Bei der dritten Stuttgart-21-Schlichtungsrunde streiten Projektgegner und Befürworter über die Neubaustrecke – und setzten unterschiedlich hohe Kosten an.von NADINE MICHEL

Wolkig: Auf harte Zahlen konnten sich die zerstrittenen Parteien bei der dritten Schlichtungsrunde nicht einigen. Bild: dapd
STUTTGART taz | Bei der dritten Schlichtungsrunde im Streit um das Bahnprojekt "Stuttgart 21" (S 21) haben Befürworter und Gegner am Donnerstag den Nutzen der ICE-Neubaustrecke nach Ulm diskutiert. Die Trasse wird im Zusammenhang mit dem neuen Stuttgarter Tiefbahnhof geplant. Jahrelang hatten auch die S-21-Gegner die Neubaustrecke befürwortet. Inzwischen stellen sie diese jedoch in Frage.
Zu Beginn der Schlichtung warnte Vermittler Heiner Geißler (CDU) zunächst vor zu hohen Erwartungen zum jetzigen Zeitpunkt. Er lese immer wieder, dass noch keine inhaltliche Einigung erzielt worden sei. "Noch ist nicht aller Tage Abend", sagte er. "Das Resümee ziehen wir dann, wenn wir am Ende der Schlichtung sind."
Bei den Vorteilen der geplanten Trasse zielte Volker Kefer, Technikvorstand der Deutschen Bahn, vor allem auf die Fahrzeitgewinne und die damit zu erwartende Fahrgastzunahme ab. Das Potenzial, dass möglichst viele Reisende vom Auto und vom Flugzeug auf die Bahn umsteigen, sei bei den Strecken besonders hoch, die die Bahn zwischen drei und viereinhalb Stunden bewältige, erklärte Kefer. "Durch Stuttgart 21 und die Schnellfahrstrecke Wendlingen-Ulm werden alleine im Fernverkehr netto circa zwei Millionen zusätzliche Fahrgäste erwartet." Durch schnellere Verbindungen im Regionalverkehr, etwa von Ulm über Flughafen/Messe nach Stuttgart, würden täglich 15.000 Reisende mehr den Nahverkehr nutzen.
Diesem Vorteil wollte das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 nicht widersprechen. Fahrzeitverkürzungen würden alle wollen. "Es ist aber fraglich, ob die Geschwindigkeitsreduzierungen nicht durch andere Maßnahmen zu erreichen sind", sagte der Grünen-Fraktionschef im Landtag, Winfried Kretschmann.
Drei wesentliche Punkte, die die Gegner gegen das Projekt vorbrachten, waren steigende Kosten, die Nicht-Tauglichkeit der Strecke für den Güterverkehr wegen der hohen Steigung und eine fragliche Wirtschaftlichkeit. Dabei spielt vor allem der hohe Tunnelanteil an der Strecke mit gut 50 Prozent eine kostspielige Rolle. "Es ist absehbar, dass die weiter steigenden Kosten das Kosten-Nutzen-Verhältnis in Frage stellen werden", sagte Grünen-Politiker Kretschmann.
Im Gegenzug kritisierten die Projektträger, dass das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 keine durchgeplanten Alternativen auf den Tisch legen könne. Offiziell werden die Kosten für die Strecke bislang auf 2,9 Milliarden Euro beziffert. Die Projektgegner rechnen hingegen eher mit Kosten in Höhe von fünf Milliarden.
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"Stuttgart 21" ist eines der teuersten Bahnprojekte aller Zeiten in Deutschland: Der Kopfbahnhof der Stadt soll durch einen unterirdischen Durchgangsbahnhof komplett ersetzt werden. Wo jetzt noch Schienen liegen, sollen künftig Wohn- und Gewerbebauten entstehen.
Der neue Bahnhof soll Ende 2017 fertig sein, der Probebetrieb 2019 aufgenommen werden. "Das neue Herz Europas" nennt die Bahn das Projekt im Netz. Ein breites Bündnis von Bürgern protestiert allerdings gegen den Umbau. Ihre Argumente: Der Tiefbahnhof sei betriebsschädlich, nicht bahnkundenfreundlich, umweltbelastend und viel zu teuer. Sie haben mit dem Projekt "Kopfbahnhof 21" ihre eigenen Pläne.
Trotzdem wurde der symbolische Baubeginn im Februar 2010 gefeiert, der Nordflügel des Kopfbahnhofs im September 2010 abgerissen. Ein Teil der Bauaufträge vergeben. Eine Schlichtung Ende 2010 schlug mögliche Verbesserungen unter der Bezeichnung "Stuttgart 21 Plus" vor. Das Protestbündnis hält jedoch an dem "Kopfbahnhof 21" fest.
Der Wechsel der Landesregierung in Baden-Württemberg sorgte für einen zeitweisen Baustopp. Im Koalitionsvertrag vereinbarten Grüne und SPD eine Volksabstimmung, in der die Bürger entscheiden, ob das Land die Co-Finanzierung von "Stuttgart 21" stoppen soll. Sie findet am 27. November 2011 statt.
Finanziert werden soll das Projekt von der Deutschen Bahn AG, dem Bund, dem Land Baden-Württemberg, der Stadt Stuttgart, dem Flughafen Stuttgart sowie dem Verband Region Stuttgart. Die Bauherren gehen offiziell davon aus, dass "Stuttgart 21" 4,1 Milliarden Euro kosten wird, halten sich aber eine "Risikoreserve" von 400 Millionen Euro zusätzlich offen. Unabhängige Bahnexperten haben allerdings wesentlich höhere Kosten errechnet.
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Leserkommentare
12.11.2010 12:25 | Johannes Spark
Das Geld: Wenn die Berechnungen der Deutschen Bahn so sicher sind,warum werden nicht die Verträge mit den Bau- und Au ...
05.11.2010 17:21 | hto
An den Gesichtern von Geißler, Gönner, Kefer & Co. kann man ablesen wie intrigant und blödsinnig diese "Schlichtung" ist.
05.11.2010 13:17 | Netzlupe
Ein "gutes Argument": Warum die Magistrale völlig irrelevant ist ...