Tunesien nach dem Friedensnobelpreis

Stolz und Sorge in Tunis

Bei tunesischen AktivistInnen löst die Vergabe des Friedensnobelpreises gemischte Gefühle aus. Denn die aktuelle politische Lage sorgt sie.

Eine Frau kniet vor Blumen, wo sich im Juni ein Anschlag am Strand ereignete

Am Strand des Ferienortes Sousse kamen am 26. Juni 38 Touristen ums Leben. Foto: ap

TUNIS taz | Völlig unerwartet geht der Friedensnobelpreis nach Tunesien. „Der Friedensnobelpreis ist eine Anerkennung der aufopferungsvollen Arbeit der Zivilgesellschaft“, sagt der Menschenrechtsaktivist Kouraish Jaouahdou aus Tunis. Doch die aktuelle politische Lage in dem Land besorgt ihn. Das harte Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen Aktivisten und Journalisten erinnere an die Zeiten vor der Jasminrevolution, die sich im Dezember das fünfte mal jährt.

Das sehen auch andere so: „Das Dialog-Quartett hat sich rechtzeitig vor dem Beginn der Wahlkämpfe zurückgezogen und politische Polarisierung vermieden“, lobt Amna Guellali von der Menschenrechtsgruppe Human Rights Watch, die täglich neue Fälle von Folter und willkürlichen Verhaftungen auf ihrem Schreibtisch liegen hat. „Anders als in Libyen und Ägypten haben sowohl die Vertreter des religiösen Islam als auch die ehemaligen Regimevertreter im letzten Moment den Kompromiss gesucht.“

Viele Aktivisten wie Guellali und Jaouahdou fürchten, dass nach den Anschlägen von Sousse der tunesische Sonderweg verloren gehen könnte. Am Strand des Ferienortes kamen am 26. Juni 38 Touristen ums Leben. Während des nach der Attacke ausgerufenen Ausnahmezustandes wurden mehr als 3000 Verdächtige aus den zahlreichen islamistischen Netzwerken verhaftet.

„Es reicht manchmal schon, einen Bart zu tragen, um ins Visier der Behörden zu geraten, die noch aus der Ben-Ali-Zeit kommen“, sagt Kouraish Jaouahdou, der seit der ersten freien Parlamentswahl als Wahlbeobachter arbeitet.

Verdächtige Extremisten werden freigelassen

Während vor allem im von der Tourismuskrise hart getroffenen Südwesten Tunesiens das strikte Vorgehen der Polizei die mehrheitlich arbeitslose Jugend sogar verstärkt in den religiösen Widerstand und damit in die Gefängnisse treibt, gingen die Ermittlungen zu den Anschlägen in Sousse und dem Bardo-Museum ins Leere. Auch die Verdächtigen der Attacke auf das Museum in Tunis vom Februar wurden wie viele religiöse Extremisten in Sousse wieder freigelassen.

In den Cafés der Hauptstadt ist man sich sicher, dass Beamte im Innenministerium geschmiert oder der Geheimdienst in die Attentate verstrickt ist. Beweise für diese Verschwörungstheorie wollte der Moderator eines bekannten TV Senders aufdecken. Am vergangenen Sonntag durchlöcherten ein Dutzend Kugeln das Auto des Inhabers des Senders und Abgeordneten Rida Chareffedine, als er auf eine Landstraße nach Sousse einbog. „Eine Warnung“, so der liberale Ridha Charfeddine, der für die Regierungspartei Nidaa Tounès im Parlament sitzt.

Mit der Lage in Libyen, von wo immer mehr tunesische IS-Anhänger zurückkehren, und der seit Jahresbeginn massiv gestiegenen Arbeitslosigkeit, fühlen sich die Aktivisten zunehmend unwohl. Nach Europa auszuwandern ist nach den Anschlägen das wichtigste Thema der Jugend. „Der Nobelpreis könnte Motivation für die junge Generation sein, die mit ihrem zivilem Engagement das Land bisher aus der Gewalt der Nachbarländer heraus gehalten hat“, hofft Kouraish Jaouahdou.

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