• 01.09.2010

Sparen in Großbritannien

Schafft die königlichen Schwäne ab!

Was macht das Sparen mit den Menschen? Die britische Regierung hat ein rigoroses Sparprogramm beschlossen. Alle haben Einbußen - aber die Armen trifft es mehr.von RALF SOTSCHECK

"Staycation": Die Hälfte ihres Urlaubsbudgets sollen die Briten im eigenen Lande ausgeben.  Bild:  dpa

LONDON taz | Kürzlich erzählte Victoria Beckham, Ex-Spice Girl und Frau des englischen Fußballstars David Beckham, dass sie in Mailand an einem einzigen Nachmittag eine Million Pfund ausgegeben habe. "Es war, als ob es aus all diesen wunderbaren Läden rief: ,Komm und kauf mich'", plapperte sie. Es sei wie eine Droge gewesen.

Die Beckhams können es sich leisten. Aber 31 Prozent der Briten leben öfter über ihre Verhältnisse, bei mehr als einem Viertel reicht das Geld nicht bis zum Monatsende. Genau so viele kaufen häufig Waren auf Ratenzahlung, in Deutschland sind es keine zehn Prozent.

Brenda Wilson hat sich vor einem halben Jahr ein neues Auto gekauft, sie braucht es für ihre Arbeit. In fünf Jahren wird sie es abbezahlt haben. Wilson ist 62, sie stammt aus Dublin. Mit 19 kam sie nach England, um eine Ausbildung als Krankenschwester zu machen. Heute arbeitet sie als "Health Visitor", eine Art Gemeindekrankenschwester mit Zusatzqualifikation. Sie macht Hausbesuche, ihre Arbeit dient der Gesundheitsförderung bei Familien und Kindern.

Wirtschaftskraft: Das Land hat das fünftgrößte Bruttoinlandsprodukt der Welt, nach Deutschland das zweitgrößte in Europa. 2009 lag es bei 1.566,741 Milliarden Euro. Pro Kopf sind das 25.400 Euro. Das sind 4,9 Prozent weniger als 2008. Im zweiten Quartal 2010 ist die Wirtschaft allerdings um 1,1 Prozent gewachsen - nach 0,3 Prozent im ersten Quartal.

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Arbeitslosigkeit: Die Arbeitslosenquote sank im zweiten Quartal um 0,2 Prozent und liegt jetzt bei 7,8 Prozent. 2,46 Millionen Menschen sind ohne Arbeit.

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Inflation: Die aktuelle Inflationsrate lag im Juli 2010 bei 3,1 Prozent.

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Schulden: Die Staatsschulden betragen insgesamt 927,4 Milliarden Pfund (63,7 Prozent des BIP). Für das laufende Haushaltsjahr wird eine Verschuldung von 149 Milliarden Pfund oder 12,6 Prozent des BIP prognostiziert.

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Sparmaßnahmen: Die Regierung will mit einem drastischen Sparprogramm und Steuererhöhungen binnen fünf Jahren den Haushalt ausgleichen. Die Kürzungen betreffen vor allem den öffentlichen Dienst. Die Gehälter der Beamten, die mehr als 21.000 Pfund jährlich verdienen, werden für zwei Jahre eingefroren. Außerdem verhängte Schatzmeister George Osborne einen Einstellungsstopp bis April 2011. Die Kapitalertragsteuer für Großverdiener stieg von 18 auf 28 Prozent. Die Mehrwertsteuer wird ab Januar um 2,5 auf 20 Prozent erhöht. (raso)

Seit einem Jahr bezieht sie ihre Pension, trotzdem arbeitet sie weiter Vollzeit. "Ich wollte mir den Job mit einer Kollegin teilen", sagt sie, "aber die Gesundheitsbehörde hat das abgelehnt." Ihr Mann Jack bekommt eine kleine Rente vom letzten Arbeitgeber, dem Verband der Milchwirtschaft. Bald wird er 65, dann kriegt er zusätzlich Staatsrente. "Die Renten würden aber nicht für unseren Lebensunterhalt ausreichen", sagt Brenda. "Wir haben vor ein paar Jahren eine neue Hypothek aufgenommen, um unser Haus zu renovieren, und das Auto muss abbezahlt werden. Deshalb muss ich weiterarbeiten, solange es geht."

Die Wilsons leben in Tolworth. Die Kleinstadt liegt in Surrey, der reichsten Grafschaft Großbritanniens mit dem höchsten Bruttoinlandsprodukt pro Kopf. Es ist aber auch die teuerste Grafschaft, mal abgesehen von London. Große Firmen haben hier ihren Hauptsitz: von Nikon und Canon über Toshiba, Samsung und Philips bis Toyota, Unilever, Nestle, Esso und Colgate. Nirgendwo gibt es mehr Millionäre als in Surrey, darunter die Rockmusiker Phil Collins, Bryan Ferry und Ringo Starr. Eric Clapton ging in Tolworth zur Schule. Der Ort ist wenig bemerkenswert, er besteht hauptsächlich aus kleinen Doppelhäusern aus den 30er Jahren und flachen Geschäftszeilen. Weil es von Tolworth nur 18 Kilometer bis zum Zentrum Londons sind, leben hier viele Pendler.

align="center"> Your home is your vacation

Das rigorose Sparpaket der Regierung trifft die Wilsons nur teilweise. Sie mussten vorher schon sparen. "Wenn im Januar die Mehrwertsteuer auf 20 Prozent steigt, wird ein Restaurantbesuch für uns noch unerschwinglicher", sagt Brenda Wilson. Den Urlaub, bis auf einen Wochenendtrip nach Dublin zur Hochzeit eines Neffen, haben die Wilsons, ebenso wie ein Viertel ihrer Mitbürger, in diesem Jahr gestrichen. "Spanien war trotz der Billigflüge nicht drin", sagt Wilson. "Vielleicht fahren wir im Herbst für ein paar Tage nach Brighton ans Meer."

Das ist ganz im Sinne von Premierminister David Cameron. Er wünscht sich, dass die Briten die Hälfte ihres Urlaubsbudgets im eigenen Lande ausgeben, und die Menschen hören notgedrungen auf ihn. Im Ausland haben britische Urlauber 2009 eine halbe Milliarde Pfund weniger, im Inland hingegen 1,2 Milliarden mehr ausgegeben als im Vorjahr. "Staycation" nennen sie es, eine Verballhornung von "stay" (bleiben) und "vacation" (Urlaub).

"Wir haben es nie geschafft, Rücklagen für schlechte Zeiten zu bilden", sagt Wilson. "Das wäre auch unbritisch. Zu Zeiten des Booms haben die Briten konsumiert, was die Banken hergaben, und das Geld war billig. Jetzt müssen die Kredite zurückgezahlt werden. Ich höre das immer wieder bei meinen Hausbesuchen - es reicht bei vielen vorne und hinten nicht." Dabei war es ein Brite, der die Sparkasse erfunden hat: Vor genau 200 Jahren gründete der schottische Pastor Henry Duncan in Dumfriesshire die erste Sparbank, bei der jeder für zehn Pfund ein Konto eröffnen konnte. Auf die Guthaben wurden fünf Prozent Zinsen gezahlt.

Wenn es dagegen darum geht, wie der Staat sparen kann, sind die Briten Feuer und Flamme. Bevor er seinen Nothaushalt Ende Juni verabschiedete, hatte der britische Premierminister David Cameron an sechs Millionen öffentlich Bedienstete geschrieben und um Sparvorschläge gebeten. "Wir wollen, dass ihr uns helft, Einsparmöglichkeiten zu finden, damit wir beim öffentlichen Haushalt auf faire und verantwortungsbewusste Weise kürzen können", hieß es in dem Brief. 100.000 Menschen antworteten. Die Vorschläge reichten von der Abschaffung der königlichen Schwäne über Tretmühlen zur Stromerzeugung für Gefangene bis hin zur Abschaffung von Spesen für Abgeordnete. Den Briten ist die Habgier ihrer Volksvertreter noch deutlich in Erinnerung. Vor anderthalb Jahren gab es fast täglich neue Enthüllungen im Spesenskandal. Eine Abgeordnete hatte Leihgebühren für Pornofilme abgerechnet, andere hatten Steuergelder für Pferdemist, Schokoladenweihnachtsmänner, Kartoffelschäler, das Stimmen eines Klaviers, Katzenfutter, einen Maulwurfjäger und sogar eine Ikea-Plastiktüte für fünf Pence ausgegeben.

Cameron hielt sich freilich nicht an die Sparvorschläge aus dem Volk. Die Regierung will mit einem drastischen Sparprogramm und Steuererhöhungen binnen fünf Jahren den Haushalt ausgleichen. Der Schuldenabbau soll zu 80 Prozent durch Ausgabenkürzungen und zu 20 Prozent durch Steuererhöhungen bewerkstelligt werden.

Osborne hatte die Nation seit Antritt der Koalitionsregierung von Tories und Liberalen Demokraten im Mai für seinen Sparhaushalt weichgeklopft. Er gab fast täglich neue Warnungen über die Gefahren der Verschuldung heraus. Großbritannien sei das neue Griechenland, so lautete der Tenor. Die Strategie zeigte Wirkung: Laut einer Umfrage des Guardian befürworten 59 Prozent die Kürzungen.

align="center"> Unterschiede nehmen zu

Sie betreffen vor allem den öffentlichen Dienst. Die Gehälter der Beamten, die mehr als 21.000 Pfund im Jahr verdienen, werden für zwei Jahre eingefroren. Außerdem gibt es einen Einstellungsstopp bis April nächsten Jahres. Auch die Queen bekommt keine Erhöhung ihrer Apanage. Und die Kapitalertragssteuer für Großverdiener wird von 18 auf 28 Prozent erhöht, was vom rechten Tory-Flügel heftig kritisiert wurde. Darüber hinaus wird ab Januar eine Bankensteuer fällig.

Die Steuerfreiheitsgrenze wird um 1.000 Pfund auf 7.475 Pfund angehoben, wodurch 850.000 Menschen aus dem Steuersystem ausscheiden, weitere 20 Millionen Arbeitnehmer der untersten Steuerklasse zahlen 200 Pfund weniger im Jahr. Das kostet den Staat zwar 3,7 Milliarden Pfund im Jahr, aber die werden durch die Mehrwertsteuererhöhung ab Januar um 2,5 auf 20 Prozent um ein Vielfaches wieder hereingeholt.

Steuerexperten bezeichnen das neue Budget als "deutlich regressiv". Das Institut für Steuerkunde stellte fest, dass die unteren Einkommensschichten - vor allem, wenn sie Kinder haben - aufgrund der Kürzungen im Wohlfahrtsbereich die größten Verlierer seien. Die ärmsten zehn Prozent der Bevölkerung verlieren fünf Prozent ihres Einkommens, während die oberen zehn Prozent nicht mal ein Prozent einbüßen, so das Institut.

"Nichts anderes war von den Tories zu erwarten", sagt Brenda Wilson. "Der Einkommensunterschied ist ohnehin schon größer denn je. Die Mittelschicht hat vom Boom der letzten zehn Jahre profitiert, während das Einkommen der unteren Schichten gesunken ist." Die Lebensmittelpreise seien stark gestiegen, die Umsätze bei Kleidung und Schuhen gefallen, die Restaurants leer, sagt Wilson und fragt: "Woran sollen die Leute denn noch sparen?" Offenbar nicht an ihren Haustieren. Die zwanzig Millionen Hunde- und Katzenbesitzer geben vier Prozent mehr für ihre Lieblinge aus als im Vorjahr.

Auch die Queen wird ihre Corgis wohl nicht auf Sparkost setzen. Man habe seltener Flugzeuge gechartert, teilte einer ihrer Sprecher stolz mit. Seine Arbeitgeberin habe sogar 6,3 Millionen Pfund aus der eigenen Tasche bezahlt, um ihre öffentlichen Aufgaben zu erfüllen. Sie kann es sich, ebenso wie Victoria Beckham, leisten.

 

Die taz-Serie "Weltspartag": Immer montags und donnerstags. Bisher erschienen: Japan (16.8.), Italien (19.8.), Griechenland (23.8.), Frankreich (26.8.) und Serbien (30.8.). Nächsten Montag: Estland.

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