Tödlicher Bandenkrieg in Serbien

Generalstreik nach Mord an Anwalt

Der prominente Strafverteidiger Dragoslav Ognjanović wurde Opfer des serbischen Mafiakrieges. Seine Kollegen wollen aus Protest die Arbeit niederlegen.

Das monumentale Gebäude des Justizpalastes in Belgrad

Kein Anwalt betritt derzeit den Justizpalast in Belgrad Foto: imago/ecomedia/robert flashman

BELGRAD taz | Serbiens Justizsystem ist lahmgelegt. Die Anwaltskammer hat am Montag zu einem siebentägigen Generalstreik aufgerufen. Der Grund: Am Samstag wurde der Strafverteidiger Dragoslav Ognjanović, 56, vor seinem Haus in Belgrad erschossen – der dritte Anwaltsmord in drei Jahren. In den vergangenen zehn Jahren wurden mehr als fünfzig Anwälte überfallen. Die meisten dieser Fälle wurden nicht aufgeklärt.

Ognjanović war einer der prominentesten Anwälte in Serbien. Er verteidigte unter anderem den ehemaligen serbischen Präsidenten Slobodan Milošević vor dem UNO-Tribunal in Den Haag und „Mafiagrößen“ wie Luka Bojović, den Chef eines der mächtigsten Drogenkartelle in Europa.

Augenzeugen- und Medienberichten zufolge hat den Mord ein Profikiller begangen. Ein in Schwarz gekleideter Mann mit schwarzer Mütze wartete auf Ognjanović in einer dunklen Ecke des Innenhofes. Als der um 19.30 Uhr sein Haus in Neubelgrad betrat, traf ihn der Täter mit fünf Kugeln. Der Anwalt starb in den Armen seines 26-jährigen Sohnes, der nur leicht verletzt wurde und zufällig mit seinem Vater unterwegs war.

Obwohl die Polizei sofort den ganzen Stadtteil abriegelte, Autos und Fußgänger durchsuchte und eine Großfahndung in ganz Belgrad auslöste, gibt es von dem Killer keine Spur. Nichts Neues, stellten Journalisten fest, die sich mit der Unterwelt beschäftigen.

Der Anwalt starb in den Armen seines 26-jährigen Sohnes, der nur leicht verletzt wurde und zufällig mit seinem Vater unterwegs war

Obwohl das serbische Innenministerium seinen Kampf gegen das organisierte Verbrechen noch einen Tag vor dem jüngsten Mord erneut glorifiziert hatte, gab es in Serbien in den vergangenen Jahren Dutzende Hinrichtungen und Schießereien. Diese sind auf einen Machtkampf zwischen kriminellen Banden zurückzuführen. In den meisten Fällen gab es von den Tätern keine Spur.

Polizei und Staatsanwaltschaft hüllen sich derzeit in Schweigen. Umso wilder sind die Spekulationen über die Hintergründe des Mordes. Die plausibelste Erklärung ist eine Abrechnung zwischen kriminellen Banden, die den Beigeschmack von Blutrache angenommen hat.

Bandenkrieg fordert schon seit Jahren Opfer

In Serbien und Montenegro tobt seit 2009 ein Kampf zwischen den kriminellen Clans Bojović und Šaranović, die ihr Haupteinkommen aus dem Drogenschmuggel beziehen. Damals verschwand der Sohn von Danilo Radonjić, dem Paten der Familie Šaranović. Zuletzt hatte man ihn lebend in Gesellschaft von Luka Djurović, ein Mitglied des Bojović-Clans, gesehen. Nach dem Verschwundenen suchte auch einer der Chefs der Šaranović-Clans, Branislav Šaranović, der im Oktober 2009. im Belgrader Nobelviertel Dedinje ermordet wurde.

Sein Bruder Slobodan schwor Rache und erschoss im April 2013 Nikola Bojović, den Bruder von Luka Bojović, dem Chef des Bojović-Clans. Vier Jahre später wurde in der montenegrinischen Küstenstadt Budva Slobodan Šaranović erschossen. Die Liste der „gefallenen Soldaten“ der zwei Clans ist lang. Serbische Medien berichten, dass in den vergangenen drei Monaten drei Menschen ermordet worden sind, die Luka Bojović nahestanden. Er wurde in Spanien wegen organisierten Verbrechens zu achtzehn Jahren Haft verurteilt.

Die Ermordung des Strafverteidigers Dragoslav Ognjanović ist nicht der erste derartige Fall in diesem Mafiakrieg. Im Dezember 2015. wurde im Zentrum Belgrads der Anwalt der Familie Šaranović, Vladimir Zrelac, erschossen.

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