• 02.07.2008

Wenn beim Kinderkriegen nachgeholfen wird

"Ich wollte auch mal"

1,4 Millionen Menschen sind hierzulande ungewollt kinderlos. Manche wenden sich an die Reproduktionsmedizin. Ein Paar erzählt von seinen Erfahrungen und Empfindungen.von Eiken Bruhn Protokolliert

  • 04.07.2008 09:23 Uhr

    von Anja Weiß:


    Ihr Artikel beschreibt vieles, was mein Mann und ich selbst erlebt haben. Dafür vielen Dank. Allerdings hatten wir professionelle ÄrztInnen, die keine unrealistischen Hoffnungen weckten. Und wir sind offen mit dem Thema umgegangen, so dass wir feststellen konnten, wie viele unserer FreundInnen und Bekannten ungewollt kinderlos sind.

    Allerdings ist Ihr Artikel unnötig entmutigend. Auch bei der natürlichen Befruchtung haben ältere Frauen eine durchschnittliche Chance von 10% oder weniger. Die Erfolgschancen einer medizinischen Behandlung sind daher nicht mit den Chancen einzelner Versuche gleichzusetzen. Schätzungsweise können 50% der ungewollt Kinderlosen durch die medizinische Behandlung leibliche Kinder bekommen.

    Und es wäre wichtig, auf die gesellschaftliche Verursachung der Kinderlosigkeit einzugehen. Frauen wird suggeriert, sie könnten die strukturelle Unvereinbarkeit von Kind und Beruf individuell lösen, z.B. indem sie sich erst beruflich etablieren und dann (ab 35) Kinder bekommen. Ungewollte Kinderlosigkeit ist in ganz erheblichem Ausmaß vom Alter abhängig und mit dieser individuellen Lösungsstrategie für einen gesellschaftlichen Konflikt in vielen Fällen vorprogrammiert.

  • 02.07.2008 21:48 Uhr

    von Justine:

    Das oben Gesagte kann ich nur unterstreichen. Grundsätzlich ist es wichtig, auf die Situation ungewollt Kinderloser hinweise. Aber nicht, indem man die Nahandlungen nieder macht, die solchen Paaren doch immerhin in ca. 70% aller Fälle noch den Weg aus dieser Situation heraus ermöglichen. Es hätte dem Artikel besser zu Gesicht gestanden, wenn man mehr auf das gesellschaftliche Problem hingewiesen hätte. Nämlich, dass diese Paare mit ihrer ungewollten Kinderlosigkeit in diesem Staat allein gelassen werden. Das Familienministerium bezeichnet das als Privatangelegenheit. Dementsprechend stiefmütterlich fallen ja auch die Zuschüsse aus. Statt dass man die Paare an die Hand nimmt, stigmatisiert man sie. Zum Beispiel, indem man suggeriert, alle ungewollt kinderlosen Paare entscheiden sich viel zu spät für ein Kind. Erst mit 36, das macht sich in dem Beispiel natürlich gut. Dann noch die typische Karrierefrau. Bleiben 25-jährige Kassiererinnen bei Aldi nicht ungewollt kinderlos? Auch, indem man sagt, adoptiert doch lieber oder nehmt Pflegekinder, ohne dazu zu schreiben, wie schwer auch dieser Weg ist.

    Einen inhaltlichen Fehler haben Sie gemacht. "Nicht einmal zehn Prozent dieser Behandlungen führten 2006 zum Ziel." - Das ist natürlich falsch. Etwa 20% der Behandlungen führen zum Ziel. Da konnte mal wieder einer das D.I.R. nicht richtig lesen.

    Ich frage mich, wollten Sie nun einen Artikel machen, der darüber schreibt, dass frau doch vor 36 an Kinder denken sollte oder wollten Sie einen Artikel schreiben, der die IVF ins schlechte Licht rückt?

    "Ich habe heute sieben Frauen schwanger gemacht, Ihre schaffe ich auch noch." - Das ist wohl eher die Aussage eines Wald- und Wiesen- Gynäkologen. Ich glaube kaum, dass ernsthafte Reproduktionsmediziner so lachse Bemerkungen machen.

    "die Wände waren mit Kinderbildern gepflastert. Wie Trophäen." - Ist das nun falsch? Sollten sie die Fotos nicht aufhängen? Darf die Klinik nicht stolz auf die gezeugten Kinder sein? Dürfen die Eltern dieser Kinder nicht sagen: Schaut, wir haben es trotz aller Niederlagen doch noch geschafft! ??? In jeder gynäkologischen Praxis hängen doch Babyfotos. ...

    "Aber wie heftig das sein würde, hatte ich mir nicht vorstellen können. Die Hormone fallen nach einer erfolglosen Behandlung rapide ab, es geht dir nur noch dreckig." - Aber doch nicht nur wegen der Hormone. Doch hauptsächlich deshalb, weil es nicht geklappt hat. Das ist doch nun die Behandlung nicht direkt dran schuld. Wer sich frei dafür entscheidet, muss leider mit dieser Möglichkeit rechnen. ...

    "war ich in einem tiefen Loch, ich habe gedacht, ich habe einen Makel." - Das doch aber nicht wegen der Kinderwunschbehandlung, sondern weil das Wunschkind immer noch nicht da ist. Die Behandlung gibt einem die Chance, dieses Makel-Gefühl zu beenden.

    Hier wurde wieder der Behandlung der schwarze Peter zugeschoben, statt die Probleme des Paares auf die ungewollte Kinderlosigkeit zurück zu führen. Schade.

  • 02.07.2008 10:16 Uhr

    von B. Mazurek:

    IGrundsätzlich ist es begrüßenswert, dass die taz mit der Interviewseite vom 2.7.08 unter der Überschrift „Ich wollte auch mal“ ein von ungewollter Kinderlosigkeit betroffenes Paar seine Behandlungserlebnisse in ausführlicher Weise darstellen lässt. In einigen der beschriebenen Situationen werden sich sicher viele Paare, die ähnliche Behandlungen haben durchführen lassen, wiederfinden. Allerdings scheint es mir, dass durch die redaktionelle Umrahmung des Interviews die „Lehre“ vermittelt werden soll, dass reproduktionsmedizinische Behandlungen zumeist unsinnig sind und betroffene Paare doch besser nach Alternativen wie einer Pflegeelternschaft suchen sollten.
    Mit dieser im „Subtext“ der „protokoll“-Seite enthaltenen „Moral von der Geschicht’“ wird man jedoch dem Problem der ungewollten Kinderlosigkeit nicht gerecht. Stattdessen wären folgende Maßnahmen dazu geeignet, die Situation der Betroffenen zu verbessern:
    1. Ein offener Umgang der Gesellschaft mit dem wachsenden Problem der ungewollten Kinderlosigkeit - hier tragen die Medien immerhin in letzter Zeit manches zur Veränderung bei. Gerade die taz hat hier eine besondere Verantwortung, weil im grün-alternativen Milieu ähnlich wie in kirchlich geprägten Kreisen zahlreiche Vorurteile bestehen.
    2. Eine Überarbeitung der gesetzlichen Bestimmungen, die die ungewollte Kinderlosigkeit betreffen. Zu nennen sind hier insbesondere: die Rücknahme der Kostenerstattungskürzungen durch die Krankenkassen sowie eine Modernisierung des restriktiven Embryonenschutzgesetzes, die eine reproduktionsmedizinische Behandlung nach dem heutigen Forschungsstand auch in Deutschland wieder ermöglicht und damit die Erfolgsaussichten einer Behandlung erhöh. Ich verweise hier auf den Forderungskatalog der „Aktion Kinderwunsch“(http://www.aktionkinderwunsch.de).
    3. Eine stärkeres Augenmerk auf die psychosozialen Probleme, die mit ungewollter Kinderlosigkeit verbunden sind. Eine entsprechende begleitende Beratung durch Psychologen oder in Selbsthilfegruppen sollte eigentlich die Regel und nicht die Ausnahme für Paare sein, die mit der Diagnose ungewollter Kinderlosigkeit konfrontiert werden. So könnten Betroffene auch besser dazu angeleitet werden, selbst zu entscheiden, ob oder ggf. wie lange eine reproduktionsmedinische Behandlung versucht oder ob alternative Wege verfolgt werden sollen.

    B. Mazurek, München

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