Der Soziologe Hartmut Häußermann war Fürsprecher der sozialen Stadt. Bis zuletzt wohnte der Vordenker des Quartiersmanagements im Berliner Prenzlauer Berg. von Kristina Pezzei

Lange wehrte er sich gegen den Begriff "Gentrifizierung": Soziologe Hartmut Häußermann. Bild: dpa
Natürlich hätte er wegziehen können. Weg vom Berliner Kollwitzplatz, der in den vergangenen zehn Jahren zum Symbol für großflächige Verdrängung geworden ist. Hartmut Häußermann ist dageblieben, als sich alles um ihn veränderte.
Er, der linke Soziologe, hat sich nie nur mit Beobachten zufriedengegeben - er wollte teilnehmen, erleben. Das hat Häußermann so glaubwürdig gemacht und zugleich so angenehm als Menschen. Mit 68 Jahren ist er nun nach schwerer Krankheit gestorben.
Dass er keiner dieser Glashauswissenschaftler werden würde, zeichnete sich schon während des Studiums an der Freien Universität Berlin ab: Häußermann war Asta-Chef, Teil der 68er-Generation um Rudi Dutschke. Er behielt seine Ideale, und er propagierte sie unermüdlich. Häußermann ging es um gleiche Bildungs- und Wissenschancen für alle, er kämpfte gegen soziale und wirtschaftliche Ausgrenzung, gegen die Spaltung der Stadt.
Auf Häußermann ging maßgeblich das in Berlin gegründete Quartiersmanagement zurück. Er hatte gemeinsam mit Kollegen soziale Brennpunkte in der Stadt ausgemacht. Dort sollten Beratungsbüros aufgemacht, Sozialarbeiter aktiv werden. Die Politik setzte die Vorschläge um, das Frühwarnsystem ist zum Schlüssel der sozialen Stadtentwicklungspolitik Berlins geworden.
Das kleinteilige, genaue Hinschauen war ihm wichtig. Häußermann war keiner, der pauschalisiert hat - was er am eigenen Beispiel verdeutlichte. Er, der gebürtige Schwabe, gehörte zum gehobenen Bildungsbürgertum, das Prenzlauer Berg nach der Wende überrollte.
Ein "Gentrifizierer" sei er trotzdem nicht gewesen, sagte er der taz vor zwei Jahren bei einem Gespräch in seiner hellen, behaglichen Wohnung. "Das halbe Haus stand damals leer, ich kann gar niemanden verdrängt haben." Häußermann hatte mit einer Gruppe selbst angepackt, das Haus renoviert. Die Gemeinschaft besteht im Kern bis heute.
Lange wehrte sich der Soziologe gegen den Begriff der Gentrifizierung, wollte ihn nicht abnutzen und der Debatte damit die Schärfe nehmen. Als sein Schüler Andrej Holm indes wegen des Gebrauchs dieses Begriffs vom Bundeskriminalamt festgenommen wurde, stellte er sich an die Spitze der Protestbewegung.
Nachdem er im Jahr 2008 den Lehrstuhl an der Humboldt-Universität abgegeben hatte, engagierte sich Häußermann weiter. Der taz sagte er damals: "Wenn man denkt, man hat etwas zu sagen, was andere so nicht sehen, dann kann man das nicht einfach lassen."
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Nicht nur in Deutschland, weltweit lebt die Mehrheit der Bevölkerung heute in Städten. In ihnen verdichten sich global zu beobachtende Entwicklungen wie die immer stärker werdende Kluft zwischen Reich und Arm, die Krisenhaftigkeit der Ökonomie oder die zunehmende Umweltzerstörung. Städte gelten aber auch nach wie vor als Orte der Liberalität, Toleranz und kulturellen Vielfalt. Sie waren und sind Schauplätze politischerEmanzipation und Labore gesellschaftlichen Wandels.
Seit geraumer Zeit fordern Quartiersgruppen, Graswurzelbewegungen und lokalpolitische Bündnisse das Recht auf Stadt – ob in Hamburg, Istanbul, L.A. oder Rio. Konkret wird der Slogan als Label an Kämpfe gegen den Abriss informeller Siedlungen, gegen Mieterhöhungen, gegen Privatisierungen kommunaler Einrichtungen oder für mehr Transparenz der öffentlichen Finanzen geheftet. Dahinter schimmert die Utopie von anderen als den derzeit gängigen Mustern urbaner Entwicklung auf.
Gentrifizierung in Berlin-Neukölln, der Bau der Hafencity Hamburg, der Verkauf städtischer Wohnungen in Dresden: taz-Artikel zu diesen Themen werden im Schwerpunkt Stadt gebündelt. Im Blick ist aber natürlich auch die internationale Perspektive: Die taz-KorrespondentInnen schreiben über Slumbeseitigungen in Nairobi oder Mietervertreibungen in New York. Die Berichterstattung sowohl über Widerstände gegen die Zumutungen städtischer Politik als auch über alternative Strategien wie Hausbesetzungen, Wohngenossenschaften, Community Garden und Bürgerhaushalte will die Diskussion darüber anregen, wie städtisches Leben jetzt und zukünftig aussehen sollte.
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Leserkommentare
05.11.2011 00:16 | Michael Schaub
Nach Häußemann sollte Soziologie auch immer den Finger in die Wunde der Gesellschaft legen. Diesen Grundsatz bestimmt seine ...
04.11.2011 23:28 | Dirk Schwiedergoll
Dank für die interessanten Seminare u. Projekte zum Thema "Sozialistische Stadt/Städtebau" an der Humboldt Universität in d ...
04.11.2011 20:00 | Michael Schaub
Er war einer der Professoren, der uns Studenten durch kluge Fragen zum Denken angeregt haben. ...