Schulreform-Streit in Hamburg

Der Revolutionär

Heutige Schule sei Ausduck ständischen Denkens, sagt Hamburgs Bürgermeister Beust. Doch die Gegner seiner Schulreform haben bereits 182.000 Unterschriften gesammelt.von FRIEDERIKE GRAEFF

Es ist nicht zu entwirren, was Überzeugung ist und was Opportunismus: Ole von Beust.  Bild:  dpa

"Warum soll man jemandem, der eine ehrliche Person ist, nicht glauben, dass er seine Meinung geändert hat?", fragt Klaus von Dohnanyi. Die ehrliche Person ist Ole von Beust, Hamburgs Erster Bürgermeister und der aktuelle Nachfolger des SPD-Manns von Dohnanyi, der die Stadt von 1981 bis 1988 regierte. Geändert hat Ole von Beust, der erste CDU-Rathauschef seit 1956, seine Meinung darüber, wie ein gerechtes Schulsystem aussehen soll.

Anfang Januar überraschte er nicht nur den Sozialdemokraten Klaus von Dohnanyi. Das jetzige Schulsystem sei falsch und passe nicht mehr in "unsere Zeit", sagte er der Süddeutschen. "Dieser alte bildungspolitische Ansatz, wonach es drei Grundtypen gibt - den handwerklich Begabten mit wenig Intellekt für die Hauptschule, den mäßig handwerklich Begabten mit mehr Intellekt, der auf die Realschule geht, und den wenig handwerklich begabten, aber dafür sehr intelligenten Schüler, der Abitur macht -, diese Dreiteilung ist Ausdruck veralteten, ständischen Denkens."

Alle Kinder sollen also die ersten sechs Jahre gemeinsam lernen, fordert er mit Christa Goetsch, seiner Schulsenatorin von den Grünen. Und es sollen nicht länger die Eltern entscheiden, welche Schule die Kinder anschließend besuchen, sondern die Lehrer. Das klingt nicht nach Revolution, doch in Hamburg hat es die Leute auf die Barrikaden gebracht: Die Gegner haben 182.000 Unterschriften gesammelt, und wenn die für heute angesetzte vierte Verhandlungsrunde mit dem Senat scheitern sollte, könnten sie einen Volksentscheid erzwingen.

 

Warum bringt Ole von Beust seine eigene Klientel so gegen sich auf? Aus strategischen Gründen, weil er den Fortbestand seiner Koalition mit der Grün-Alternativen Liste (GAL) retten will? Oder will er die Reform tatsächlich? Dieser Ole von Beust, der 2001 mithilfe der rechtspopulistischen Schill-Partei ins Amt kam und der Ronald Schill zwei Jahre später entließ, weil dieser ihn mit einem angeblichen Verhältnis mit seinem Justizsenator Roger Kusch erpressen wollte. Dieser Ole von Beust, der Hamburg zur Klimaschutzstadt machen will und ein Kohlekraftwerk auf den Weg gebracht hat.

Sein alter Lehrer jedenfalls mag nicht glauben, dass Ole von Beust eine andere Schule möchte. Aber das könnte auch daran liegen, dass der Gymnasiumsdirektor Fischer mit der Reform die gymnasialen Sprach-, Musik- und sonstigen Angebote für Fünft- und Sechstklässler flöten gehen sieht. Fischer bringt all die Artikel mit, die er über Ole von Beust gesammelt hat. "Vielleicht bin ich positiv voreingenommen", sagt er. "Sehr jungenhaft", hat er von Beust in Erinnerung, "freundlich und unauffällig". Nur einmal sei von Beust aufgefallen, als er Anfang der Siebzigerjahre, während die Mehrheit der Schüler links bis linksaußen stand, Flugblätter für die Junge Union verteilte. Allein.

Nein, sagt Ole von Beust, wenn man ihn danach fragt, "Außenseiter war ich nicht." Seine Mitschüler haben ihn zum Klassen- und später zum Schülersprecher gewählt. "Sie mochten mich einfach", sagt von Beust.

Später, als er CDU-Chef in Wandsbek war, schrieb er seinem alten Lehrer, der inzwischen Schuldirektor geworden war, einen Brief, in dem er die Sorge äußerte, dass die Friedensprojektwoche Ängste bei den Schülern schüre. Fischer hat ihm das nicht übel genommen. "Er musste das wohl machen", sagt er.

 

Jeder Bericht über von Beust erwähnt irgendwann, wie gewinnend er im Umgang ist, vor allem mit einfachen Leuten. Fragt man ihn danach, spielt er es herunter. "Zu Beginn habe ich mich hinter den Infoständen versteckt", sagt er. "Und die Leute sagten mir, ich müsse mehr Selbstbewusstsein auf der Bühne ausstrahlen."

Vielleicht ist es das, was die Leute so für ihn einnimmt: dass er den Eindruck vermittelt, offen zu sprechen, Schwächen einzugestehen. Dazu mag es passen, dass er seinen Adelstitel nicht trägt und seinen Vornamen von "Carl-Friedrich Arp" in "Ole" umänderte, in Anlehnung daran, dass seine Großmutter ihn "Ole Pupp" nannte, alte Puppe. Die Umgangsformen sind ihm geblieben. "Nach Ihnen", sagt er auf der Treppe zu seiner Referentin, und seine Anzüge sitzen perfekt. Die Hamburger nennen ihn gern Ole und vermutlich tun sie das, weil sie wissen, dass er ein Freiherr ist.

Dabei stellt er sich als Individualist dar. "Ich bin gern allein", sagt von Beust. "Ich bin eigentlich introvertiert, mit extrovertierten Ausbrüchen." Natürlich sagt er das auch, um die letzten Reste des Bürgermeisters abzulegen, der Dienstag bis Donnerstag regiert und sich ansonsten lieber auf Sylt vergnügt.

Die Damen und Herren vom Wirtschaftsrat der CDU betrachten ihn jedenfalls als einen der Ihren. Anders ist nicht zu erklären, warum sie so freudig klatschen, während er ihnen Unangenehmes sagt. Beust, von Hause aus Anwalt, ist ein guter Redner. Er spricht frei, ist nicht zu oft und nicht zu selten witzig, und wenn er von Subsidiarität spricht, erklärt er, was das ist. "Was bedeutet es heute noch, konservativ zu sein?", fragt er, jetzt, da die unverrückbaren Standpunkte aufgeweicht seien. "Dass jeder höflich und pünktlich sein soll, ist noch kein Parteiprogramm." Von Beust, der alles andere als ein Parteisoldat ist, der jegliche Ambitionen auf höhere Ämter verneint, fordert en passant die doppelte Staatsbürgerschaft. Und kurz danach lobt er Roland Kochs Forderung nach einer Arbeitspflicht für Hartz-IV-Empfänger. Die Frage aber, was das Konservative heute ausmacht, beantwortet er nicht. Stattdessen fordert er mehr Führung in der Politik - kein Zufall in einer Zeit, da sich die Hamburger ungern führen lassen.

Und dann kommt beiläufig ein Satz, um dessentwillen ihn seine Gegner mit einer Teflonpfanne vergleichen: Politik müsse Risiken eingehen, sagt von Beust. "So wie es ein Risiko war, mit Schill zu koalieren." Niemand im Publikum raunt, so wie niemand unruhig wird, als er die zunehmenden Partikularinteressen geißelt, die immer unverhohlener vertreten würden. "Zum Beispiel die Damen und Herren von der Elbchaussee", sagt von Beust, die gegen die Hafenerweiterung protestierten, zugleich aber ihren Wohlstand diesem Hafen verdankten. "Ist das nicht Ihr Milieu, die Damen und Herren von der Elbchaussee?", kann man Ole von Beust am nächsten Tag fragen. "Manche denken vielleicht, ich sei einer der Ihren, aber ich denke das nicht unbedingt", antwortet er. Und vielleicht ist ebendies das Geheimnis des Ole von Beust.

Die türkischen Migranten in Hamburg haben keinen Anlass, anzunehmen, er sei einer von ihnen. Derzeit gibt es aber viele Gelegenheiten, bei denen er darüber spricht, dass Integration die Hauptaufgabe der Zukunft sei. Dass jeder eine Chance haben müsse, nicht nur aus moralischen, auch aus ökonomischen Gründen. "Ich sehe hier niemanden mit Migrationshintergrund", sagt er zu den Damen und Herren des Wirtschaftsrats. "Die sind aber nicht blöde."

Ole von Beust sagt, dass in seiner Amtszeit die Quote nichtdeutschstämmiger Mitarbeiter im öffentlichen Dienst von unter fünf auf fünfzehn Prozent gestiegen sei. "Es gab da abenteuerliche Diskussionen in den Foren", sagt er. " ,Wir wollen keine türkischen Polizisten', hieß es etwa. "Aber wenn Sie in einer Großstadt keine Polizisten hätten, die Türkisch sprechen, wären Sie ziemlich im Eimer."

Politiker aus der GAL erzählen, dass Ole von Beust 1998 unter den Buhrufern war, als sie Alternativen zur Abstammungsstaatsbürgerschaft forderten. Sein langjähriger Gegenspieler, der frühere Hamburger SPD-Fraktionsvorsitzende Holger Christier, kann sich nicht daran erinnern, dass von Beust das Thema Integration besonders beschäftigt hätte. Er kann sich ohnehin nicht vorstellen, dass ein Gegenstand den Bürgermeister von Grund auf umtreibt. Christier ist Lehrer und schlüsselt das Ganze systematisch auf: "Von Beust ist für mich zu 30 Prozent ein freundlicher, kommunikativer Mensch mit einer glaubwürdigen liberalen Grundhaltung." Und die anderen 70 Prozent? "Ein Opportunist." "Rettet die Gymnasien", habe die CDU im Wahlkampf plakatiert - und jetzt stehe von Beust für das sechsjährige gemeinsame Lernen? Das nimmt Christier ihm nicht ab.

Umso euphorischer tut das Christa Goetsch, früher Opposition, heute zweite Bürgermeisterin. Sie glaubt, dass ihn die Senatsvorbesprechungen der neuen Koalition und ein Schulbesuch von der Notwendigkeit einer Wende überzeugt habe. "Und wenn er überzeugt ist, dann steht er wie eine eins."

 

Ist er überzeugt? Es ist nicht zu entwirren, was Überzeugung ist und was Opportunismus. Warum hat er sich nicht von sich aus als Homosexueller geoutet, sondern erst, als Schill ihn erpresste? "Ich habe mich ja nicht getarnt", sagt er. "Aber so, wie ich nicht mit Einzelheiten aus dem Privatleben anderer behelligt werden will, tue ich das auch nicht." Und dann sagt er mit jener Offenheit, die schwer zu deuten ist: "Es gab manchmal unangenehme Situationen, nebulöse Anrufer, die behaupteten, es gebe Dossiers über mich." Wie ging er damit um? "Ich habe die Gabe, Unangenehmes schnell zu verarbeiten."

Vielleicht ist es gleichgültig, wovon Ole von Beust überzeugt ist. Im Augenblick erfüllt er einen Vertrag, so wie es die Kaufleute dieser Stadt immer getan haben. Als Geschäftsgrundlage. Zu ihrem Vorteil - und dem der Stadt.

Sollten die Gespräche über die Schulreform heute scheitern, ist der Weg für ihn klar. Schon im SZ-Interview kündigte er an: "Wenn wir keinen Kompromiss mit der Initiative finden, muss vom Volk entschieden werden."

Dieser Artikel ...

ist mir was wert!