In Indien protestieren rechte Hindus gegen "Slumdog Millionaire", dem auch von anderen Seiten ein verzerrtes Indienbild vorgeworfen wird. Dabei erzählt der Film ein surreales Märchen.von SASCHA ZASTIRAL
Panaji, die Hauptstadt des indischen Bundesstaats Goa: Zwei Dutzend Männer mit safranfarbenen Stirnbändern stehen von einem Multiplexkino. Es sind Mitglieder der fanatischen Hindu-Partei Shiv Sena und einer hindunationalistischen Gruppierung. Sie skandieren Sprechchöre und schreien Kinobesucher an. Kurze Zeit später stürmen einige Aktivisten das Kino, reißen Plakate ab, werfen Scheiben ein und zertrümmern den Verkaufsschalter. Die Polizei trifft ein, prügelt und nimmt mehrere Fanatiker fest.
Grund der Demonstration ideologischer Gewalt ist der indische Kinostart des Films "Slumdog Millionaire" des britischen Starregisseurs Danny Boyle, der kürzlich vier Golden Globes gewonnen hat und für zehn Oscars nominiert wurde. Gegen den Film protestieren jetzt in ganz Indien Anhänger der Hindu-Rechten. Anstoß nehmen sie vor allem daran, dass mit Boyle ein Ausländer eine so scharfe Kritik der Verhältnisse in Indien formuliert hat.
Tatsächlich zeichnet der Film kein wohlwollendes Bild des Landes, das sich heute gerne als moderne, aufstrebende Supermacht des 21. Jahrhunderts darstellt. Schon die Anfangsszene von "Slumdog Millionaire" zeigt nackte Gewalt: Ein Mann hängt in einem Polizeirevier von der Decke. Polizisten beleidigen, schlagen und foltern ihn: Jamal Malik, ein Muslim aus Bombays Riesenslum Dharavi, hat soeben beinahe alle Fragen in der Quizshow "Kaun Banega Crorepati", der indischen Variante von "Wer wird Millionär", richtig beantwortet. Nur noch eine richtige Antwort trennt ihn vom Hauptgewinn von 20 Millionen Rupien, umgerechnet 313.000 Euro. Die Polizisten wittern Betrug.
Auf jede Frage kennt Malik, der aus einfachsten Verhältnissen stammt, die richtige Antwort. Warum, beantwortet der Film, indem er Sequenzen aus dem Leben des 18-Jährigen zeigt. Sie zeigen, wie Slummädchen zur Prostitution gezwungen und Straßenjungs verstümmelt werden, um für ihre Hintermänner mehr Geld erbetteln zu können. Szenen tauchen auf aus Bombays mächtiger Unterwelt. Eine Passage schildert das Massaker, bei dem fanatische Hindus 1993 in Bombay mehr als tausend Muslime getötet haben. Kein Wunder also, dass sich die Hindu-Rechte angegriffen fühlt und fordert, dass der Film verboten wird.
Doch Kritik kommt auch von anderer Seite. Bollywood-Superstar Amitabh Bachchan schrieb in seinem Blog, die Darstellung Indiens als "schmutziges, unterentwickeltes Dritteweltland" habe "Nationalisten und Patrioten" verletzt. Als das Medienecho darauf größer war als erwartet, ruderte Bachchan zurück: Er habe lediglich Einträge anderer Blognutzer zusammengefasst. Bachchan dürfte vor allem die Darstellung des arroganten und niederträchtigen Quizmasters auf den Magen geschlagen sein: Denn lange war er Showmaster der indischen Variante von "Wer wird Millionär?".
Am meisten Beachtung findet derzeit die Klage des Slumaktivisten Tapeshwar Vishwakarma aus dem nordindischen Patna. Er hat den Musikproduzenten des Films, A. R. Rahman, und Anil Kapoor, einen der Darsteller, angezeigt, weil sie die "Menschenrechte" von Slumbewohnern verletzt hätten. Vor allem habe sich Vishwakarma an dem Begriff "Slumdog" gestört, der Millionen von Slumbewohnern diffamiere.
Dennoch könnte "Slumdog Millionaire" in Indien gerade bei Zuschauern aus den untersten Schichten ein riesiger Erfolg werden. Denn der Film erfüllt die wichtigste Funktion, die auch die lauten und häufig so unwirklichen Bollywood-Produktionen bedienen: "Slumdog Millionaire" ist ein surreales Märchen, das es dem Zuschauer ermöglicht, für einige Augenblicke seine häufig harte Realität zu vergessen.
Mehr noch: Der Film zeigt, dass es auch ein Slumbewohner zum "Crorepati", zum Rupien-Multimillionär, bringen kann. Und zwar nicht, obwohl er aus einem Slum stammt, sondern gerade weil er in seinem Leben am unteren Rand der Gesellschaft viel lernen und improvisieren musste, um zu überleben. Diese Anstrengung würdigt "Slumdog Millionaire" in ganz besonderem Maße.
An der Darstellung von schreiender Armut, von Ungerechtigkeit und Polizeigewalt, gegen die Indiens selbsternannte Moralisten aus dem rechten Hindu-Lager aufschreien, wird sich unter den armen Kinobesuchern kaum jemand stören. Es ist eine Darstellung des Lebens, wie sie es kennen.
"Vergesst die gekränkten nationalistischen Gefühle", schreibt daher auch Nikhat Kazmi, ein Kommentator der angesehenen Tageszeitung Times of India. Slumdog Millionaire sei nicht der Fall eines "infamen westlichen Blicks", der orientalisches Elend aufstöbere, um es als "exotische Schmutzladung" auf westliche Zuschauer loszulassen. "Slumdog Millionaire ist ein Stück fesselndes Kino, das als Aschenputtel-gleiches Märchen gemeint ist, mit einer Ladung Thriller und der Vision eines Künstlers."
Uwe Vorkötter ist draußen. Die „Frankfurter Rundschau“ und die „Berliner Zeitung“ bekommen wieder eigene Chefredaktionen. Steht die FR nun vor einem baldigen Aus? von Steffen Grimberg

Kita-Ausbau, Betreuungsgeld, Flexi-Quote - nix klappt bei der Familienministerin. Keine Schnute ziehen, Frau Schröder. taz.de hat Vorschläge für andere Aktivitäten.

Echte Stars, begeisterte Fans, prima Shopping-Tipps - wir freuen uns auf die Fußball-Europameisterschaft.

Starre Rituale, öde Debatten, ein Haus der Langeweile? Nicht in der Ukraine! Hier werden Parlamentsdebatten noch mit Leidenschaft, Herzblut und handfesten Argumenten geführt!

Weltraumtouristen, Satelliten und Versorgungsflüge zur ISS – die Raumfahrt wird privatisiert und kommerzialisiert.


Leserkommentare
08.03.2009 04:54 | Henning H. F.
Ein sehr gut gemachter, sehr dynamischer, wunderbar vertonter, spannender Film, der das moderne Indien in all seiner erschr ...
27.01.2009 19:48 | Noorjahan
Die indischen Hindu-Fanatiker können sich aufregen und poltern, das wahre Bild Indiens bleibt, wie "Slumdog Millionaire" es ...
27.01.2009 10:54 | Felix
Super Film, kann man nicht anders sagen. Würd ich mir einfach mal angucken!