Am Freitag radelt das Tour-Peloton in die Pyrenäen nach Andorra-Arcalis. Da fuhr vor 12 Jahren ein gewisser Jan Ullrich zu seinem ersten ganz großen Triumph.von TOM MUSTROPH

Flitzte 1997 überraschend allen davon: Jan Ullrich in den Pyrenäen. Bild: dpa
class="autor">AUS BARCELONA TOM MUSTROPH
Andorra ist Schauplatz eines Dramas von Max Frisch über Antisemitismus. In Deutschland ist der Zwergstaat in den Pyrenäen bekannter als der Auslöser des teutonischen Massentourismus nach Frankreich. Ein 23-jähriger Jüngling aus Ostdeutschland, rank und schlank und sehr unschuldig wirkend, war am 15. Juli 1997 dem Peloton der Tour de France auf dem Weg nach Andorra-Arcalis davongestiefelt. Jan Ullrich hatte von seinem Kapitän Bjarne Riis den Freibrief zur Attacke erhalten, ihn absolut ausgenutzt und sich auf dem Gipfel das gelbe Trikot übergezogen, das er bis Paris nicht mehr hergeben sollte. Die Zeitungen waren voll Staunens. "Der neue Riese" titelte die L'Equipe. Vom "König Ullrich" sprach Le Parisien, zum Kaiser kürte ihn Le Figaro. Die taz prognostizierte mit gutem Riecher: "Ullrich macht Deutschland zum Radsportland."
Zwölf Jahre später ist Radsportland Deutschland ziemlich abgebrannt. Das einzig verbliebene deutsche Profiteam zockelt - vom Pech geplagt, gewiss - in allen Disziplinen des Straßenradsports hinterher. Der Dopingbesen, besser: der Wind der Aufklärung über die diesem Sport eigene Form der Vor- und Nachbereitung von Rennen hat die Erfolgserlebnisse und auch die Stars hinweggefegt.
Klar, an verantwortlicher Stelle finden sich noch einige Protagonisten der mythischen zehnten Etappe der Tour 1997. Christian Henn, damals Tourstarter bei der Deutschen Telekom, leitet jetzt Team Milram. Exteamkapitän Bjarne Riis hat den Rennstall CSC, jetzt Saxo-Bank, gegründet. Und Rolf Aldag ist zum versierten Steuermann des Erfolgszugs von Columbia HTC avanciert. Denken sie an die Ereignisse zurück, fliegt ein träumerischer Zug auf die Gesichter. "Ich habe ja nicht mitbekommen, was vorn lief. Bis zum vorletzten Berg habe ich vorn gearbeitet, bin dann zurückgefallen, habe mich noch einmal herangekämpft, musste dann aber abreißen lassen", erzählt Aldag. Langsam hochfahren durfte er dennoch nicht. "Ich war der Dritte der Mannschaft. Ich musste kämpfen. Meine Zeit zählte für die Teamwertung", meint er. Erst später im Fernsehen hat er mitbekommen, wie Ullrich losgezogen ist. Wenn er daran denkt, ist er noch immer beeindruckt
Bjarne Riis hatte vorn alles mitbekommen. Er wurde in Echtzeit beeindruckt. Als Ullrich loszog, dachte er: "Das ist nicht mein Jahr." Das erzählt er zumindest zu Beginn der Etappe von Girona nach Barcelona bei dieser Tour de France. Dank des Berichts der Freiburger Dopingkommission ist bekannt, dass im Team Telekom seit dem Mallorca-Trainingslager von 1995 mit Epo gedopt wurde. Riis gab für die 90er-Jahre selbst Epodoping zu, Aldag gestand Gleiches für den gleichen, eher vage gehaltenen Zeitraum. Was beide an erlaubten wie an unerlaubten Mitteln auf dem Weg nach Andorra-Arcalis getankt hatten, wollen weder Riis noch Aldag verraten. Die Gesichter, die eben noch von Erinnerungen erwärmt waren, verhärten sich wieder. "Ich habe mich einmal dazu geäußert und werde mich nicht wiederholen", sagt Aldag. Riis winkt nur ab. Immerhin, im Gegensatz zu Lance Armstrong attackieren sie nicht den, der Fragen stellt, die ihnen unangenehm sind. Der Wille, in die Vergangenheit zu blicken, ist aber deutlich selektiv. Was im Organismus der heutigen Andorra-Fahrer zirkuliert, wird man zum Teil nach Analyse-Ende der Dopingproben, der Dopingnachproben und der Teilgeständnisse, die gesetzmäßig positiven Proben folgen, entnehmen können. Zum Teil wird man es auch nie erfahren.
Nie mit hundertprozentiger Gewissheit wird man leider wissen, wer ganz ohne Doping den Weg nach Andorra-Arcalis geschafft hat. Negative Dopingproben sind keine Garantie für Sauberkeit, sondern nur ein Hinweis, das die Substanzen, die gegenwärtig nachweisbar sind, unter den aktuellen Rahmenbedingungen nicht gefunden wurden. Ob ein neuer deutscher Star in Andorra geboren wird, ist eher zweifelhaft. Zwar erinnert Tony Martin in seinem Fahrstil an den jungen Jan Ullrich, wovon sich jeder, der auf die alten Andorra-Videos schaut, überzeugen kann. "Aber er wird wohl nicht allein mit einer Minute Vorsprung auf die Konkurrenz ankommen", meint Columbia-Teamchef Aldag trocken.
Die Quote deutscher Frankreich-Urlauber im Juli wird also trotz neuerlichem Andorra-Trip der Tour weiter rückläufig sein. Die Entscheidung für das Gelbe Trikot wird wohl noch nicht fallen. Aldag erwartet aber, dass Contador und Armstrong bei der Gelegenheit die Kapitänsfrage ausfahren werden. Auch hierin unterscheidet sich Andorra 2009 von Andorra 1997.
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Leserkommentare
10.07.2009 17:59 | Karl-Heinrich Sinnusch
Genau !
Nur stänkern wollen diese Leute.
09.07.2009 22:19 | Horst Mandrysch
Nehmt dem Mustopp das Laptop weg. Der ist doch gar nicht interessiert über Radsport mit dem Nebenthema Doping zu schreiben. ...