Mit der neuen Facebook-Timeline werden die User noch mehr Privates in die Öffentlichkeit tragen. Warum Menschen freiwillig den Daten-Kraken füttern.von SEBASTIAN DÖRFLER

Gleich einer religiösen Zeremonie: Mark Zuckerberg bei der Vorstellung des neuen Facebook-Design. Bild: dapd
BERLIN taz | Über die neuste Facebook-Runderneuerung wird leidenschaftlich gestritten. Für Frank Rieger, Sprecher des Chaos Computer Clubs, geht es um nicht weniger als die "Spaltung der Online-Bevölkerung in zwei Gruppen": die, die glauben, nichts zu verbergen zu haben; und die, denen die Erfassung ihrer digitalen Lebensäußerungen immer unheimlicher wird. Der Graben zwischen beiden werde immer größer.
Das Web gehöre mittlerweile ein paar Konzernen, schreibt auch der Guardian. Und da wir weder für Facebook, Google oder Twitter zahlten, seien wir selbst Produkte, unsere Daten und Identitäten gehörten anderen. Das neue Facebook sei deshalb das "Ende des Webs, wie wir es kannten".
Die SZ dagegen hofft, dass die Facebook-Monokultur nicht siegen wird. Und fragt mal wieder: Warum einem Konzern mitteilen, wann wir welches Lied hören, warum ihm die Rechte an all unseren Bildern überlassen, warum überhaupt so viel Privates in die Öffentlichkeit tragen?
Die Antwort: Für uns selbst. Das neue Facebook ist nicht das Ende des Webs, wie wir es kannten, sondern nur die konsequente Weiterentwicklung dessen, was es immer am besten konnte: unserem Selbst einen Halt geben. Wie das funktioniert, kann man in einem Video bestaunen, in dem Don Draper, Serienheld der US-Fernsehserie "Mad Men", die neue Timeline vorstellt.
Eigentlich war es ein Diaprojektor, für den sich Draper in einer Episode eine Kampagne ausdachte. Doch die Präsentation passt genauso gut zum neuen Facebook, dachte sich jemand und fügte statt der verwaschenen Fotos der Retro-Serie Bilder von Drapers imaginärem Facebook-Profil ein. Erfolgreiche Produkte, sagt der darin, brauchen immer emotionale Komponenten.
Klick. Das erste Bild erscheint in dem verdunkelten Raum. Man sieht Drapers Facebook-Profil, ein Bild von ihm und seiner Frau Betty, der gemeinsamen Tochter, Bilder aus seiner Kindheit. Das hier, sagt er, während der Projektor durch die Jahre rattert, ist wie eine Zeitmaschine: sie wieder besuchen, sie lässt uns reisen wie ein Kind - hier hin, dort hin … und wieder nach Hause.
Etwas unbeholfen wirkte dagegen Mark Zuckerberg bei der "echten" Timeline-Vorstellung. Aber wie wichtig das eigene Profil heute ist, weiß er. Damit werden die Menschen viel Zeit verbringen. Nicht um es zu pflegen – sondern um in der Vergangenheit zu schwelgen.
So sehr man sich auch wünscht, dass sich die Frontlinien gegen den Netz-Datenkraken verschärfen, so nüchtern muss man die Frage beantworten, warum ihm so viele Menschen ihre Identität anvertrauen: weil sie dafür ein kohärentes Profil bekommen. Vielleicht kann man bald auf anderen Plattformen besser kommunizieren - aber darum geht es nicht. Diese Facebook-Revolution ist eine andere. Sie besteht in der konsequenten Weiterentwicklung der großen Utopie des Netzes: dem Versuch, Selbstzweifel zu bändigen.
Was früher Gott, die Mathematik oder der Staat leisteten, müssen wir scheinbar unabhängigen, selbständigen Menschen heute selbst leisten: uns eine sinnstiftende Erzählung schaffen. Unser Profil spiegelt uns diese Erzählung, immer dann wenn wir sie brauchen. Und dieses Selbstbild sollen dann natürlich auch andere Menschen sehen.
Wahrscheinlich ist es so einfach. Und wahrscheinlich ist Facebook deshalb so ein gutes Geschäftsmodell: Kaum jemand hat Lust, die eigenen Daten zu kontrollieren, solange er nur die eigene Timeline kontrollieren kann. Gerade wenn außen herum das Leben immer flüchtiger zu werden scheint: am eigenen Profil kann man sich festhalten.
Und diejenigen, die die neue Timeline bereits aktiviert, ihre ersten Facebook-Sätze und Fotos wieder erblickt, ein paar davon größer gezogen und ein paar Statusmeldungen verborgen haben sowie in ihrer Zeitleiste bis zur eigenen "Geburt" zurückgescrollt sind - auch die werden sich gedacht haben: Was ist das nur für eine hässliche Lücke, die sich da von der Geburt bis zum ersten Eintrag 2008 auftut?
So etwas wird mir ab sofort nicht mehr passieren. Ich brauche also mehr Bilder. Aber ansonsten war es ja bisher ein ganz schönes Leben.
Die Kurse der Facebook-Aktie sinken und sinken und sinken. Jetzt kann auch noch am Optionsmarkt auf den weiteren Verlauf des Börsenwerts gewettet werden.

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Facebook sammelt riesige Datenmengen. Und will immer mehr von seinen Nutzern wissen. Datenschützer sind entsetzt. Denn niemand weiß, wie viel und was Facebook tatsächlich speichert.
Und Facebook dient keineswegs dem Nutzer. Denn nicht die Profilbesitzer sind die Kunden, sondern die Werbeindustrie. Zuckerberg will ein perfektes System für die Werbung schaffen. Eine Empfehlung von Freunden ist mehr Wert als jede Plakatanzeige, jeder Werbespot und jede Printreklame.
Die Reichweite von Facebook kann sich sehen lassen: Mehr als 800 Millionen Menschen aus aller Welt und mehr als 20 Millionen Deutsche nutzen die Social-Network-Plattform. Damit hält Zuckerbergs Firma bei jungen Menschen fast schon ein Monopol und verdrängte Konkurrenten wie "Studivz". Wer seine Kontakte und Freundschaften – vor allem international – pflegen will, ist gewissermaßen auf das soziale Netzwerk angewiesen.
Im Schwerpunkt "Datenkrake Facebook" sollen Artikel über den Kampf der User um ihre gespeicherten Daten bei Facebook zusammengefasst werden. Die taz dokumentiert dabei den österreichischen Jura-Studenten Maximilian Schrems, der bei Facebook nachhakte, Kampfgeist zeigte, nicht locker ließ und am Ende mit der Zusendung vieler Daten, die Facebook von ihm speicherte, quasi "belohnt " wurde.
Die Facebook-Grafiken im Detail:
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Schmuckbild: spacejunkie / photocase.com
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Leserkommentare
04.10.2011 21:40 | Zafolo
Ich habe auch Zweifel an den Nutzerzahlen. ...
04.10.2011 13:47 | Brian Brain
Facebook benutzen eh nur die Realkontakt- und Aufmerksamkeitsarmen! Alle Menschen in ernsthaft verantwortungsvollen Positio ...
03.10.2011 21:57 | Reinhardt
Und der nächste ungebildete Depp, der auf einer Veranstaltung ein Foto mit mir darauf macht und dann stolz zeigt, dass er e ...