Torsten Albig (SPD) im Portrait

Der Geschichtenerzähler

Ministerpräsident Torsten Albig setzt im Wahlkampf ganz auf das Gerechtigkeitsthema. Vielleicht hat er es ein wenig zu sehr heruntergeplaudert.

Albig , der Moralist. Die Abteilung Attacke überlässt er lieber anderen. Foto: Carsten Rehder/dpa

KIEL taz | Um die letzte Pressekonferenz vor der Wahl abzuhalten, ist die Seebar in Kiel-Düsternbrook ein geradezu ideales Plätzchen. Torsten Albig, der SPD-Ministerpräsident, hat dorthin eingeladen, zusammen mit Ralf Stegner, dem Landeschef. Beide sitzen mit dem Rücken zur Kieler Förde, hinter ihnen schippern die Schiffe übers leicht wellige Wasser. Es sollen letzte schöne Wahlkampfbilder entstehen. Denn darum geht es ja im Endspurt: Sich selbst möglichst gut darzustellen – und die anderen möglichst schlecht.

Die Botschaft, die damit einhergeht, darf Torsten Albig verkünden: „Wir werden den Weg weitergehen.“ Einen Weg, den Albig mindestens so schön findet wie den Blick aufs wellige Wasser der Kieler Förde. Für alles Schlechte, also die Kritik an all jenen Themen des CDU-Spitzenkandidaten Daniel Günther, die nach SPD-Lesart einen hanebüchenen Unsinn darstellen, ist Albig nicht zuständig. Dafür haben die Genossen Ralf Stegner, fußballerisch gesprochen verkörpert er den „aggressive leader“, das Kampfschwein sozusagen.

Wenn Stegner über die Konservativen ablästert, klingt das so, als referiere jemand über den Verwesungsprozess eines gestrandeten Herings. Sein Mundwinkelspiel erreicht Rekordtiefen, der Blick wird grimmig. „Die bringen neues Chaos für die Schulen“, wettert er. Oder: „Günther verspricht alles, er hat keine Kontrolle über die Fakten.“ Er bringt noch ein paar Sätze von diesem Format: „Die einzige Rettung für die CDU ist, dass sie in der Opposition bleibt.“ Und dann darf endlich Albig sprechen, als Zweiter, natürlich.

Er tut, was ein Amtsinhaber ganz pflichtschuldig tun muss. Er erzählt die guten SPD-Geschichten, ein paar bewährte und ein paar neue. Die Neueren haben mit den nicht ganz so tollen SPD-Umfragewerten zu tun. Albig lächelt sie förmlich weg, spricht von einem „besonderen Wahlkampf“ und davon noch nie einen selbigen verloren zu haben. Er sagt: „Noch nie war das Gefühl auf der Straße so gut wie jetzt, da gibt’s keine Zweifel.“

Die Umfragewerte sagen allerdings etwas anderes aus. Da liegt die CDU bei 32 Prozent, die SPD bei 30, die Mehrheit der regierenden Koalition aus SPD, Grünen und SSW wackelt bedenklich.

Bei der Ursachenforschung stellt sich immer wieder auch die Frage, ob Torsten Albig mit seinen Geschichten überhaupt durchdringt. Viele spötteln, dass der Ministerpräsident vor lauter Stegnerschaft gar nicht wahrnehmbar sei. Erst jüngst hatte dies CDU-Mann Günther im TV-Duell aufgegriffen, er stichelte: „Ansprechpartner im Landeshaus ist für alle Herr Stegner und nicht Herr Albig. Ich stelle mir die Rolle des Ministerpräsidenten anders vor, aktiver.“

Nun will ein Journalist wissen, ob die inzwischen knapp besseren Umfragewerte der CDU auch damit zusammenhingen, dass Albig im Wahlkampf zu wenig in Erscheinung getreten sei. Nein, das finde er nicht, sagt Albig. Stegner wirft ein: „Haben Sie die großen Wahlkampfplakate gesehen …?“ – kurze Pause – „…und die stehen nicht wie bei der Konkurrenz frei auf dem Feld herum.“ Wieder mal liefert Stegner den griffigeren Satz, obwohl doch Albig gefragt worden ist, obwohl doch Albig bei seiner Wahlkampftour so vorbildlich all die schönen SPD-Geschichten erzählt hat, die eigentlich hängen bleiben sollen. Hat er sie etwa nicht richtig erzählt?

Albig legt Wert auf die Feststellung, dass er „aus einfachsten Verhältnissen“ stammt.

Ein Blick zurück. Anfang April gastiert Torsten Albig in Schleswig. Im Schloss Gottorf ist der altehrwürdige Hirschsaal für ihn reserviert. 99 von 100 Stühlen sind belegt, hinten kann man sich Häppchen und Sekt gönnen, vorne auf der Bühne spricht Torsten Albig – natürlich über Gerechtigkeit. Ein großes Thema. Der SPD-Platzhirsch, der er hier sein kann, füllt es mit vielen netten Anekdoten. Ein paar drehen sich um ihn selbst. Eine erzählt vom Aufstieg des kleinen Jungen „aus einfachsten Verhältnissen“ zum Ministerpräsidenten. Die Mutter Putzfrau, der Vater Soldat und fester CDU-Wähler. Keine Professoreneltern, macht Albig deutlich, „einfachste Verhältnisse“.

Andererseits: Verhältnisse, die mehr oder weniger wohl für die meisten Kinder dieser Generation gegolten haben. Jedenfalls: Dank eines funktionierenden staatlichen Bildungssystems sei ihm der Aufstieg eben gelungen. So begründet er, warum etwa Kitas kostenfrei sein müssen – damit auch ärmere Eltern ihre Kinder in gute Hände geben können. Albig erzählt auch von seinem Sohn, der erst auf einer Waldorfschule sein Glück gefunden und eben mehr Zeit benötigt habe. Ein Plädoyer für das aktuelle Schulsystem, das Wahlfreiheit garantiert. SchülerInnen sollten individuell entscheiden, ob ihnen ein längerer oder ein kürzerer Weg zum Abitur besser passt. Die CDU will bekanntlich den Schulfrieden brechen und ausschließlich auf das neunjährige Gymnasium setzen.

Im locker-flockigen Stil beschreibt Albig die Liebe zu seiner Partei. 1982 trat er, der angehende Jurastudent, in die SPD ein und begann seine Karriere im Ortsverein. Soll heißen: Auch der politische Start erfolgte weit unten und ganz klassisch. „Apfelstraße Bielefeld, ein typischer Arbeiterbezirk“, nostalgiert Albig im Schleswiger Schloss. „Wir waren immer im Apfelkrug, wo es nach Zigarren stank.“

Irgendwann habe ihm einer der Alten erzählt, „wie das so war in der Weimarer Republik, SPDler zu sein, und wie es anschließend noch viel schwerer war, man die Fahnen habe verstecken müssen.“ Prägend sei das gewesen, so Albig, der sich als Roter mit Herzblut präsentiert: „Die SPD hat schwere Zeiten erlebt, die meiste Zeit kämpften wir gegen Mächtige.“

Heute dagegen ist es seine Partei, die Ordnungsregeln setzen kann. Seine Partei, die ihre Rolle als Arbeitnehmervertreterin in der neuen Arbeitswelt so interpretiert, dass Eigentumsrechte gewahrt bleiben – aber dass zum Beispiel die gläserne Digitalwelt nicht vom Kapital ausgenutzt wird. „Wir Sozialdemokraten können das steuern“, verspricht Albig eine digitale Gerechtigkeit.

Er verspricht noch mehr. Zum Beispiel gerechte Familienpolitik, wieder aus der persönlichen Erfahrung gespeist: „Früher musste meine Frau alle Last der Familie tragen. Ich war ein chauvinistischer Kerl.“ Vor einem Jahr ging seine Ehe in die Binsen. Sein Leben habe sich schneller entwickelt als ihres, sagte Albig der Bunte. Man habe sich kaum noch auf Augenhöhe ausgetauscht. „Ich war beruflich ständig unterwegs, meine Frau war in der Rolle der Mutter und Managerin unseres Haushaltes gefangen.“

Er machte steil Karriere. Als Pressesprecher verteidigte er die harte Sparpolitik des SPD-Finanzministers Hans Eichel. Offensichtlich so gut, dass die Dresdner Bank ihn abwarb. Später ging’s zurück in die Politik, wieder ins Finanzministerium, diesmal zu Peer Steinbrück, der nicht gerade im Verdacht steht, besonders links zu sein. Ob Torsten Albig, der die Finanzwelt zwischen Brüssel und Frankfurt aus dem Effeff kennt, Gerechtigkeitsfragen damals so wichtig waren wie heute?

Vor allem in Sachen Flüchtlingspolitik präsentiert er sich gerne als letzter, großer Messias in der politischen Landschaft. Auch dazu weiß er eine Geschichte zu verkaufen. Immer und immer wieder. Sie erzählt vom afghanischen Bäckerlehrling, der die besten Sahnetorten im Ort mache. Klar, dass man den nicht abschieben könne; klar, habe der dieselben Chancen verdient wie er einst. Wer will Torsten Albig, dem Gerechten, wie er häufig genannt wird, da widersprechen? Sigmar Gabriel und Martin Schulz zum Beispiel. Der SPD-Hoffnungsträger ließ es sich sogar bei Gastauftritten im schleswig-holsteinischen Wahlkampf nicht nehmen, Albig dafür zu kritisieren, dass er keine Afghanen abschieben lässt.

Albig hat viele Themen sachlich und eloquent dargestellt. Er hat viel Zeit darauf verwendet, zu erklären, worauf seine Überzeugungen basieren, insbesondere seine humane Flüchtlingspolitik. Vielleicht hätte es manchmal ein bisschen mehr Kampfschwein und weniger Erklärbär sein müssen.

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