Stauffenberg und Georg Elser
Vom Ruhm eines Attentäters
Zwei unterschiedliche Biografien, eine gemeinsame Idee. Beide wollten Hitler töten, doch einer brachte es nur zu Ruhm: der Militarist Graf von Stauffenberg und nicht der Tischler Georg Elser.von Michael Wildt
Leserkommentare
19.02.2009 22:47 Uhr
von Leser:
Fast erschreckend, wo dieser Stefan George überall seine Finger drin hatte. Dabei war er doch so weltabgewandt ...
Vielleicht kann er nichts dafür, dass er immer wieder in die braune Brühe getunkt wurde.
Zweischneidig auch seine Nachfolge: sein Biograf Friedrich Gundolf war Lehrer sowohl Erich Kästners als auch Joseph Goebbels, der dann später die Bücher seines Kommilitonen verbrennen ließ.
Großer Dichter, mag sein. Bei mir steht er im "Giftschrank"
19.02.2009 12:52 Uhr
von Peter Alexa:
Das nicht ein Mensch wie Georg Elser zum Symbol für den Widerstand gegen den Nationalsozialismus geworden ist, sondern eine reaktionäre Elite, die teilweise selber tief in die Verbrechen der braunen Mörderbande verstrickt war, wundert nicht, wenn man sich die Nachkriegsgeschichte anschaut.
Mit Beginn des kalten Krieges und einige Jahre später des Wirtschaftswunders, brach sich in der BRD ein fröhlicher Antikommunismus in einer Gesellschaft seine Bahn,
die den Sieg der Alliierten in ihrer Mehrheit nicht als Befreiung sondern als Niederlage begriff. Im kalten Krieg wieder gebraucht, krochen diejenigen aus ihren Löchern an die Schalthebel der Macht, in der Politik, der Justiz, den Geheimdiensten und der Bundeswehr, in der Wirtschaft ohnehin, die je nach Funktion im Nationalsozialismus eigentlich in ein sowjetisches Gefangenenlager oder unter den Galgen gehört hätten.
Die deutsche Nachkriegsjustiz vollbrachte nicht nur die juristische "Glanzleistung"
einer vollständigen Selbstamnestie, mit der konsequenten Nichtverfolgung der Naziverbrechen wurde die BRD auch zum größten Asylantenheim für Kriegsverbrecher. Staatsanwälte, die einige Jahre vorher mit großem Eifer noch Kommunisten jagten, hielten es nicht einmal für nötig, bei der Fahndung nach Kriegsverbrechern in die Melderegister oder Telefonbücher zu schauen, was tatsächlich oft schon gereicht hätte, da sich diese Ratten so sicher fühlten, das sie nicht selten unter ihrem richtigen Namen lebten.
In den 50er und 60er Jahren, zur Zeit des KPD Verbots, kam es vor, das Kommunisten von den
gleichen Polizisten verhaftet und verhört, von den gleichen Staatsanwälten angeklagt und von den gleichen Richtern verurteilt wurden, vor denen sie in der Nazizeit schon einmal standen.
Die Kriegsverbrecher, die aufgrund internationalen Drucks dennoch vor Gericht gestellt wurden, kamen entweder mit lächerlich geringen Strafen davon oder wurden nach einigen Jahren amnestiert, einige bekamen sogar Haftentschädigungen. Zeugen, vor allem jüdische Menschen, wurden bei den Vernehmungen drangsaliert, um ihre Glaubwürdigkeit zu untergraben, weil sie nach 20 oder 30 Jahren nicht mehr genau sagen konnten, an welcher Stelle der Erschießungsgrube der Täter genau stand.
Erstaunlich, wenn man an die Kreativität der Justiz denkt, vor allem in den 70er und 80er Jahren,
wenn es darum ging, RAF Mitglieder summarisch für alle Taten der RAF zu verurteilen, ohne den einzelnen die Taten konkret nachweisen zu können.
Leider erledigt sich das Problem nicht biologisch mit dem Ableben der Naziverbrecher.
Es scheint, das der totale Bruch mit dem Denken und der Mentalität, die Auschwitz
möglich gemacht hat, größeres Grauen erzeugte, als eben dieses Denken und diese Mentalität. Die vermeintlichen "Sachzwänge" nach 45, mit denen die Übernahme der alten nationalsozialistischen Eliten in die BRD begründet wurde, nicht etwa als notwendiges Übel, sondern als willkommener Anlass gesehen wurde, dieses Denken und diese Mentalität auf eine "zivilisierte" Art und Weise zu restaurieren. Es wurde nicht mehr totgeschlagen, es wurde totgeschwiegen, es wurde im "Stillen" gearbeitet.
Noch heute kann sich ein reaktionärer Depp vor die Öffentlichkeit stellen und einen ehemaligen Nazimarinehinrichter posthum zum Antifaschisten erklären und trotzdem weiter Ministerpräsident eines Bundeslandes bleiben.
Noch heute gibt es in Stuttgart keine "Georg Elser Halle", aber eine "Schleyer Halle", benannt nach einem Mann, der einer Generation und Klasse angehörte, die sich ihren Antisemitismus, ihren Antikommunismus, ihre Verachtung für das Proletariat noch als äußeres Attribut ihrer elitären Stellung gegenseitig als Mensuren in die Fressen hackte.
Noch heute faselt der "schlauste Politiker aller Zeiten" (Schlaupaz), Helmut Schmidt, von der Ehrenhaftigkeit der Wehrmachtssoldaten und er meint damit nicht wie man denken könnte
die Deserteure, die Befehlsverweigerer, die, die sich geweigert haben mitzumachen. Er meint die Wehrmacht, die nicht nur selber in unsägliche Verbrechen involviert war, sondern die mit ihren Raub und Eroberungsfeldzügen das Terrain vorbereitet und gesichert hat, auf dem dann die SS, die Einsatzgruppen und Polizeibataillone in aller Ruhe ihrem massenmörderischen Handwerk nachgehen konnten.
Wir sollten uns also nicht wundern, wenn in dieser bewusst produzierten Geschichtslosigkeit,
junge Menschen wieder nach einfachen Antworten suchen und auf Rattenfänger hereinfallen,
die aus der Psychopathologie ihrer seelischen Trümmerlandschaften eine Ideologie basteln und eine kranke aber einfache Antwort geben.
Die Neonazis mit ihren 136 Morden seit der sogenannten Wiedervereinigung
sind nur die sichtbaren Eiterbeulen am Körper einer Gesellschaft, der insgesamt
noch vergiftet ist.
Menschen wie Georg Elser, von denen es viel zu wenige gab, aber doch einige und die Geschichte dieser Menschen, ihre Menschlichkeit und ihr Mut hätten in der Nachkriegsgesellschaft und auch heute noch so etwas
wie ein heilsames Gegengift seien können, wären sie nicht ignoriert, denunziert und vergessen worden.
18.02.2009 23:39 Uhr
von Thomas Mank:
Ein sehr guter Artikel, in der Ta(z)t. Und sehr klug und vor allem sehr einleuchtend auch die Schlussfolgerung, ein zentrales Motiv der Stauffenberg-Verehrung in der Restauration einer Elite-Identifikation zu suchen. Denn nur so kann man den Umgang mit Geschichte sinnvoll begreifen: In ihrer Betrachtung zunächst erst einmal eine Reflektion von gegenwärtigen, sprich zeitgenössischen Erwartungen zu erkennen.
18.02.2009 17:00 Uhr
von Peter:
Ein guter Artikel, der mal einiges ins rechte Licht rückt und auch zu differenzieren versteht.
Nicht einverstanden kann ich jedoch mit der Bemerkung sein, "In der DDR wurde er erst gar nicht in den Darstellungen zum Widerstand erwähnt."
Das stimmt nicht! Im Geschichtsunterricht in der Schule hörte ich von ihm (wie auch von Stauffenberg, der Weißen Rose und vielen anderen), und auch im in der DDR erschienenen Standardwerk "Deutsche Chronik. 1933-1945" werden Herr Elser und sein Attentat aufgeführt, inklusive eines Photos vom zerstörten Bürgerbräukeller.
18.02.2009 13:21 Uhr
von Jürgen Vogt:
Anfang der 1980er Jahre gab es bei uns im Max-Planck-Gymnasium in Karlsruhe eine Theaterauführung. Wir sollten hingehen, es sollte etwas zu Nazideutschland und Widerstand sein. Seit diesem Abend habe ich den Namen Georg Elser nicht mehr vergessen und er kommt mir immer in den Sinn, wenn ich etwas von Gedenkfeiern und Widerstand lese oder höre. In unseren Geschichtsbücher von damals stand nichts von ihm.
18.02.2009 12:03 Uhr
von Boandlgramer:
Europa war noch nicht im Krieg und von Hitlers größten Verbrechen - in den 30er Jahren war Krieg führen für sich noch nichts unartiges, wenn man nur einen plausiblen Grund hatte - wusste Elser vermutlich noch nichts; ob er den Kampf gelesen hat?
Übertragen auf zum Beispiel die heutige Situation kann man glauben, dass uns die derzeitige Krise an den Rand unserer Existenz bringen kann. Sollte das so passieren, wird es einen gewaltsamen Kampf um alles mögliche geben. Es gibt schon gute Gründe mit denen man heute einen personellen Austausch der Führungselite um jeden Preis wollen kann - wäre nur mühsam, weil ja der eine Führer als Ziel fehlt, aber denken kann man das schon.
Wird der dann ein Held? Vor allem: Hat er das richtige getan, wenn er 400 Parlamentarier - sagen wir, es waren mal wirklich viele im Bundestag zugegen - pulverisiert und nachher kommt's trotzdem übel?
Das es nur einen oder wenige Elsers gab und die nur wenig Ruhm ernte(te)n liegt, finde ich, in der Natur der Sache.
Eine Schande ist, dass Deutschland 1944 (eigentlich schon 1943 - wenigstens Opportunismus als im Krieg nichts mehr zu gewinnen war hätte ja ein Antrieb sein können) nicht voller Elsers und Stauffenbergs und Scholls gewesen ist...
Und ich kann mich noch nicht entscheiden, ob wir jetzt 1938 oder 1944 haben... ;)
18.02.2009 09:51 Uhr
von Knusperkeks:
Mir ist der Artikel zu tendenziell; wo der Autor bei Georg Elser nur die hehren Motive erkennen kann, sieht er hingegen beim - im Vergleich zu Elser natürlich hochgebildeten - Wehrmachtsoffizier Stauffenberg nur den Mittäter und "Selbstzweck-Vollstrecker". Im Nachhienein in dieser Art und Weise über die vermeintlich Beweggründe der Attentäter urteilen zu wollen, ist meines Erachtens schwer belegbar und so gibt der Artikel allenfalls die Schlussfolgerungen des Autors wieder und nicht etwas eine hisorische "Wahrheit" - so es sie denn gibt.
18.02.2009 08:48 Uhr
von konstanzer:
endlich gerechtigkeit!
diesen text in einer überregionalen tageszeitung zu lesen, darauf warte ich seit 20 jahren.
18.02.2009 01:31 Uhr
von Arigoe:
Ich kann mich nibbler nur anschliessen mit seinem kommentar: ENDLICH! vielen dank fuer den artikel,ein genuss!
17.02.2009 17:27 Uhr
von hans:
guter artikel, mehr solche kritischen analysen bitte. und unters "volk" damit...
17.02.2009 16:23 Uhr
von jawoll:
Allein der Vergleich mit Elser führt den ganzen Stauffenberg- und 20.Juli-Kult ad absurdum. ... Vielleicht nur hätte man sich etwas kürzer fassen können, ohne das Wesentliche dabei außen vor zu lassen.
17.02.2009 11:20 Uhr
von Norbert:
Ein sehr schöner Artikel. Glückwusch!
16.02.2009 18:30 Uhr
von nibbler:
endlich!
wäre gut wenn dieser artikel verbreitung finden würde. sind deutschLK-, geschichts-, oder sozialkundelehrer anwesend? bitte ausdrucken.