Seit 17 Jahren liegt Eluana Englaro im Koma. Silvio Berlusconi will ihre Sterbehilfe mit einem Eilgesetz verhindern, die katholische Kirche wettert "Mord".von MICHAEL BRAUN

Will Eluana Englaro nicht sterben lassen: Silvio Berlusconi. Bild: ap
Eluana Englaro darf nicht sterben - jedenfalls nicht, wenn es nach Silvio Berlusconi geht. Noch am Montagabend trat Italiens Senat zusammen, um einen in aller Eile erst am Freitag von der Regierung beschlossenen Gesetzentwurf durchzuwinken, mit Schlussabstimmung am Dienstagmorgen. Per Gesetz soll die sofortige Wiederaufnahme der Ernährung der Komapatientin angeordnet werden, und schon am Donnerstag könnte es definitiv so weit sein - wenn auch das Abgeordnetenhaus zugestimmt hat.
"Rettet Eluanas Leben!", unter diesem Schlachtruf sind Italiens rechte Regierungsmehrheit und die katholische Kirche in einen makabren Wettlauf mit der Familie der jungen Frau getreten, die nichts sehnlicher wünscht, als deren Leiden zu beenden. "Irreversibles Koma" diagnostizierten die Ärzte schon vor 17 Jahren, als die damals 20-Jährige aus dem norditalienischen Lecco bei einem Autounfall schwerste Kopfverletzungen erlitt, die ihr Großhirn unwiederbringlich schädigten. Und vor zehn Jahren zog Eluanas Vater, Beppe Englaro, das erste Mal vor Gericht, um die Unterbrechung lebensverlängernder Maßnahmen zu erreichen. Das wichtigste Argument der Familie: im Angesicht eines im Koma liegenden Freundes habe Eluana selbst deutlich erklärt, sie wolle auf keinen Fall über Jahre dahinvegetieren, wenn ihr je dasselbe Schicksal widerfahren sollte. Doch das Gericht ordnete die Fortsetzung der Ernährung an.
Einen Durchbruch erreichte Beppe Englaro erst im Jahr 2007, als ein Mailänder Gericht dem Willen der Familie stattgab. Doch die von der Rechten regierte Region Lombardei und nach Berlusconis Wahlsieg im April 2008 auch die nationale Regierung taten alles, um mit weiteren Einsprüchen erst vor dem Kassationsgerichtshof, dann vor dem Verfassungsgericht die Umsetzung des Richterspruchs zu verhindern. Ohne Erfolg, alle Instanzen gaben Beppe Englaro recht. Da die Materie gesetzlich nicht geregelt sei, so die Richter, müsse als Maßstab der "vermutliche Patientenwille" gelten, wenn der medizinische Befund klar und eindeutig ein Wiedererwachen aus dem Koma ausschließe.
Ein "Mord", "eine unmenschliche Monstrosität" werde da abgesegnet, wetterte Kurienkardinal Javier Lopez Barragan sofort. Das menschliche Leben stehe über dem Recht, gab der Vatikan als Marschroute aus - und hatte Italiens Regierung auf seiner Seite. Nachdem sie auf juristischem Wege verloren hatte, setzte sie im zweiten Schritt auf administrative Schikanen. Der Sozial- und Gesundheitsminister Maurizio Sacconi wies alle Krankenhäuser des Landes an, die Gerichtsentscheidung nicht umzusetzen, und drohte offen mit Repressalien. Eine erste Klinik, die sich bereit erklärt hatte, Eluana aufzunehmen, um ihr ein ärztlich begleitetes Sterben zu ermöglichen, machte umgehend einen Rückzieher.
Doch letzte Woche schien Beppe Englaros jahrelanger Kampf erfolgreich zu sein. Die Klinik La Quiete im nordöstlichen Udine nahm Eluana auf, am Freitag wurde die Nahrungszufuhr unterbrochen. Doch Berlusconi gab nicht klein bei. Während fromme Katholiken vor der Klink Gebetswachen hielten, trommelte er das Kabinett zusammen, das umgehend eine Gesetzesverordnung verabschiedete, "um Eluanas Leben zu retten".
Das Dekret wäre sofort in Kraft getreten - wenn Staatspräsident Giorgio Napolitano es unterzeichnet hätte. Doch der weigerte sich wegen Bedenken zur Verfassungsmäßigkeit der Verordnung. Es war allzu offenkundig, dass die Regierung einen höchstrichterlichen Spruch umwerfen wollte. Berlusconi aber lässt sich nicht stoppen. Eluana könne schließlich "noch Kinder kriegen" und habe "einen regelmäßigen Monatszyklus" - selbst vor solchen Argumenten schreckte er nicht zurück, um seinen eiligen Vorstoß zu begründen. Er dürfte sich durchsetzen. Neben den Regierungsfraktionen werden auch zahlreiche Katholiken aus der Opposition zustimmen.
Der Freispruch für einen Richter wird aufgehoben, der einen Angeklagten zur Einschüchterung in eine Gefängniszelle gesperrt hatte. Der Prozess wird nun wiederholt. von Christian Rath

Echte Stars, begeisterte Fans, prima Shopping-Tipps - wir freuen uns auf die Fußball-Europameisterschaft.

Starre Rituale, öde Debatten, ein Haus der Langeweile? Nicht in der Ukraine! Hier werden Parlamentsdebatten noch mit Leidenschaft, Herzblut und handfesten Argumenten geführt!

Weltraumtouristen, Satelliten und Versorgungsflüge zur ISS – die Raumfahrt wird privatisiert und kommerzialisiert.

Es ist ein echtes großes Drama, das sich da in Griechenland abspielt. Ein Drama über die Demokratie, die Unregierbarkeit. Dieses Wort muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Und das Drama genießen.

Leserkommentare
10.02.2009 13:12 | Johan Schreuder
Wenn mann schon nicht die Wahl hat geboren zu werden sollte mann auf jeden Fall die Wahl haben zu sterben
10.02.2009 13:06 | Johan Schreuder
Das Leiden unter dem Kreuz wird nie enden.
10.02.2009 12:23 | Erik
mich würde mal interessieren, welche Farbe der Rauch über dem Vadikan hat, wenn der "Heilige Vater" im Koma läge... die Kir ...