Schlagermove in Hamburg

„Ireen, wer ist Ireen?“

Ob Heino, Norman Langen oder Ireen Sheer – wer auf dem Hamburger Schlagermove auftritt, ist den Besuchern egal, Hauptsache, sie können mitsingen.

Sie sind Fans, aber von wem, das ist nicht immer klar beim Schlagermove. Bild: dpa

HAMBURG taz | „Du kannst nicht immer siebzehn sein, Liebling, das kannst du nicht, lalala“, „So ein Tag, so wunderschön wie heuteeee“, „Griechischer Wein, dadada, ist so wie das Blut der Erde, komm‘, schenk dir ein“ Von allen Seiten dringt und dröhnt Musik. Musik, die jeder schon mal gehört hat, und wo jeder wenigstens die erste Zeile kennt.

Zwischen all den verschiedenen Liedquellen tummelt sich auf dem Heiligengeistfeld eine Masse von Menschen, die sich deutlich vom grauen Himmel abhebt: grüne, gelbe, lila Perücken, Blümchen in allen Variationen, Herzchen-Sonnenbrillen, Glitzerhüte, bunte Schlaghosen hier, neonfarbene Anzüge dort.

Das sehr farbenfrohe Völkchen vertreibt sich die Zeit, bis die After-Move-Party nach dem Umzug durch die Stadt beginnt. Eine Party, auf der Künstler auftreten wie Norman Langen, Willi Herren oder Ireen Sheer. Und Heino.

Ob irgendjemand unter den Tausenden von Schlagermove-Besuchern ihretwegen gekommen ist? Wegen Norman Langen? Würde jemand wegen des einstigen „Deutschland sucht den Superstar“-Sternchens von Flensburg anreisen oder sich aus Neugraben-Fischbek auf den Weg hierher machen? Oder zu Willi Herren? Der Stimmungskanone aus Köln? Bei Heino mag es anders aussehen, aber der ist im Gegensatz zu den beiden anderen Herren zu bekannt, um eine interessante Fan-Suche zu ergeben.

Also bleibt nur noch Ireen Sheer. Ireen Sheer? Ja, die mit dem Kopfweh. „Und heut‘ Abend, und heut‘ Abend, hab‘ ich Kopfweh, hab‘ ich Kofpweh.“ Vom Aussehen absolut undefinierbares Alter. Nicht mehr 30, so viel steht fest, aber ob 50, 60 oder 70, das ist nicht so richtig auszumachen.

Es könnte doch sein, dass ihretwegen Leute zum Schlagermove kommen, Leute, die nicht unbedingt einen bunten Viskoseanzug und einen Glitzerhut anhaben müssen. Sondern sich zwischen den aufblasbaren Gitarren, Blinkmikrofonen und Hawai-Girlanden allein dieser Frau zuwenden.

Wer tritt hier auf?

Da niemand ein T-Shirt trägt, auf dem dick Ireen steht, heißt es, direkt zu fragen: „Hallo, tolles Outfit, darf ich Euch fragen, warum Ihr heute hier seid, vielleicht wegen eines bestimmten Stars?“

Wolfgang im lilafarbenen Rüschen-Hemd, Sabine in bunter Latzhose und gelben Stirnband über der grünen Perücke sowie Jürgen im roten Synthetik-Anzug mit goldenen Schulterstücken, gucken etwas irritiert und sagen in rheinischem Singsang: „Nö, wir wissen nicht mal, wer nachher hier auftritt, wir wollen einfach nur Party!“ und: „Schlager sind Schlager, die Stimmung kommt von alleine.“

Alles klar, nächster Versuch, bei, wie sich herausstellt, Olli, Kalle und Willi, schon wieder aus Nordrhein-Westfalen. Auch die haben keine Ahnung, wer da eigentlich auftreten wird, sie wissen nur, dass es „Musik für unseren Jahrgang“ geben wird. Das sagt Olli, und der ist Jahrgang 64, seine beiden Freunde verziehen dabei säuerlich das Gesicht, weil sie zehn Jahre jünger sind.

Das Geile am Schlager

Aber dass die Musik die Generationen zusammenbringt, das ist für Frank, Jahrgang 79, genau „das Geile“ am Schlager. „Auf dem Schlagermove triffst du Leute, die sind älter und die sind jünger und alle schunkeln sie zusammen.“ Sagt Frank aus dem Münsterland und strahlt mit seinen blauen Augen über das ganze Gesicht. Seine beiden Kumpanen geben ihm recht und schwärmen davon, dass „Schlager verbindet“.

Das geht laut Thomas so: „Der Takt ist gleich, der Text wiederholt sich, da hat man schnell einen gemeinsamen Nenner.“ Und über Ireen Sheer sagt Thomas achselzuckend: „Die gehört halt dazu wie die Badehose zum Baden.“

Worauf Frank einfällt, dass doch schon seine Eltern Ireen Sheer gehört hätten, so wie den meisten viele der Schlager bereits aus Kindertagen bekannt sind. Man denke nur an „Ein bisschen Spaß muss sein“ oder „Mit 17 hat man noch Träume?“

Nach mehreren Bieren und etlichen Tanzaufforderungen geht es weiter. Irgendwo muss es doch wohl echte Ireen-Sheer-Fans geben. „Was suchen Sie? Heroin-Fans?“, fragt ein junges Mädchen im Dirndl und kreischt ihrer Freundin, ebenso im Dirndl-Look, zu. „Haha, nein, nicht Heroin. Ireen Sheer!“ „Ne, tut mir leid, noch nie gehört“, sagt jetzt die Freundin, um zu erzählen, dass sie aus Kappeln kämen – ah, einmal nicht aus Nordrhein-Westfalen – und dass sie bereits zum dritten Mal hier seien.

Die Antwort eines auffällig schick gekleideten jungen Mannes in grünem Baumwollhemd und Designblazer führt zur Kapitulation: „Wie bitte was? Kann man das trinken oder kann man das durch die Nase ziehen?“ Jetzt kann nur noch das Konzert selbst helfen.

Das Zelt ist proppenvoll und die Menschen mit ihren Hawaii-Girlanden und allerlei blinkendem Zubehör schmachten ihr zu, als die vermeintlich unbekannte Ireen Sheer auf die Bühne hüpft, auf ihren hohen, schwarzen Lack-High-Heels. In ihrem schwarzen Hosenanzug und ihrem silbernen Blazer sieht sie aus wie eine Gazelle, die kunstvoll immer mal wieder eine Pirouette dreht. Und die die Menschen sofort zum Mitsingen bringt: „Das ist Wahnsinn, einfach Wahnsinn. Waaaaaahnsinn, ich will mit dir die Sonne berühren!“

Beim wiederholten „Wahnsinn“ überschlagen sich die Stimmen und die Bohlen des Zeltes wippen. Ein Mann in nächster Nähe mit glitzerndem Hut und Herzchen-Sonnenbrille singt nicht „Wahnsinn“, sondern schreit es ungläubig: „Wahnsinn, wie lange es die schon gibt. Die hat doch schon Papa gehört.“ Um gleich noch mal „Wahnsinn“ zu schreien und sich zu wundern, dass die „immer gleich“ aussieht. „Wie Lena Valaitis, die sieht doch auch immer gleich aus.“

So, jetzt aber wieder mitsingen, denn Ireen brüllt: „Und jetzt alleeee!“ Doch dann scheint sich ihre Laune zu trüben, es ist, als ob sie ansetzen wollte, von einer schlechten Phase zu erzählen, aber es ist nur die dramatische Einleitung ihres wohl bekanntesten Gassenhauers: „Und heut‘ Abend, und heut‘ Abend, hab‘ ich Kopfweh, hab‘ ich Kopfweh, wenn du sagst, wenn du sagst, komm‘ doch her, komm‘ doch her.“

Bekannter als Merkel

Da ist es nicht weit bis zur Hölle. Hölle. Hölle. Hölle. Klar, von Wolfgang Petry. „So ein Wahnsinn, warum schickst du mich in die Hölle?“ (so, und jetzt dreimal „Hölle“ rufen). Wolfgang Petry füllt, aufgelegt von einem DJ im goldenen Paillettenanzug, die Lücke zwischen Star Ireen und jenem Star, der laut Moderator „bekannter ist als die Bundeskanzlerin“, dem Star mit den fünf Buchstaben – klar, natürlich: Heino!

Und bei ihm ist es wie mit Ireen. Den gibt es doch einfach schon ewig. Der war doch schon immer da. Den haben auch schon Papa und Mama gehört. Damals, als alle noch die Samstagabend-Unterhaltungssendungen geguckt haben.

Und da steht der immer noch. Und singt. Mit seiner tiefen Stimme. Die Halle bebt und die Bohlen wippen, man hält sich schwitzend zusammen an den Händen, hat die Arme gemeinsam nach oben gestreckt und schunkelt wie wahnsinnig.

Ob jetzt noch Ireen-Sheer-Fans da sind? Oder ob die wohl draußen stehen und sich über das gelungene Konzert freuen? „Ireen wie? Wer soll das sein?“ Okay, was soll‘s, das wird heute wohl nichts mehr. Der Himmel ist mittlerweile dunkelgrau und von irgendeinem anderen Zelt ertönt ein Schlager, der zurzeit nicht nur Schlagerfans in Atem hält: „Atemlos durch die Nacht.“ Von Helene Fischer.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de