafe ich auf seidenen Kissen, gefüllt mit Gänsefedern … und manchmal besucht mich dort sogar die feiste Jimena, die mit den vielen Haaren. Auf den Jahrmärkten von Toledo haben mich die Kinder noch mit faulem Gemüse beworfen, mit Tomaten so rot wie hier mein Umhang aus Purpur. Gewiss, ich bin unter allen Geschöpfen hier bei Hofe das erbärmlichste. Meine Existenz ist Erniedrigung, Witz. Gespött. Ich weiß und ertrage es. Darauf kommt es an, das Ertragen. Denn, pssst … eigentlich geht es mir gut. Malst du das? Kannst du das malen?«

Arno Frank

RENATE

Renate ist erleichtert, als sich mit hydraulischem Geseufze endlich die Türen des ICE schließen. Ihr sattes KLACK empfindet sie als versiegelnd und besiegelnd. Sie zieht den Rollkoffer hinter sich her und späht, als suchte sie nach ihrem reservierten Platz, obwohl der Wagen beinahe leer ist und Renate gar nicht reserviert hat. Sie will nicht sehen, wie Laura auf dem Bahnsteig steht und winkt. So, wie sie schon immer gewinkt hat. Wie eine Gliederpuppe, mit abgewinkeltem Arm und aus dem Handgelenk. Sie will nicht sehen, wie die Leute einen Bogen um ihre Tochter machen.

Als der Zug sich in Bewegung setzt, hat sich Renate schon ein Abteil gesucht. Ihr Koffer ist zu schwer, den lässt sie auf dem Boden stehen, streift die Jacke ab, setzt sich, seufzt. Kurz kommt der Dom in den Blick, da schluckt sie schon ihre staubigen Tabletten, drei, vier, und spült mit Wasser nach. Als es über die Rheinbrücke geht, blättert Renate schon mechanisch in der Brigitte. Gesichter aus diesem seltsamen Zwischenreich, wo der Frühling noch eine Ahnung und der Winter noch fern ist. Goldene Herbstgesichter.

Renate schlägt das Heft zu. Gekauft hat sie es sich sowieso nur aus Verlegenheit. Um nicht mit Laura sprechen zu müssen in den letzten Minuten. Um etwas zum Blättern zu haben auf der Fahrt und nicht denken zu müssen. Ihre Stirn lehnt an der kühlen Scheibe. Dörfer gleiten vorbei mit Neubaugebieten neben Stoppelfeldern, ein effizientes und gut gedämmtes Mausoleum neben dem nächsten, und den Dampf aus ihren schlanken Schornsteinen treibt der Wind alle in die gleiche Richtung. Sie schaut nicht auf, als schnaufend ein verspäteter Gast ins Abteil tritt. Sie denkt, auch wenn das Denken sich nur noch im Kreis dreht.

»Renate?«

Sie schreckt auf, und ihr Herz tut einen gefährlichen kleinen Hüpfer. Kann das sein?

»Melanie?«

»Aber höchstpersönlich!«, strahlt die Frau, noch im Mantel, und nimmt gegenüber Platz. Die beiden Frauen tauschen glitzernde Blicke, dann sagt Melanie: »Wie lange ist das jetzt her? Bestimmt dreißig Jahre, oder?« – »Mehr«, sagt Renate und lächelt. Melanie hat sie zuletzt auf ihrer Abifeier gesehen, das sind bald vier Jahrzehnte. Melanie nickt ihr zu: »Mensch, gut siehst du aus!«, und das versetzt Renate einen Stich. Weil sie weiß, wie sie aussieht. Nicht gut. Aber Melanie sieht blendend aus, ein Gesicht wie aus der Brigitte, und – auch daran erinnert sich Renate jetzt – redet noch immer ohneunterlassundpunktundkomma.

Sie komme gerade vom König der Löwen, erzählt Melanie, wo sie sich ein schönes Wochenende »mit den Mädels« gemacht hat, und dazu zwinkert sie vieldeutig, der Rüdiger müsse schließlich nicht alles wissen, und wenn, dann wäre das auch okay, wenn die Mäuse aus dem Haus sind, dann tanzen die Katzen auf dem Tisch oder so ähnlich, gebaut hatten sie gleich neben dem Autohaus, und in der Villa sei jetzt viel Platz, so ohne die Kinder, der Große bei McKinsey in Paris, die Kleine eigentlich Ärztin, aber auch schon Mutter, Enkel eine wahre Freude, da passten sie und der Rüdiger wirklich sehr gerne drauf auf, neulich waren sie sogar Skifahren mit ihnen in Kitzbühel, immer wieder gerne, wenn nicht die Galerie so gut laufen würde, sie käme ja zu gar nichts mehr, habe neulich sogar eigene Bilder verkauft, haha, wenn das die Wagenbauer wüsste, ihre alte Kunstlehrerin, und was denn aus der Sandra geworden sei, dem Martin und den Zwillingen aus der Parallelklasse?

»Und wie geht es dir, Renate? Erzähl mal!«

Renate denkt nach, nur drei Sekunden brauchte sie dafür.

Manfred, der ihr am Abend seines 45. Geburtstages eröffnet hatte, dass er homosexuell sei, nicht länger »eine Lüge leben« könne und nun mit irgendeinem Luigi oder Francesco eine Wahrheit lebt im Süden. Die Schulden hat er im Norden gelassen, die Hypothek auf dem gemeinsamen Haus konnte sie alleine nicht bedienen, auch wenn sie neben dem Nachtdienst im Krankenhaus noch als Erzieherin arbeitete, keine Zeit für Laura damals, und heute kein Geld mehr, um ihren Entzug zu unterstützen im betreuten Wohnen, Hepatitis und entzündete Einstichlöcher in der Armbeuge, frisch. Und seit drei Monaten in ihrer eigenen Brust diese sägenden Schmerzen, die kommen und gehen, aber Winter bedeuten, nichts anderes. Kein Herbst, Winter. Plötzlich Winter.

Melanie guckt erwartungsfroh.

Renate lächelt. Ihr »eigentlich« klingt wie »ein’klich« und rollt ganz schnell ab, eine winzige Weiche in die Lüge: »Och, mir geht’s eigentlich auch super.« 

Arno Frank