Seit der Tatort-Doppelfolge wird wieder über das Prostitutionsgesetz diskutiert. Sozialarbeiterinnen finden das völlig unnötig, die Debatte werde nicht sachlich geführt von Kai von Appen

Prostitution in St. Georg. Bild: Miguel Ferraz
Die neue Diskussion um die Verschärfung des Prostitutionsgesetzes löst bei den Beratungsstellen für Sexarbeiterinnen in Hamburg Unverständnis aus. „Das ist eine katastrophale Vorstellung“, sagt Veronica Munk vom Netzwerk „Tampep“, das gerade die Ergebnisse ihrer zweiten Indoors-project-Studie über Sexarbeit in Europa vorgelegt hat (taz berichtete). „Das Ganze wird nur moralisch und nicht sachlich diskutiert“, kritisiert Munk.
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Auslöser der Debatte war eine Doppelfolge der Krimiserie Tatort, in der es um Menschenhandel von osteuropäischen Frauen gegangen ist, die dann in der feinen Gesellschaft sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren. Die Herausgeberin der Frauenzeitschrift Emma, Alice Schwarzer, nutzte im Anschluss eine Talkrunde bei Günther Jauch, um die These aufzustellen, dass das 2002 verabschiedete rot-grüne Prostitutionsgesetz, (siehe Kasten) die „Zwangsprostitution“ gefördert habe.
„Alice Schwarzer hat offenbar nichts anderes zu tun, als immer wieder das gleiche Unwahre zu erzählen“, sagt Gudrun Greb von der Beratungsstelle Ragazza für drogenabhängige und sich prostituierende Frauen. Würde in der Gesellschaft die Prostitution endlich als Arbeit anerkannt, würde sexualisierter Gewalt der Boden entzogen. Was in St. Georg jedoch zu verzeichnen sei, ist, dass aus EU-Ländern ganze Clans kommen, bei denen von „Zuhälter-ähnlichen Verhältnissen“ gesprochen werden könnte. „Die Frauen arbeiten als Prostituierte, die Männer spielen Akkordeon und andere gehen betteln“, sagt Greb. „Das hat aber nichts mit dem Prostitutionsgesetz zu tun.“
Auch Emilija Mitrovic vom Projektbüro „Arbeitsplatz Prostitution“ der Gewerkschaft Ver.di nennt die Schwarzer-Thesen „völligen Blödsinn“. Die Situation habe sich durch das Prostitutionsgesetz nicht verschärft, sondern eher verbessert. Das Problem seien vielmehr die staatlichen „aggressiven Maßnahmen“ wie die Sperrgebietsverordnung für St.Georg und neuerdings das Kontaktverbot für Freier. „Das aggressive Vorgehen gegen Prostituierte führt dazu, dass sich Frauen auf den Schutz von Zuhältern angewiesen fühlen – zumindest subjektiv“, sagt die Sozialwissenschaftlerin Mitrovic.
Auch die als Zwangsprostitution bezeichneten Fälle, die die Koordinierungsstelle Frauenhandel (Koofra) in Hamburg bearbeitet, sind nach taz-Information in den vergangenen Jahren rückläufig. „Es ist aber schwer zu erfassen, wo Zwang dahinter steckt, wenn die Frauen nicht aussagen“, sagt Polizeisprecher Holger Vehren. Krasse Fälle, bei denen Minderjährige zur Prostitution gezwungen werden, seien in letzter Zeit nicht bekannt geworden, sagt Vehren: „Das ist Bordellbetreibern zu heiß, weil das schnell auffliegt.“ Veronica Munk vom Indoors-project fordert, die Diskussion um die Prostitution zu versachlichen. „Sexarbeit ist Arbeit, Menschenhandel ist ein Verbrechen“, sagt Munk, „der kommt aber auch in der Gastronomie vor.“
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Leserkommentare
05.01.2013 20:23 | Caroline
Sozialarbeiterinnen finden das völlig unnötig, die Debatte werde nicht sachlich geführt ...und natürlich auch wir Sexarbeit ...