"Pro Reli zerschlägt das Schulfach Ethik" - "Das ist jetzt ein Kampfbegriff"
Wer darf Werte für den Schulunterricht definieren? Ein Gespräch über Ethik und Religionsunterricht zwischen dem Humanisten Werner Schultz und dem evangelischen Christen Rolf Lüpke.von Gereon Asmuth Und Antje Lang-Lendorff
Schade, daß sich die eigentlich bestehende Trennung von Staat und Kirche offenbar in der Realität nicht durchsetzen läßt und sich die Politik nicht nur als Steuersammler für die Kirchen einsetzt (das kirchlich wohltätige Engagement in allen Ehren), sondern auch verpflichtendem Religionsunterricht unterstützend gegenübersteht. Ich finde den Berliner Ansatz "Ethikunterricht für alle" und nicht "Ethik oder Religion" sehr lobenswert und hätte mir das für meine Schulzeit in Bayern auch gewünscht. Ich habe den Ethikunterricht leider viel zu spät wahrgenommen und finde, die Entscheidung für Ethik war die einzig richtige. Berlin sollte als Vorbild dienen und Ethikunterricht deutschlandweit verpflichtend eingeführt werden. Es sollte nicht staatliche Aufgabe sein, religiöse Sichtweisen zu vermitteln, sondern dies muß Privatsache bleiben. Somit würde sich niemand benachteiligt fühlen und es sollte dazu beitragen, andere Perspektiven aus -hoffentlich- neutraler Sicht kennenzulernen und zu akzeptieren. Ich hoffe, daß die Berliner zahlreich mit NEIN stimmen und ein Signal setzen.
24.04.2009 17:14 Uhr
von E.Lau:
Die Initiative "pro reli" ist mir schon äußerst suspekt. Die Kampagne klärt nicht auf, vielmehr verwirrt sie mit dem Spruch pro reli und der damit gemeinten Wahlfreiheit. Gibt es denn nicht gegenwärtig schon diese Wahlfreiheit? Jeder Schüler kann doch frei entscheiden, ob er den Religionsunterricht belegen möchte oder nicht, es wird ihm doch nicht verwehrt. Anscheinend reicht es den Kirchen nicht, sie verlieren ihren Einfluss und somit ihre Machtausübung, haben sie etwa Angst um ihre zukünftige gesellschaftliche Stellung? Sie geben unmengen Geld für die Kampagne aus, bombardieren die Bürger mit Werbebriefen, die nicht gerade zur Aufklärung der Situation beitragen, sondern geradezu manipulativ wirken –besonders wenn sie so einseitig ausgerichtet sind. Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, werben für das Wahlpflichtfach, sie sollen Stimmen einfangen und polarisieren. Es gibt Politiker, insbesondere CDU Politiker, die Stellung beziehen, für wen sie Position beziehen verrät schon allein der Parteiname. Wo bleibt denn die bitte hier Neutralität des Staates? Der Parteiname müsste gleich mit thematisiert werden, was ist in dieser Partei denn außer „pro-reli“ noch christlich? In anderen Bundesländern üblich, ist der christlich ausgerichteten Religionsunterricht als Wahl-Pflichtfach, der doch längst in einer säkularisierten und vielfältigen Gesellschaft sehr einseitig ausgerichtet ist, wie die Ausbildung des Lehrers schon verrät. Herr Lüpke argumentiert„wenn es um Lebenskonzepte geht, hat der Staat meiner Meinung nach nichts vorzugeben (…).Woher bekommt der Ethikunterricht da die Zuständigkeit.“ Da frage ich mich aber doch sehr wohl, wenn der Staat nichts vorzugeben haben sollte, dann sollte er doch gerade nicht ein einseitiges Religionsfach als Pflichtfach einführen, was sehr wohl aus christlicher Perspektive Themen behandelt und Antworten zu Glaubens und Sinnfragen vorgibt, denn so ist es doch mit Religionen –jede Religion stellt bezüglich Sinnfragen einen Antwort-Katalog bereit. Wo bleibt denn da noch Platz für einen Dialog zwischen anderen kulturellen Vorstellungen auf so einer Grundlage? Müsste da nicht erst recht ein neutrales Fach wie Ethik überall eingeführt werden, so dass jeder aus der Vogelperspektive alle Religionen gleich anschauen kann? Vielleicht ist die Zeit noch nicht reif für eine neutrale Stellungnahme, für ein Fach wie Ethik. Warum muss gerade Theologie als Wahlpflichtwach eingeführt werden, das Recht haben neben Religionen noch anderen Wissenschaften, wie Religionswissenschaften, Philosophie, Kulturwissenschaften. Es ist schwer den Absolutheitsanspruch zu verlieren, aber warum muss er auf den Rücken der Schüler ausgetragen werden? Die haben doch schon längst dagegen entschieden, das sagt doch die Schüleranzahl in Berlin, die das Religionsfach freiwillig belegt. Könnte das Fach Religion vielleicht Konsequenzen für den Schüler beim Arbeitgeber haben, wenn er sich gegen das Fach Religion entschieden hat? Religion ist in einer säkularisierten Gesellschaft zu Privatangelegenheit geworden, die einzige Hoffnung der Kirche hängt an dem offiziell eingeführten Wahlfach, weil sie doch dann wieder Raum und Einfluss hat, was ihr sonst nur innerhalb der Kirche und Mitglieder bleibt. Noch einmal erwähnt werden sollte, dass der Religionsunterricht ja vordergründig die christlichen Wertvorstellungen behandelt und von Theologen unterrichtet wird. Was ist mit den Buddhisten, Hinduisten, Moslems etc. haben sie nicht dann auch alle ein Recht auf eigenen Unterricht? Ist es nicht unabdingbar ein neutrales Fach zu lehren, dass alle Schüler ansprechen sollte, als Basis für die kulturelle Vielfalt, was ist daran nur falsch? Das die Wahl auch noch in Kirchen stattfindet, die Neutralität nicht bewahrt wird und sie auch nicht barrierefrei sind, Menschen mit Behinderung werden also ausgeschlossen, wo bleibt da der christliche Ansatz?
24.04.2009 01:40 Uhr
von H. Martin:
In dem Punkt hat Herr Schulz recht: Wenn "Pro Reli" gewönne, würde der Ethik-Unterricht in seiner jetzigen Konzeption, nämlich als gemeinsamer Unterricht aller Schüler zerschlagen werden. Es bliebe nur noch ein Rumpf, der sich dann vor allem in Konkurrenz zum Unterricht des Humanistischen Verbandes befände. Darum ist zu hoffen, daß alle säkular und fortschrittlich eingestellten Berliner am Sonntag NEIN zu den Ideen der Kirchenoberen sagen.
Leserkommentare
25.04.2009 03:13 Uhr
von Marina:
Schade, daß sich die eigentlich bestehende Trennung von Staat und Kirche offenbar in der Realität nicht durchsetzen läßt und sich die Politik nicht nur als Steuersammler für die Kirchen einsetzt (das kirchlich wohltätige Engagement in allen Ehren), sondern auch verpflichtendem Religionsunterricht unterstützend gegenübersteht.
Ich finde den Berliner Ansatz "Ethikunterricht für alle" und nicht "Ethik oder Religion" sehr lobenswert und hätte mir das für meine Schulzeit in Bayern auch gewünscht. Ich habe den Ethikunterricht leider viel zu spät wahrgenommen und finde, die Entscheidung für Ethik war die einzig richtige.
Berlin sollte als Vorbild dienen und Ethikunterricht deutschlandweit verpflichtend eingeführt werden.
Es sollte nicht staatliche Aufgabe sein, religiöse Sichtweisen zu vermitteln, sondern dies muß Privatsache bleiben.
Somit würde sich niemand benachteiligt fühlen und es sollte dazu beitragen, andere Perspektiven aus -hoffentlich- neutraler Sicht kennenzulernen und zu akzeptieren.
Ich hoffe, daß die Berliner zahlreich mit NEIN stimmen und ein Signal setzen.
24.04.2009 17:14 Uhr
von E.Lau:
Die Initiative "pro reli" ist mir schon äußerst suspekt. Die Kampagne klärt nicht auf, vielmehr verwirrt sie mit dem Spruch pro reli und der damit gemeinten Wahlfreiheit. Gibt es denn nicht gegenwärtig schon diese Wahlfreiheit? Jeder Schüler kann doch frei entscheiden, ob er den Religionsunterricht belegen möchte oder nicht, es wird ihm doch nicht verwehrt. Anscheinend reicht es den Kirchen nicht, sie verlieren ihren Einfluss und somit ihre Machtausübung, haben sie etwa Angst um ihre zukünftige gesellschaftliche Stellung? Sie geben unmengen Geld für die Kampagne aus, bombardieren die Bürger mit Werbebriefen, die nicht gerade zur Aufklärung der Situation beitragen, sondern geradezu manipulativ wirken –besonders wenn sie so einseitig ausgerichtet sind. Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, werben für das Wahlpflichtfach, sie sollen Stimmen einfangen und polarisieren. Es gibt Politiker, insbesondere CDU Politiker, die Stellung beziehen, für wen sie Position beziehen verrät schon allein der Parteiname. Wo bleibt denn die bitte hier Neutralität des Staates? Der Parteiname müsste gleich mit thematisiert werden, was ist in dieser Partei denn außer „pro-reli“ noch christlich? In anderen Bundesländern üblich, ist der christlich ausgerichteten Religionsunterricht als Wahl-Pflichtfach, der doch längst in einer säkularisierten und vielfältigen Gesellschaft sehr einseitig ausgerichtet ist, wie die Ausbildung des Lehrers schon verrät. Herr Lüpke argumentiert„wenn es um Lebenskonzepte geht, hat der Staat meiner Meinung nach nichts vorzugeben (…).Woher bekommt der Ethikunterricht da die Zuständigkeit.“ Da frage ich mich aber doch sehr wohl, wenn der Staat nichts vorzugeben haben sollte, dann sollte er doch gerade nicht ein einseitiges Religionsfach als Pflichtfach einführen, was sehr wohl aus christlicher Perspektive Themen behandelt und Antworten zu Glaubens und Sinnfragen vorgibt, denn so ist es doch mit Religionen –jede Religion stellt bezüglich Sinnfragen einen Antwort-Katalog bereit. Wo bleibt denn da noch Platz für einen Dialog zwischen anderen kulturellen Vorstellungen auf so einer Grundlage? Müsste da nicht erst recht ein neutrales Fach wie Ethik überall eingeführt werden, so dass jeder aus der Vogelperspektive alle Religionen gleich anschauen kann? Vielleicht ist die Zeit noch nicht reif für eine neutrale Stellungnahme, für ein Fach wie Ethik. Warum muss gerade Theologie als Wahlpflichtwach eingeführt werden, das Recht haben neben Religionen noch anderen Wissenschaften, wie Religionswissenschaften, Philosophie, Kulturwissenschaften. Es ist schwer den Absolutheitsanspruch zu verlieren, aber warum muss er auf den Rücken der Schüler ausgetragen werden? Die haben doch schon längst dagegen entschieden, das sagt doch die Schüleranzahl in Berlin, die das Religionsfach freiwillig belegt. Könnte das Fach Religion vielleicht Konsequenzen für den Schüler beim Arbeitgeber haben, wenn er sich gegen das Fach Religion entschieden hat? Religion ist in einer säkularisierten Gesellschaft zu Privatangelegenheit geworden, die einzige Hoffnung der Kirche hängt an dem offiziell eingeführten Wahlfach, weil sie doch dann wieder Raum und Einfluss hat, was ihr sonst nur innerhalb der Kirche und Mitglieder bleibt. Noch einmal erwähnt werden sollte, dass der Religionsunterricht ja vordergründig die christlichen Wertvorstellungen behandelt und von Theologen unterrichtet wird. Was ist mit den Buddhisten, Hinduisten, Moslems etc. haben sie nicht dann auch alle ein Recht auf eigenen Unterricht? Ist es nicht unabdingbar ein neutrales Fach zu lehren, dass alle Schüler ansprechen sollte, als Basis für die kulturelle Vielfalt, was ist daran nur falsch? Das die Wahl auch noch in Kirchen stattfindet, die Neutralität nicht bewahrt wird und sie auch nicht barrierefrei sind, Menschen mit Behinderung werden also ausgeschlossen, wo bleibt da der christliche Ansatz?
24.04.2009 01:40 Uhr
von H. Martin:
In dem Punkt hat Herr Schulz recht: Wenn "Pro Reli" gewönne, würde der Ethik-Unterricht in seiner jetzigen Konzeption, nämlich als gemeinsamer Unterricht aller Schüler zerschlagen werden. Es bliebe nur noch ein Rumpf, der sich dann vor allem in Konkurrenz zum Unterricht des Humanistischen Verbandes befände. Darum ist zu hoffen, daß alle säkular und fortschrittlich eingestellten Berliner am Sonntag NEIN zu den Ideen der Kirchenoberen sagen.