Die Messe Bremen will mit der "Leben und Tod" den Tod enttabuisieren - und geht einen schmalen Grat zwischen Sterbekommerz und Trauerbedürfnisvon FELIX ZIMMERMANN

Facettenreich ist der Totenkult Bild: Archiv
Unfreiwillig mag der Ort, an dem die Messe Bremen ihre neueste Nischen-Messe vorstellt, passend erscheinen: Hinab geht es in den verschachtelten Keller des Hauses am Schütting, dort unten, grufthaft, wenn es nicht einigermaßen elegant dort wäre, umweht von feuchter Kühle, abgewandt vom Licht des frühsommerlichen Tages, geht es ums Sterben.
"Leben und Tod" heißt die Veranstaltung, die die Messe für den 6. und 7. Mai ins Programm genommen hat, "Leben" aber wohl nur, weil "Tod" ohne es nicht vorstellbar wäre, denn allein um ihn soll es in Halle 4 der Messe gehen. Tod, der in unseren Breiten längst tabuisierte Teil des Seins, der uns allen nicht erspart bleiben wird - über ihn, so sagt es der aus Hildesheim angereiste Ulrich Domdey, müsse geredet werden, in aller Offenheit, weil es viel zu bereden gibt. Domdey arbeitet beim Bischöflichen Generalvikariat seines Bistums, er leitet dort die Diözesanstelle Hospiz- und Palliativarbeit.
Ihm ist, man spürt es, das Thema ein Anliegen, weil er um die wichtige Rolle der ambulanten und stationären Hospize weiß. Die große Mehrheit der Menschen möchte zu Hause sterben, nur 15 Prozent von ihnen aber sei es beschieden, weswegen er die Hospizbewegung, die das ermöglicht, stärken, ja, daraus eine Gesellschaft entwickeln möchte, in der es normal wird, dass Nachbarn ihre todkranken Mitmenschen pflegen und begleiten, so wie es früher normal war, wenn man in der häuslichen Gemeinschaft dahin schied.
Eine kühne Vision. Ob sie sich verwirklichen lasse? Domdey selbst ist skeptisch, aber damit ist das Thema vorgegeben: Der Tod an sich müsse aus der dunklen Ecke geholt werden, deshalb sei er froh, dass dies nun eben in einer großen, lichtdurchfluteten Messehalle geschehen könne.
Dort sollen die Menschen ins Gespräch kommen, Fachbesucher und Öffentlichkeit. Vorträge wird es geben über Patientenverfügungen, über trauernde Kinder und das immer breiter werdende Spektrum an Bestattungsarten. Bestatter werden dort sein, Künstler, die aus Fingerabdrücken Goldschmuck zur Erinnerung der Hinterbliebenen machen, ein Hersteller bunter Särge aus dem Allgäu. Man darf gespannt sein, inwieweit sich der Ernst des Themas, die Stille, die Tod und Trauer erzeugen und auch verlangen, mit einer Veranstaltung vertragen werden, die natürlich auch deshalb von der Messe Bremen erdacht wurde, weil Sterben längst ein Wirtschaftsfaktor ist. Wer in diesen Zeiten Sterbende begleitet und sich auf Trauerfeiern von ihnen verabschiedet, sieht ja mitunter den Sarg nicht mehr, weil Bestatter sich im, ja, Kampf um den Kunden mit Trauerschmuck und Sargausstaffierungen überbieten. Auch darüber wird zu reden sein in Halle 4, wenn es um Leben und Tod geht.
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