Überwachungsexperiment in Berlin

Gemeine Verunsicherung

Eine Schnitzeljagd zu den Mechanismen der Angst und Paranoia: Die "yoUturn"-Tour macht den Teilnehmer zum Überwachungsopfer. Und zuletzt gefügig.

Und schon wieder eine Kamera: Ist sie wirklich nur aus Pappe? Bild: ap

Langsam ist es doch ganz schön kalt, hier in einer namenlosen Parkanlage irgendwo im Wedding um acht Uhr abends. Ich schicke mich gerade an, mit Hilfe einer Taschenlampe den Zettel zu lesen, der für mich an das Schild am Ausgang des kleinen Parks an der Seestraße geklebt wurde. Da schießt plötzlich aus der nächtlichen Finsternis der Mann, der mir schon auf dem U-Bahnhof aufgefallen war, auf mich zu. Er packt mich am Oberarm und führt mich wortlos ab. An der nächsten Ecke wartet ein geöffnetes Schiebetor nur darauf, uns zu verschlucken. Ich werde hineingezerrt. Das Tor schließt sich leise hinter uns. Und niemand weiß, wo ich gerade bin.

Ich selbst übrigens auch nicht. Den Wedding kenne ich ungefähr so gut wie Klein-Wülferode Ost, nämlich kein bisschen. Später erfahre ich, dass ich in ein ehemaliges Krematorium verschleppt wurde. Aber man könnte mich in dem Augenblick wohl auch in einer unterirdischen Zelle einschließen, zusammenschlagen und in einer Pfütze meines eigenen Blutes liegen lassen – ohne dass jemand etwas davon erfahren würde. Zum ersten Mal an diesem Abend bekomme ich ein richtig mulmiges Gefühl im Magen.

Mein Entführer schleppt mich eine schmale Eisentreppe hinab in eine kahle Halle von der Größe einer U-Bahn-Station. In den Ecken stehen Kartons mit geschreddertem Papier. Ich werde auf einen Hocker gedrückt. Mir gegenüber steht ein Schreibtisch, dessen Lampe mich blendet. Mein Entführer setzt sich hinter den Schreibtisch, schiebt einige Papier zurecht, eine Tonaufzeichnung wird gestartet, und ich bin wieder im Theater.

Fremd in der eigenen Stadt

Bei dem von Christiane Mudra konzipierten Überwachungsexperiment „yoUturn“ kann man bis 29. März in jeweils persönlichen Rundgängen die Paranoia im Stadtraum Berlins erfahren.

Es gibt parallel drei unterschiedliche Touren, und das zweimal täglich (18 und 20.30 Uhr). Tickets 16/10 Euro. Anmeldung und Info unter: yoU.turn@gmx.de

Denn natürlich habe ich mich nie tatsächlich in der Gefahr befunden, Mitglied der Armee der Verschwundenen zu werden, die eines Tages in ein Auto mit geschwärzten Scheiben oder einen Seiteneingang gezerrt wurden und nie wieder auftauchten. Der Abstecher in die Berliner Unterwelt ist vielmehr für mich das Finale des Theaterexperiments „yoUturn“, das Christiane Mudra jetzt schon zum zweiten Mal in Berlin inszeniert. Bei einem Rundgang durch die eigene Stadt sollen dem Publikum „die Mechanismen von Angst und Paranoia“ erfahrbar gemacht werden – denn „Überwachung kann man nicht sehen“. Und wer an der Tour teilnimmt, dem mag die eigene Stadt plötzlich wirklich so fremd und unheimlich vorkommen, als hätte man sich in einer von E. T. A. Hoffmanns Berliner Novellen verirrt.

Dabei beginnt alles wie eine gut organisierte Schnitzeljagd für Erwachsene. An meinem Treffpunkt in der Nähe des Hamburger Bahnhofs hängt eine weiße Plastiktüte mit einer Grundausstattung für die Tour: eine Taschenlampe, einige Zettel und Instruktionen, wo ich die nächsten Hinweise entgegenzunehmen habe. Das erfahre ich von einer herrischen Männerstimme, die mich auf meinem Handy anruft, als ich gerade ankomme. Diese Anrufe von wechselnden, zum Teil verzerrten Stimmen – natürlich immer von einer „unterdrückten Nummer“ – werden mich die nächsten zwei Stunden durch die Stadt begleiten.

Zur selben Zeit starten, wie ich später erfahre, auch zwei andere Besucher von „yoUturn“ ihren Marsch durch ein eigens für sie inszeniertes Überwachungsszenario und werden dabei – wie ich, ohne es zu merken – von einem Schauspieler beschattet. Während die anderen Performance-Touren durch östliche Stadtbezirke vorbei an einschlägigen Wirkungsorten der Stasi führen, marschiere ich durch ein zunehmend dunkler werdendes urbanes Hinterland unweit des Neubaus des Bundesnachrichtendienstes.

Dabei finde ich an Zäunen, Briefkästen und Friedhofstoren immer wieder Umschläge und Mappen voller Dokumente, die mich einerseits weiter dirigieren und mich andererseits darüber informieren, wie Staaten ihre Bürger durch Überwachen und Strafen zurichten. In dem Gebäude an der Invalidenstraße, das heute das Wirtschaftsministerium beherbergt, so erfährt man, war nach dem Zweiten Weltkrieg die Generalstaatsanwaltschaft der DDR. Ich finde Auszüge aus Dossiers, die die Stasi über Punks und andere „innere Feinde“ angelegt hatte, es gibt den erschütternden Bericht einer Marokkanerin zu lesen, die bei der Reise nach Israel ohne Grund stundenlang nackt in einer Untersuchungszelle festgehalten wurde. Sogar die millionenteure Überschwemmung, die unlängst einige abmontierte Armaturen im angeblich top-sicheren BND-Neubau verursacht haben, kommt vor.

In der Abenddämmerung irre ich durch eine Gegend zwischen Schifffahrtskanal und Chausseestraße, die für mich bisher Terra incognita war. Im abnehmenden Licht jagt mir nicht nur der Typ mit der Wollmütze, der plötzlich wie aus dem Boden gewachsen vor mir steht und mir einen MP3-Player in die Hand drückt, einen Heidenschreck ein. Generell wirken andere Passanten zunehmend verunsichernd. Sind das wirklich zwei Berliner Hausfrauen, die mit dem Hund mit dem absurd leuchtenden Halsband Gassi gehen? Und ist der Mann mit seinem Fahrrad nicht gerade verdächtig nah an mir vorbeigefahren?

Der französische Philosoph Michel Foucault hat in seinem Buch „Überwachen und Strafen“ gezeigt, dass man einen Menschen gar nicht ununterbrochen bespitzeln muss, um ihn zuzurichten und zu disziplinieren. Es genügt, dass man jederzeit beobachtet werden kann, und schon beginnt das Subjekt der Überwachung sein Verhalten den vermuteten Erwartungen seiner Häscher anzupassen. Auch Josef K. wird in Kafkas „Prozess“ peu à peu durch die Ungewissheit darüber, was ihm eigentlich vorgeworfen wird, so zermürbt, dass er sich zuletzt widerstandslos von seinen Henkern abführen lässt. So wie auch ich mich am Ende der „yoUturn“-Tour in unterirdische Katakomben abführen lasse, verbunden mit meinem Verfolger in einer – wie es bei Kafka heißt – „Einheit, wie sie fast nur Lebloses bilden kann“.

Das ist freilich noch die old school der geheimdienstlichen Arbeit mit auf einen persönlich angesetzten Spitzeln, nicht das lautlose und automatische Funktionieren der Algorithmen flächendeckender Totalüberwachung, wie sie NSA, Facebook und Google praktizieren.

Wie effektiv die ist, zeigt ein Dossier über mich selbst, das mir am Ende der Vorstellung ausgehändigt wird. Es enthält meine Adresse, alle meine E-Mail-Adressen, eine Analyse meiner Twitter-Kontakte (zu denen „auffällig viele staatsfeindliche Subjekte“ gehören), die Information, dass ich offenbar meine E-Mails nicht verschlüssele. Und dieses verflixte Familienbild, das ich einfach nicht aus dem Internet kriege, obwohl ich es schon seit Jahren versuche.

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„Richtig schön multikulti“ – Erkundungen im Kiez rund um den taz Neubau:

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