Was Gerechtigkeit wem wert ist

Millionäre wollen Steuerfahnder zahlen

"Was ist mir Gerechtigkeit wert?", fragte die taz auf einem Podium am Samstag. Fünf Prozent meines Geldes, sagte Millionär Dieter Lehmkuhl. Fünf Jahre Recherche, sagte Journalistin Julia Friedrichs.von LUISE STROTHMANN

Auftakt der Genossenschaftsversammlung bildete die Podiumsdiskussion zum Thema "Was ist mir Gerechtigkeit wert"   Bild:  Carlos Antoniazzi

BERLIN taz Zwei Menschen sitzen am Rednertisch: Die eine hat das Problem, der andere die Lösung. Aber keiner von beiden bedient die Hebel der Republik. Moderator Reiner Metzger, stellvertretender taz-Chefredakteur, hat für das Podiumsgespräch am Samstag vor der Genossenschaftssitzung bewusst keine Politiker eingeladen. In einem Wahlkampf, der so lahm sei, dass sogar die Auflage der Tageszeitungen sinke, wolle er dem Publikum das ersparen, sagt er. Deshalb säßen auf der Bühne im Verdi-Haus jetzt "zwei engagierte Bürger" - die mit dem Problem und der mit der Lösung. Gemeinsames Thema: Gerechtigkeit.

Julia Friedrichs ist die mit dem Problem. Sie ist 29, Journalistin und hat in den letzten Jahren Deutschland vermessen. Von oben und von unten. Ihr erstes Buch hieß "Gestatten: Elite". Nachdem sie einen Vertrag bei McKinsey ausgeschlagen hatte, reiste sie von Privatkindergarten zu Eliteinternaten - "auf den Spuren der Mächtigen von morgen". Das Rechercheergebnis verkaufte sich gut. Ihr zweites Buch bisher weniger. Es spielt auf der anderen Seite: "Deutschland dritter Klasse. Leben in der Unterschicht". Zur Frage nach Gerechtigkeit sind ihre Beobachtungen ernüchternd. Oben sei ihr das Denken begegnet, dass es immer Gewinner und Verlierer geben werden und man zusehe, selbst zu den Gewinnern zu gehören. Und unten gebe es Schulen, an denen den Schülern gesagt werde: "Auf euch wartet Hartz IV, auf euch wartet sonst nichts." Ein System, das sich selbst reproduziere. Zwei Welten ohne Berührungspunkte.

Dieter Lehmkuhl wurde wegen seiner Lösung eingeladen. Der 66-Jährige ist reich, will abgegeben und fordert, dass das zum Gesetz wird. Seine "Initiative für Vermögensabgabe" will erreichen, dass Menschen mit einem Vermögen von über 500.000 Euro zwei Jahre lang eine fünfprozentige Abgabe zahlen. 39 Reiche unterstützen ihn. "Die Einkommensungleichheit kann nicht im Interesse der Reichen sein", sagt Lehmkuhl. "Das hat nichts mit Gutmenschentum zu tun, das gebietet die politische und ökonomische Vernunft." Die Erträge sollte der Staat nur zweckgebunden ausgeben - für Ökologie, Soziales und Bildung.

Geld nütze immer, sagt Julia Friedrichs. Das System müsse umgebaut werden. "Was bringt es, das Produkt ,Hauptschüler' herzustellen, wenn dann gesagt wird: Das könnt ihr gern behalten." Aber ein Problem liege auch in den Ängsten der Mittelschicht. "Das ,Unten' wird als ansteckend empfunden." Abgrenzung nach unten, Orientierung nach oben.

Aus dem Saal meldet sich taz-Genossin Ute Finckh. "Ich will da gar nicht hin", sagt sie. "Wir sollten diesen Druck nach oben für uns hinterfragen." Schön und gut, meint Friedrichs. Aber sie kenne auch Linke, die aus Angst vor Migrantenklassen ihre Kinder auf Privatschulen schickten.

Am Ende der Diskussion, kommt noch ein konkreter Vorschlag: Adrienne Goehler von der taz Panter Stiftung tritt ans Mikrofon und spricht Dieter Lehmkuhl an. "Sie wollen fünf Prozent loswerden, und bis Staat und Parteien das kapiert haben, sollte mit dem Geld etwas passieren." Sie denke an ein Treuhandkonto. Lehmkuhl hat eine andere Idee: "Wir haben schon überlegt, von dem Geld zusätzliche Steuerbeamte zu finanzieren." Moderator Reiner Metzger lacht und formuliert die Schlagzeile: "Millionäre zahlen Steuerfahnder".

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