Tagebuch aus der IS-Hochburg Rakka

Wenn Enthauptungen Alltag sind

Wer aus Rakka berichtet, riskiert die Todesstrafe. Ein Syrer tut es trotzdem. Er beschreibt die Angst, in der er lebt, seit der IS die Stadt besetzt hat.

Belebte innenstädtische Straße mit Taxen

So wie im Jahr 2009 sieht die Innenstadt von Rakka bestimmt nicht mehr aus Foto: Wikipedia, CC BY-SA 3.0

BERLIN taz | „Dieses Mal wird, Gott sei Dank, nur jemand ausgepeitscht“, schreibt Samer. Er ist erleichtert, dass der sogenannte IS ihn nicht zwingt, einer Enthauptung zuzuschauen. Denn in Rakka müssen Passant*innen bei jeder öffentlichen Bestrafung stehen bleiben und hinsehen, sonst werden sie selbst bestraft.

Bewohner*innen dürfen die syrische Stadt weder verlassen noch mit westlichen Medien sprechen. Samer hat miterlebt, dass jemand hingerichtet wurde, weil er mit „ausländischen Parteien“ gesprochen hatte. Trotzdem hat Samer, der eigentlich anders heißt, für den britischen Sender BBC Tagebuch geführt. Der junge Mann hat sein Leben riskiert, damit die Welt von den Grausamkeiten des IS erfährt.

Im Tagebuch erzählt er, was in seiner Heimatstadt passiert ist, seit der IS sie 2013 eingenommen und zum Hauptquartier erklärt hat. Er beschreibt, wie Entsetzen und Repression die Menschen in seiner Nachbarschaft zermürben.

Zwar berichtet der Autor eher sachlich von seinen Eindrücken. Aber die sind so grauenhaft, dass sie selbst komplett unbeteiligte Leser*innen gleichermaßen bedrückt und schockieren. Die behördenartig organisierten IS-Milizen hängen nicht nur abgetrennte Köpfe an die Straßenlaternen, sondern erheben auch willkürlich hohe Steuern und halten einen für alle verpflichtenden Scharia-Kurs ab.

Verschlüsselt in ein Drittland geschmuggelt

Der britische BBC-Reporter Mike Thomson sagt, er habe auf verschiedenen Kanälen vergeblich versucht, „wenigstens eine Idee davon zu bekommen, wie das Leben in Rakka ist“. Nur „unter großen Schwierigkeiten“ habe er Samer gefunden, sagt Thomson einer Kollegin. Über Online-Kontakte erfuhr er schließlich von einer kleinen Untergrundorganisation namens Al-Sharqiya 24. Deren Widerstandskämpfer*innen sprachen Samer an.

Helfer*innen schmuggelten die „Raqqa Diaries“ verschlüsselt in ein Drittland, von dem aus sie zu Thomson geschickt wurden. Die englische Übersetzung erscheint am 9. März als Buch. Vorab haben Guardian und BBC einige Auszüge veröffentlicht. Der Sender hat sie als Video-Serie produziert. Ein Künstler hat dafür Tagebuchausschnitte illustriert, die als Zeichentrickfilm ablaufen, während die Texte vorgelesen werden.

Die Bilder darin sind zurückhaltend gezeichnet. Als Samer einen Freund gekreuzigt auffindet, ist nur die Hand der Leiche zu sehen. Mehrmals flimmert einfach der Bildschirm rot, wenn Gewalt beschrieben wird. Trotzdem beginnt jeder Clip mit einer Warnung vor den brutalen Inhalten des Textes.

„Die Kampfflieger kreisen über uns“

Im ersten Video erzählt der Autor von dem Tag, an dem das Regime beim einem Luftangriff seinen Vater tötete und seine Mutter verletzte. Über Samers Verlobte gibt es kein Video. Sie wurde gezwungen, einen IS-Kämpfer zu heiraten. Samer hat sie nie wieder gesehen.

„Ist denn der Terrorismus hier unten nicht genug?“, schreibt er über die Bombardements durch russische Kampfflieger. Russlands Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind allerdings nicht der Grund, aus dem Samer inzwischen geflohen ist. Der Grund ist, dass der IS dem Netzwerk von Widerstandskämpfern auf die Spur gekommen ist, das Kontakt zwischen Samer und Thomson hergestellt hatte.

Das Tagebuch endet im Frühjahr 2016. Die letzten Seiten hat Samer nicht mehr in Rakka geschrieben, sondern in einem Flüchtlingslager im Norden des Landes, an der Grenze zur Türkei. „Es gibt nicht genug Essen und Medikamente im Lager; die Kampfflieger des Regimes kreisen über uns“, schreibt er dem Guardian. Von vielen Leuten vor Ort höre er, „sie wünschten, sie wären schon tot“.

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