Rummel in Berlin

Gewinne, Gewinne, Gewinne

Lose, Mandeln, Helene Fischer: Im Frühling muss man auf den Rummel. Bei den „Neuköllner Maientagen“.

Eine Karuell in der Dämmerung, bunt beleuchtet

Endlich gehen die Lichter an Foto: Michael Brake

Pommes für alle

Der Pony ist schief, die Hose ist Jogging, das T-Shirt-Motiv ein großes Tier. Der Mann spricht in sein Smartphone, aber man kann nicht hören, in welcher Sprache, und so ist es unmöglich zu erkennen: Ist das jetzt ein Hipster? Oder Eckkneipenprekariat?

Es gibt mehrere dieser Typen­ auf den Maien­tagen. Neukölln ist parallelgesellschaftlich organisiert und alle sind sie gekommen: die biodeutschen Alteinwohner, die ein wenig glasig vor ihrem Fassbier an der Freiluftbühne sitzen. Die spindeldürren jungen Spanier, die sich vor dem Riesenrad fotografieren.

Die türkischen, arabischen, libanesischen Familien mit ihren vielen kleinen Kindern, die es gut haben hier, weil sie aufbleiben dürfen bis in der Dämmerung endlich die Lichter angehen. Das gut gealterte Schwulenpärchen, das am Flipper steht und zur Musik mitsummt. Das FrauenLesben-Wohnprojekt auf Klassenfahrt mit Refugees-welcome-Shirts und selbstgebrachten Getränken. Die Teenie­pärchen. Und wir.

Wie auf der Berliner Sonnenallee, Hermannstraße, Weserstraße laufen die Gruppen aneinander vorbei und doch ist etwas anders hier. Alle haben die gleichen Ziele, den gleichen Antrieb: Kind sein oder die Jugend für zwei Stunden zurückholen. Was immer funktioniert, selbst wenn es im Hipster-Fall als ironische Pose beginnt. Nach spätestens einer Stunde haben die Maientage uns alle: in der Achterbahn schreien. Die Greif-Automaten überlisten und doch scheitern. Dosen werfen. Pommes essen und diese Champignons, die es nur auf Jahrmärkten gibt. Und Zuckerwatte! Wenn Integration irgendwo gelingt, dann auf dem Jahrmarkt.

Nur an einem einzigen Ding nicht, es steht ein wenig abseits, gegenüber vom WC-Container von Pipi Meyer: ein Punchingball. Wenn man ihn boxt, gibt es eine Punktzahl, je nach Wucht: 89,4. 98,7. 94,4. Drumherum: 25 Jungs, Männer, irgendwo dazwischen. Alle muskulös, fast alle mit Migrationshintergrund. Die letzte Parallelgesellschaft der Maientage. Michael Brake

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Wurm willst du sein

Ach, denkst Du beim Abschließen der Fahrräder im Angesicht eines in seinem Busch vor sich hin baumelnden Wurms, wärest Du nicht lieber der, genau der? Von der Hasenheide wehen nur sanfte Weisen herüber, in die Luft mischt sich ein Hauch von Zuckerwatten-Mandeln-Bratwurst-Schmieröl-Aroma, es ist dies beides das sachte, schöne Destillat dessen, was Dich sogleich mit voller Wucht treffen wird.

Bumm, bumm, bumm.

Wurm, oh Wurm, Du glückliches, baumelndes Wesen, kannst hier bleiben.

Aber! Du hast es den beiden versprochen, Tochter und Freundin, im Alter derer, die dem Kinderkarussell gerade entwachsen sind. Initiation quasi, und das auf dem unmöglichsten und zugleich schönsten aller Rummelplätze. Kirmes in einer Kuhle im Wald, die Schausteller haben alles aufgeboten, was sie an Holzklötzen hatten, um ihre Wohnwagen und Fahrgeschäfte in die Waagrechte zu bringen.

Ist es nicht wunderbar? Jahrmarkt mitten in der Riesenstadt, die dahinter zusammenschmilzt, zurücktritt, dem Umherwirbeln, dem Glücksspiel, der roten Schießbudenrose Raum gibt. Selbst die oberste Antenne auf dem Fernsehturm am Alexanderplatz, rot-weiß-gestreift und in der Ferne, macht mit und sieht aus wie eine lange, süße Zuckerstange, umgeben von frühsommerlichem Laubgrün.

Die beiden schleppen Dich in ein Fahrgeschäft namens „Magic“. Drehende Körbchen, in denen man sitzt, auf einer rotierenden Scheibe, sie wechseln jäh die Richtung und lassen Dich an Schleudertraumata denken, mindestens aber an den Wurm. Ist die Freundin nicht viel zu dünn und rutscht jeden Moment unter dem Sicherheitsbügel hindurch? Deine Tochter wimmert nur noch. „Und wenn das nie mehr aufhört?“ – „Gleich haben wir's geschafft, wirklich.“ Aber es ist nichts los heute, der Mann in der Chefkanzel lässt sich nicht lumpen. „Magic“ dreht und dreht sich, Du hältst sie im Arm, so gut es geht. Nochmalundnochmalundnocheinedrehung.

Uff! Du bist zu alt dafür. Du kannst das nicht mehr. Konntest Du es je?

Die beiden wollen sofort wieder rein, Du musst Dich setzen. Am Kassenhäuschen steht zum Glück: 6- bis 8-Jährige nur in Begleitung Erwachsener. Und sie sehen: Du nicht mehr.

Morgen wieder. Felix Zimmermann

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Eine Karuell in der Dämmerung, bunt beleuchtet

„Eine neue Runde, eine neue Runde“ Foto: Michael Brake

Gondel Nr. 12

In den Neunzigern gab es einen Hit, der einmal pro Abend in Dorfdiscos gespielt wurde – und schon bei den ersten Takten fingen die Jugendlichen an, eine Choreografie zu tanzen, die eine halbe Stunde dauern konnte und besonders zu beherrschen schien, wer eine lässige Drehung in den Reih-und-Glied-Tanz improvisieren konnte. Ein Mädchen namens Lil Suzy sang den Hit, und er ging so: Take me, take me in your aaaaarms.

Heute gibt es genau einen Ort, an dem dieser Song noch vorstellbar wäre, und das ist im unsterblichsten Fahrgerät eines jeden Jahrmarkts: Break Dance. Der Rummelmagnet, der seit wahrscheinlich immer existiert, zumindest für eine Generation der Etwa-dreißig-Jährigen; mit seinen sich vor-zurück-vorziehenden, an den Rückseiten rot-grün-rot blinkenden Gondeln ist Break Dance, was die Schiffschaukel nach dem Krieg war, das Riesenrad in cool. Man findet sich vor einer Wand wieder, auf die eine Fantasielandschaft gesprayt ist: eine Graffiti-Skyline, über der ein Graffiti-Helikopter schwebt. Und aus der Wand ragen Markisen, auf denen die Namen von Rappern stehen, als gäbe das – heute, am Familientag – mitfahrenden Kindern und Müttern die nötige Street Cred.

Bushido. Eminem. 50 Cent.

Nichts folgt einer Logik, alles gilt dem nächsten Moment. Wie der Chip in der Hand liegt, allein. Wie man plötzlich Teil einer Gemeinschaft ist, die nicht altert. Gemeinsam rennt man über eine Plattform aus Metall und formt das Break-Dance-Geräusch: Klack, klack, Platz weg, Nächster. „Sie sitzen in Gondel Nr. 12“.

Man sieht noch den Helden der Jugend hinterher, den Chips-Einsammlern, die immer eine Runde mitfahren, bevor sie abspringen. Dann verdeckt Nebel die Sicht, der Magen zieht, als sei man verliebt, Gelächter, Schreie, die Haare fliegen, „uuund, könnt ihr noch?“, fragt einer hinterm Mikro, und wer weiß, vielleicht spielt er gleich Lil Suzy – „wollt ihr noch mal?“ Auf keinen Fall. Oder doch. Annabelle Seubert

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„Allet dreht sich“

XXL-Krake, der Anheizer

„Mama oder Papa müssen mitfahren. Wenn die keenen Bock haben, haben die Kleenen Pech jehabt.“

„Eins, zwei, los jeht’s.“

„Allet dreht sich, allet bewegt sich. Have a break, have a kitkat.“

Kamelrennen, der Besitzer

„Wenn du dich nicht benehmen willst, gehst du besser weiter.“

„Wenn du noch einen Ball drüber wirfst, fliegst du.“

„Ich warne dich, Kamerad.“

„Wer nicht verlieren kann, darf nicht spielen.“

Neben dem Greifer, zwei junge Männer

„Riesenrad? Kann ich nur bekifft.“

„Hab nix dabei.“

„Wir sind doch in der Hasenheide, kein Problem.“

Shaker, der Anheizer

„Wenn ich euch hier so sehe, hoffe ich, dass ihr vorher noch ein Selfie gemacht habt. Damit eurer Frisör morgen auch weiß, was er machen muss.“

Vor der Bühne, Reporter 1

„Ich muss nochmal zum Greifer. Ich schmeiß da mein ganzes Geld rein.“

Losbude, der Anheizer

„So, gucke mal hier, was habt ihr denn? Vier Farben braucht ihr.“

„Gewinne, Gewinne, Gewinne.“

„200? Ein Wackeldackel.“

„Einmal mitmachen, einmal Lose, einmal spielen, einmal gewinnen.“

„Gewinne, Gewinne, Gewinne.“

„Vier Farben. Rot, Gelb, Schwarz, Blau. 4.000 Punkte.“

„Ein Los und noch ein Los, und noch ein Los.“

„Gewinne, Gewinne, Gewinne.“

„Leopard, Anhänger, Teddy.“

„Gewinne, Gewinne, Gewinne.“

Auf der Bühne, die Sängerin

„Du hast mich tausend Mal belogen, du hast mich tausend Mal verletzt. Ich bin mit dir so hoch geflogen. Doch der Himmel war besetzt.“

„Habt ihr schon das neue Album von Helene Fischer?“

Vor der Bühne, Reporter 2

„Noch stehen wir hier ironisch.“ Paul Wrusch

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