Schwieriges Protestieren in Magdeburg

Bässe und Transpis gegen die AfD

Magdeburg – ein eher unkompliziertes Pflaster für den diesjährigen AfD-Bundesparteitag, schwieriger hingegen für die Gegenproteste.

Bild: Vincent Bruckmann

von Vincent Bruckmann

„Nicht noch einmal“ und „ausgehetzt“ steht auf den Transparenten, die eine junge, blonde Frau und ein ebenso junger Mann mit Basecap besprühen. Sie sitzen am diesigen 16. November auf dem kalten Boden des Jerichower Platzes in Magdeburg, flankiert von ehemaligen NS-Bauten, in denen mittlerweile das Magdeburger Finanzamt sitzt. Mit anderen Menschen bereiten sie sich auf eine Demonstration am Folgetag vor. Der Anlass: Die AfD will auf ihrem hiesigen Bundesparteitag KandidatInnen für die Europawahl aufstellen.

Gegen den „von der AfD geschürten Hass“ zu demonstrieren, hat sich „Blockmd“-Bündnis zur Aufgabe gemacht. Doch wie funktioniert Protest gegen Rechts in einem Bundesland, in dem die AfD bei den Landtagswahlen 2016 mit 24,3 Prozent als zweitstärkste Kraft in den Landtag eingezogen ist? In Köln demonstrierten 2017 Zehntausende gegen den letzten AfD-Bundesparteitag. Und in Magdeburg?


Hoffentlich 24.000 Mal mehr Menschen



Zum Transparente-Malen sind 30 Menschen gekommen. Mit lauwarmem Glühwein harren sie in der Kälte aus. Drei Bands treten auf und einer der Frontsänger ruft den Frierenden zu, dass bei der Demonstration am Folgetag hoffentlich „24.000 Mal mehr von euch dabei sind!“. 

Am nächsten Tag kommen dann tatsächlich mehr Menschen zur Demonstration. Das Bündnis „Blockmd“ bestehend aus Parteien, Gewerkschaften und Vereinen, hatte auf 1000 TeilnehmerInnen gehofft – eine optimistische Schätzung, die Hälfte wurde Realität. Neben KommunalpolitikerInnen sieht man vor allem junge Menschen: Studierende, SchülerInnen und einige Eltern mit ihren Kindern.

AktivistInnen brauchen in Sachsen-Anhalt Durchhaltevermögen und hohes Frustrationsbewältigungspotential. Marcus Gercke vom "Blockmd" scheint beides mitzubringen. Er bezeichnet Magdeburg als „schwieriges Pflaster mit vielen unpolitischen Leuten“. Außerdem sei die „Demobelastung in letzter Zeit relativ hoch“. Entmutigen lässt er sich davon aber nicht. Es gebe intakte linke Strukturen mit Jugendclubs, die wichtige Arbeit leisteten, sagt Gercke. Falls er irgendwann einmal wegziehen sollte, will der 21-Jährige später unbedingt zurückkommen. Hierhin, wo der Widerstand gegen rechte Hetze nur kleine Wellen schlägt. Das Engagement jeder Einzelnen sei daher umso wichtiger, sagt Gercke.

Hoffnung und Misstrauen



Die Demonstration zieht durch die breiten Straßen Magdeburgs, vorbei an den vielen Neubauten, die die im 2. Weltkrieg zerbombte Innenstadt prägen. Technobässe vom Demowagen springen zwischen den Häuserfassaden hin und her. Sprechchöre hört man keine. Eine Party-Demonstration? Marcus Gercke sieht das anders. Techno sei schon immer politisch gewesen und im Gegensatz zu Nazirechtsrock „geile Musik“. Während ein Mann im Superhelden-Kostüm den Demonstrierenden „Hoffnung schenken“ möchte, wie er sagt, wird der Demozug in der lokalen Einkaufsstraße von den mit Einkaufstüten bepackten WochenendshopperInnen eher misstrauisch beäugt.

Derlei Reaktionen sind für die Demonstrantin Viola Schneider* jedoch Ansporn. Denn gerade außerhalb der großen Städte müsse man sich engagieren. Sonst mache das doch keiner. Sie ist zum Studieren nach Magdeburg gezogen und engagiert sich im „Feministischen Kollektiv Magdeburg“. Während es in anderen Städten zahlreiche feministische Gruppierungen gibt, ist die Anzahl in Magdeburg noch überschaubar. In wenigen Tagen käme aber Margarete Stokowski auf Einladung einiger feministischer Gruppierungen zu einer Lesung, erzählt Viola Schneider stolz. „Die letzten Tage des Patriarchats“ heißt Stokowskis neues Buch – Eine Kampfansage, die sich auch gegen die AfD richtet.



Kampf um Bilder

Der Demonstrationszug endet zwischen der Messehalle und dem Finanzamt. Außer der paar Hundert DemonstrantInnen und zahlreichen PolizistInnen ist niemand zu sehen. Ob die AfD mitbekommt, dass hier draußen gegen sie demonstriert wird? Der größte Teil der politischen Arbeit passiere mittlerweile im Internet, sagt Marcus Gercke. Deshalb setzt das Bündnis auf mediale Strategien, dem Protest über die Magdeburger Grenzen hinaus eine breite Öffentlichkeit zu bieten. Der Plan geht auf. Auf diversen Nachrichtenwebsites werden später junge Menschen und bunte Transparente zu sehen sein.

Die strahlende Sonne, die den Demozug den ganzen Tag begleitet hat, verabschiedet sich langsam hinter den wuchtigen Fassaden des Finanzamts. Nach einigen Redebeiträgen wummert der Bass wieder los. Unterbrochen wird er nur durch eine kurze Durchsage, dass die Suppe jetzt alle sei. Die letzten Verbliebenen tanzen sich noch die Kälte aus den Knochen, bevor der Bass allmählich verstummt.

*Name geändert

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