Fast täglich werden Anschläge der mysteriösen radikal-islamistischen Sekte Boko Haram verübt. Sicherheitsmaßnahmen sind allgegenwärtig und meistens nutzlos.von Katrin Gänsler

Alltägliches Bild: terroristische Verwüstung im Norden Nigerias. Bild: dpa
KANO/KADUNA taz | Boko Haram hat es wieder einmal geschafft. Der Verkehr staut sich über viele Kilometer, die Angst ist groß. "Ob es wohl noch mehr Explosionen gibt", überlegt Musa Sani. Mehrere Explosionen in unmittelbarer Nähe von militärischen Einrichtungen haben soeben die 1,5 Millionen Einwohner zählende Stadt Kaduna im Norden Nigerias erschüttert.
Das lange Wochenende hat Musa Sani mit seiner Familie in Kano verbracht, der 10-Millionen-Metropole des nigerianischen Nordens. An diesem Dienstagnachmittag muss er zurück in die Hauptstadt Abuja. Wohl fühlt er sich auf der Fahrt nicht. Wie viele tausend Reisende muss er jetzt wieder einmal an einer Polizeisperre ausharren und malt sich ein Schreckensszenario aus: "Was ist, wenn Boko Haram ausgerechnet hier eine Bombe schmeißt? Dann würden wir festsitzen und könnten nicht mehr fliehen."
Letztendlich hat Musa Sani Glück. In Kaduna soll nur der Selbstmordattentäter ums Leben gekommen sein. Soldaten hätten das Feuer auf ein Auto eröffnet, das eine Kontrolle durchbrach, woraufhin der Wagen explodierte, heißt es. Nach vielen Stunden des Wartens kann die Reise nach Abuja weitergehen.
Nigerias Polizei ist so präsent wie seit Jahren nicht mehr. In vielen Städten des muslimischen Nordens gibt es alle paar hundert Meter Sicherheitskontrollen. Der Verkehr wird dann einspurig, ein Polizist winkt jedes Auto einzeln durch. Mopedfahrer müssen absteigen und schieben. Autos, Busse und klapprige Lastwagen stauen sich mitunter über viele Kilometer. Die Maßnahme schafft vor allem eines: Sie macht die Menschen wütend. Denn kein einziges Auto wird tatsächlich nach Sprengstoff durchsucht, keiner der Insassen genauer überprüft.
"Was die Regierung macht, ist zwar eine schnelle, aber doch träge Maßnahme", nennt Dr. Hussaini Abdu, Nigeria-Direktor der internationalen Hilfsorganisation Action Aid, deshalb die Aktion. Wie viele andere fordert er, dass die Sicherheitsdienste erst einmal verstehen müssten, mit wem sie es bei Boko Haram eigentlich zu tun haben.
Obwohl die Terrorgruppe Boko Haram präsenter denn je ist und, so Abdu, mit ihren Anschlägen nach Aufmerksamkeit sucht, wird sie immer mehr zu einem Gespenst. In Kano, wo am 20. Januar bei einer Serie von Anschlägen 186 Menschen ums Leben kamen, lacht ein junger Handyverkäufer auf die Frage, wer Boko Haram sei, laut auf. "Keine Ahnung", zuckt er mit den Schultern. "Ich kenne sie nicht".
Auch Pastor William Okoye, beim christlichen Dachverband Christliche Vereinigung Nigerias (CAN) Leiter für nationale Angelegenheiten, wirkt ein wenig ratlos, wenn er die Terrorgruppe beschreiben soll. "Wir fordern, dass sie endlich ihr Gesicht zeigen. Nur so können wir wissen, mit wem wir es überhaupt zu tun haben", sagt er. Eins habe die radikalislamistische Sekte, deren Name übersetzt "Westliche Bildung ist Sünde" bedeutet, aus seiner Sicht allerdings geschafft. Nigeria sei noch nie in einer solchen Situation wie im Moment gewesen. "Wir hatten zwar schon einen Bürgerkrieg. Aber das, was jetzt passiert, ist völlig seltsam."
Tageszeitungen zitieren fast täglich einen oder mehrere mutmaßliche Boko-Haram-Sprecher. Für Schlagzeilen gesorgt hat zuletzt ein Video, in dem jemand der Regierung ein Dialogangebot macht. Falls das stimmt und ernst gemeint ist, wäre es eine kleine Sensation. Denn Gesprächsvorschläge der Regierung sind bisher von Boko Haram abgelehnt worden.
Einen Dialog würden trotz der blutigen Anschläge, bei denen alleine in diesem Jahr vermutlich rund 280 Menschen getötet worden sind, nach wie vor viele in Nigeria begrüßen. Muzzammil Sani Hanga, Generalsekretär des Rates der islamischen Rechtsgelehrten in Nigeria (Ulama), gehört dazu. "Aber wir müssen erst einmal wissen, mit wem wir es überhaupt zu tun haben."
Denn der Wahrheitsgehalt von Stellungnahmen und Botschaften der Gruppe lässt sich nicht überprüfen. Handynummern werden unterdrückt, jeder könnte sich als Boko Haram ausgeben. Das ist mitunter sogar gängige Praxis, vermutet Muzzamil Sani Hanga. "Jemand verübt einen Banküberfall und schickt dann ein Bekennerschreiben im Namen von Boko Haram."
Boko Haram, das kann für Benjamin Erumeh jeder sein. Der Mann mit der Schirmmütze steht vor einer katholischen Kirche in Kano und wartet auf Gottesdienstbesucher. In seiner linken Hand hält er einen Metalldetektor und sucht jeden Kirchenbesucher genauestens ab - ob Kind oder alte Frau. Mehr als Handy, Schlüsselbund und Bibel darf niemand zum Gottesdienst bringen. "Das mache ich sogar mit dem Pastor", sagt er.
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Leserkommentare
09.02.2012 12:47 | Suuna
Bei BBC steht, dass sich Boko Haram von dem Video mit dem Dialogangebot distanziert (das zudem auf English war, was im Gege ...
08.02.2012 19:28 | Zionist
Ich plaudere jetzt mal aus dem Nähkästchen ! ...