Eine Unicef-Studie zeigt, was Kindern wirklich wichtig ist: Freundschaften und Geborgenheit. Angst haben sie vor dem Verlust der Eltern, schlechten Noten - und Vampiren.von NICOLE JANZ
Welche Werte haben Kinder? Was macht ihnen Angst? Und welche Rechte fordern sie von den Erwachsenen? Das Kindermagazin GEOlino und das Kinderhilfswerk Unicef haben eine Studie in Auftrag gegeben, die Kinder selbst zu Wort kommen lässt. Im Juni und Juli 2008 wurden rund 900 sechs- bis 14-Jährige in ganz Deutschland zu ihren Einstellungen befragt. Die Marktforscher haben sie zu Hause besucht, mit ihnen Fragebögen ausgefüllt, und sie bei offenen Fragen einfach erzählen lassen. Die Studie "Kinderwerte-Monitor" fand bereits 2006 statt und soll künftig regelmäßig wiederholt werden.
"Einmal hat einer ,Dicker' zu mir gesagt. Dann hat mein Freund zu dem gesagt: Wenn Du das noch mal sagst, kriegst Du es mit mir zu tun!", erzählt ein siebenjähriger Junge. Genau das bedeutet für ihn Freundschaft: "Dass wir uns gegenseitig beschützen." Eine Zwölfjährige sieht es eher so: "Sich wohl und geborgen fühlen, sich auch ohne viele Worte verstehen, sich alles anvertrauen können", beschreibt das Mädchen, warum ihr Freundschaften so wichtig sind.
Die beiden Kinder haben an einer Studie im Auftrag des Kindermagazins GEOlino und des Kinderhilfswerks Unicef teilgenommen. Rund 900 sechs- bis 14-Jährige wurden im Sommer 2008 befragt: Welche Werte haben sie? Was macht ihnen Angst? Und welche Rechte fordern sie von den Erwachsenen? Die Ergebnisse des "Kinderwerte-Monitors 2008" wurden am Mittwoch in Berlin vorgestellt.
Demnach haben Kinder in Deutschland ausgeprägte Wertevorstellungen. Für sie sind Freundschaft, Geborgenheit und Ehrlichkeit die wichtigsten Werte im Leben - zwischen 54 und 76 Prozent der Kinder finden das "total wichtig". Geld und Besitz, Ordnung und Durchsetzungsfähigkeit sind mit rund 20 Prozent nebensächlich. "Wir Erwachsene tun uns manchmal schwer, zu sehen, was Kindern wirklich wichtig ist", sagte die stellvertretende Vorsitzende von Unicef Deutschland, Ann Kathrin Linsenhoff.
Besonders der Wunsch nach Geborgenheit ist im Vergleich zu 2006 gestiegen. Damals war das noch für 48 Prozent der Kinder wichtig, heute sind es zehn Prozentpunkte mehr. "Da spielen die zunehmenden gefühlten Unsicherheiten im Leben der Kinder eine Rolle", sagte GEO-Verlagsleiter Gerd Brüne. Diese Unsicherheiten spiegeln sich in den Ängsten der Kinder wider. Generell fürchten sich jüngere Kinder eher vor Gespenstern, Vampiren und anderen Gestalten aus ihrer Phantasiewelt. "Manchmal sehen die Büsche und Hecken morgens aus wie Monster", sagt ein siebenjähriges Mädchen. Doch auch materielle Unsicherheit spielt schon eine Rolle. Viele Kinder haben Angst davor, "dass mein Vater arbeitslos bleibt" oder "dass wir nicht genug Geld haben." Andere sorgen sich darum, dass sich die Eltern trennen könnten oder sie Vater oder Mutter durch einen Unfall verlieren könnten - rund ein Viertel der Kinder hat solche Verlustängste, die ein Sechsjähriger ausdrückt mit: "Dass meine Mama weg ist."
Mit dem Ende der Grundschulzeit, wenn die Kinder etwa 11 Jahre alt sind, zeigen sich vermehrt Ängste vor schulischem Misserfolg. Die Kinder verbinden schlechte Noten sogar schon mit der Angst, später keine Lehrstelle oder ihren Traumberuf zu bekommen, zeigen viele Antworten der Studie.
Trotz solcher Ängste sind sich Kinder oft bewusst, dass sie mit ihrem eigenen Handeln die Welt beeinflussen können. Die sechs- bis 14-Jährigen sind grundsätzlich bereit, sich zu engagieren. Drei Viertel der Kinder wollen "sehr gerne" oder "gerne" Menschen unterstützen, die in ärmeren Ländern leben oder denen es nicht so gut geht. Ein Großteil möchte Tieren und Freunden helfen. Auch für den Schutz der Umwelt möchten sich zwei Drittel der Kinder einsetzen - und sie haben eine differenzierte Vorstellung davon, was das bedeutet. "Wenn die Gletscher schmelzen und es immer wärmer wird, ist Hannover bald eine Hafenstadt", sagt ein siebenjähriger Junge. "Dass man alte Batterien nicht in den Müll schmeißt", weiß eine Sechsjährige. Ein 13-Jähriger möchte nicht ständig "jeden Meter mit dem Auto gefahren" werden, sondern kurze Wege lieber mit dem Fahrrad erledigen.
Gleichzeitig haben Kinder aber auch genaue Vorstellungen darüber, welche Rechte sie von den Erwachsenen einfordern wollen. An der Spitze der Rangliste stehen: Das Recht, ohne Gewalt aufzuwachsen. Vater und Mutter trotz einer Scheidung regelmäßig sehen zu können. Und: Spielen dürfen.
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Leserkommentare
04.12.2008 11:26 | Leidkultur
Mir hat mal ein 12-jähriges Mädchen gesagt, dass sie es schlimm findet, dass man immer in der Schicht bleibt, in die man hi ...
03.12.2008 21:45 | Udo Lihs
Wer Kinder befragt, wird das zu hören bekommen, was Kinder denken, was Erwachsene hören wollen. Kinder werden sich davor hü ...