Über das Stadtbild Hagens

Wandel als Zustand?

Ein meinland-Gespräch mit den Bürger*innen Hagens über Gegenwart und Zukunft der Stadt.

Erster Eindruck: Perfekt zum Durchfahren das „Tor zum Sauerland“ Bild: Torben Becker

von THILO ADAM

„Ich find’s phantastisch, dass Hagen die Stadt ist, die immer knapp verkackt“, sagt eine junge Zuhörerin zum Schluss des meinland-Gesprächs in Hagen. Nach einer Diskussion, in der es oft um Identität, um eine attraktive Erzählung für die Neue-Deutsche-Welle-Stadt ging, meint sie das nicht ironisch. „Am Hauptbahnhof kann man sich ja nicht nur Junkies anschauen, sondern auch das berühmte Fenster von Prikker“, sagt sie, „das wir dann an Weihnachten aber wieder nett mit Deko verhängen.“

Der Charme konsequent vergebener Chancen: Zumindest für diesen Abend konnten sich gut einhundert Hagener im Kulturzentrum Pelmke darauf als zeitgemäßes Narrativ für ihre Stadt einigen – schmunzelnd.

Zwischen Postindustrie und Prädigitalisierung

Hier, wo man sich regelmäßig über die Selbstverortung als Ruhrgebietler, Südwestfale oder Sauerländer streitet, definiert sich sonst vieles über den betrübten Blick zurück auf bessere Zeiten. Zwischen Postindustrie und Prädigitalisierung ist zurzeit also vielleicht wieder ganz Ähnliches spürbar, wie das, was den Mäzen, Theoretiker und Hagener Karl Ernst Osthaus vor gut einhundert Jahren Wandel als produktiven Zustand begreifen ließ. Osthaus holte nicht nur den niederländischen Jugendstilkünstler Jan Thorn Prikker in die Stadt, sondern prägte maßgeblich den kulturellen Aufbruch in die Moderne – mit einer Mischung aus Vision und Pragmatismus.

„Es wird immer weiter zusammengestrichen, ein Vorwärts gibt es nicht“

In der Pelmke gibt es viel Applaus, als der Theatermacher Werner Hahn ebensolchen Pragmatismus auch im Hinblick auf die aktuellen Probleme der Stadt fordert. „Man merkt so oft: wir haben’s eigentlich nicht im Griff“, sagt Hahn, „aber das darf uns nicht aufschrecken.“

Damit spielt er auch auf die Integration von Zuwanderern an. Etwa 4600 Menschen aus Rumänien und Bulgarien leben in Hagen, fast drei Viertel davon kamen erst innerhalb der letzten zwei Jahre. Das hat vor allem mit günstigem Wohnraum vor Ort zu tun. „Eigentümer, die lange nicht investiert haben, können gerade Gewinn machen“, sagt der städtische Jugendamtsleiter Reinhard Goldbach. Teilweise bedeute das aber miserable Wohnbedingungen für die neu Zugezogenen, in manchen Wohnungen fließe weder Wasser noch Strom.

Salat statt Melting Pot

Bisher wurden drei solcher Häuser für unbewohnbar erklärt. „Ein Tropfen auf den heißen Stein", sagt Goldbach, „wir verschieben Probleme bloß; von Duisburg nach Gelsenkirchen, von Wehringhausen nach Altenhagen.“ Für seine Mahnung zu selbstkritischer Analyse und Besonnenheit erntet der Stadtvertreter in der Pelmke Beifall. Deren Geschäftsführer Jürgen Breuer beobachtet aber auch, „dass die Stimmung gerade kippt“.

Der Charme konsequent vergebener Chancen

Sein Kulturzentrum steht mitten in Wehringhausen, einem der Stadtteile, die besonders von Zuwanderung aus Osteuropa betroffen sind. „Die Buntröcke, die Zigeuner sind’s wieder gewesen“: Im Internet lese man immer mehr Vorverurteilungen und Hetze gegen die Neuen, sagt Breuer. Dabei hat Hagen als ehemalige Industriestadt eine lange Einwanderungsgeschichte.

Der Kulturmanager Ihsan Alisan, selbst aus einer Gastarbeiterfamilie, meint: „In der Zeit, als meine Eltern hier ankamen, waren die Menschen den Neuankömmlingen ohne großen Integrationsplan ausgesetzt.“ Seinem Gefühl nach habe Hagen damals erfolgreich eine Vorreiterrolle ausgefüllt. Aus der Erfahrung als Migrantenkind könne er nur „dafür werben, alle Menschen einzubinden und aktiv mitgestalten zu lassen“. Den interkulturellen Status Quo in Hagen beschreibt Alisan trotzdem lieber als „Salat“, denn als Melting Pot, „weil hier nichts einfach so zusammenschmilzt.“

Fehlende Unterstützung für die Engagierten

Außer, wie fast überall, der Kulturetat, möchte man hinzufügen. Die Stadt hat seit vielen Jahren massive Geldsorgen. Ein Umstand, der am runden Tisch der taz weitgehend ausgeklammert blieb, bis sich Rita Viehoff aus dem Publikum meldet. „Es wird immer weiter zusammengestrichen, ein Vorwärts gibt es nicht“, sagt sie. Nach über zwanzig Jahren als Leiterin des städtischen Kulturbüros sei sie deshalb 2012 frustriert zurückgetreten. „Ich finde nicht in Ordnung, dass alles auf dem Rücken der Engagierten ausgetragen wird“, so Viehoff. Von denen allerdings, auch das zeigt unsere meinland-Runde, gibt es in Hagen reichlich.

Nur ein Beispiel aus dem Publikum: Gemeinsam mit Freunden aus der Graffiti-Szene geht Elena Grell seit fast einem Jahr dreimal die Woche zu Kindern und Jugendlichen an stadtbekannten Problemplätzen. Es wird gespielt, gemalt, gebastelt und ganz nebenbei Deutsch gelernt. Die Gruppe „Kunst vor Ort“ ist nicht als Verein organisiert, die meisten sind keine ausgebildeten Sozialarbeiter, das Projekt gilt trotzdem als Erfolg. Jetzt würden sie gerne eine Jugendkunstschule gründen.

„Solche großartigen Initiativen gehen unter“ sagt Schauspieler Werner Hahn, der das Theater Hagen diesen Sommer nach 35 Jahren verließ, „wenn wir, die bestehenden Institutionen, immer nur lautstark Geld fordern“. Hinter Strukturen könne man sich auch verstecken, meint er. Wie Rita Viehoff vermisst er ein Konzept, „dass das was sich hier entwickelt auch langfristig tragfähig wird“.

Stadt als Labor

Auch, ob Eva Rapp-Fricks Ideen Zukunft haben, muss sich noch zeigen. Die Vorsitzende des Karl-Ernst-Osthaus-Bundes beschreibt Hagen als Labor, „hier kann man unter dem Mikroskop beobachten, was gesellschaftlich machbar ist“. Für neue Hagener Impulse will sie künftig digitale Vordenker aus ganz Deutschland an die hundert Jahre alten Osthaus-Stätten einladen, um dessen (nicht ganz belegten) Wahlspruch „Kultur durch Wandel – Wandel durch Kultur“ am Ort seines Wirkens zeitgemäß interpretieren zu lassen. Das bleibt wohl, dreist gemutmaßt, so abstrakt, wie es klingt. Zumindest kurzfristig dürfte aus dem Versuch keine Vision hervorgehen, die das immer noch dürftige Image Hagens überstrahlt.

Dass es aber vielleicht dennoch in absehbarer Zeit keine „Herausforderung“ mehr ist hier zu bleiben (Jürgen Breuer), das lag in der Pelmke in der Luft. So viele Menschen aller Generationen waren gekommen, um über ihre Stadt zu sprechen, dass viele Wortmeldungen aus Zeitgründen nicht mehr gehört werden konnten. Dem Gehörten war aber zu entnehmen, dass die Hagener allergrößtenteils jetzt schon gerne hier leben – freiwillig. Damit beantwortet sich vielleicht auch die Frage nach der Hagener Identität: „Im kleinen Trotzdem“, sagt Ishan Alisan, „steckt unser Wir-Gefühl“.