Roman zur Chemiekatastrophe von Bhopal

Aufrechter Gang und Sex

In Indra Sinhas Roman "Menschentier" sprechen die Opfer der Chemiekatastrophe von Bhopal. Der Roman spielt rund 20 Jahre nach der Katastrophe. von Shirin Sojitrawalla

Überlebende der Katastrophe protestieren gegen den Olympia-2012 -Sponsor Dow Chemical.  Bild:  dpa

Animal ist ein Ich-Erzähler wie kein zweiter: ein verkrüppelter Vielschwätzer - ungewaschen und rotzfrech; ein 19 Jahre alter Straßenjunge, der sich nur auf allen vieren fortbewegt, weil er Opfer einer Chemiekatastrophe wurde. Er lebt in Khaufpur, einer fiktiven Stadt in Indien, die wir uns als Bhopal, Hauptstadt von Madhya Pradesh in Zentralindien, denken dürfen. Dort drangen am 3. Dezember 1984 aus einer Düngemittelfabrik bis zu 40 Tonnen des Giftgases Methylisocyanat.

Etwa 7.000 Menschen sind damals gestorben, 22.000 weitere in den nächsten Jahren, und rund 500.000 leiden bis heute unter den Nachwirkungen. Die Giftgaskatastrophe von Bhopal gilt als der größte Chemieunfall aller Zeiten. Der US-amerikanische Konzern Union Carbide sowie seine Rechtsnachfolgerin Dow Chemical scherten und scheren sich herzlich wenig um die Opfer sowie das immer noch verseuchte Gelände.

So viel zum Hintergrund dieses Romans, der in der von Ilija Trojanow herausgegebenen Reihe "Weltlese" in der Edition Büchergilde erscheint. Warum der Schriftsteller Indra Sinha sich die Mühe gemacht hat, eine Stadt zu erfinden, in der sich das alles abgespielt hat, ist nicht ganz einsichtig. Sei's drum: Khaufpur, Stadt des Schreckens, nennt er sie. Der Roman spielt rund 20 Jahre nach der Katastrophe.

Quasimodo-Mowgli

Die Überlebenden versuchen den amerikanischen Konzern zu belangen. Elli, eine Ärztin aus Amerika, kommt in die Stadt, um sich um die Überlebenden zu kümmern. Wer auf welcher Seite steht, wer welche Interessen verfolgt und was sonst noch in Khaufpur geschieht und geschehen ist, erfahren die Leser von Animal, dem Menschentier. Eine Art Quasimodo-Mowgli, der weder lesen noch schreiben kann, weswegen er alles auf Kassetten spricht. 23 Kassetten insgesamt, deren Abschriften den Roman bilden.

Dabei spricht Animal, wie ihm der Schnabel gewachsen ist: grammatikalisch und politisch höchst inkorrekt: Subjekt, Prädikat und Objekt bilden für ihn eine beliebige Dreierkette, Endsilben verschluckt er wie nichts und der Genitiv ist ihm so wurscht wie der Akkusativ schon längst.

Wunderbarer Eigensinn des indischen Englisch

Susanne Urban überträgt das erfrischende Kauderwelsch lustvoll ins Deutsche und belässt die Französisch- und Hindi-Einsprengsel im Original. Dabei lebt die kindlich aufgeheiterte Sprache von Wortneuschöpfungen und Verballhornungen, die sich auch dem wunderbaren Eigensinn des indischen Englisch verdanken. Das Internet wird zum Internest, der Journalist zu Schurnaliss und der amerikanische Konzern firmiert als Kampani aus USA. Ein Stethoskop nennt Animal Doktorbaumelding. Dabei spricht er den einzelnen Leser direkt an, duzt ihn kumpelhaft und verleiht ihm den Spitznamen "Auge".

Sprachwitz und Erzählübermut verhindern aber nicht, dass einem dieser Ich-Erzähler mitsamt seiner eingenommenen Hundeperspektive im Laufe der 500 Seiten zuweilen auf die Nerven geht. Zwei Dinge bloß stehen auf Animals persönlicher To-do-Liste: der aufrechte Gang und Sex. Seine Esmeralda heißt Nisha, die sich aber schon dem Politaktivisten Zafar versprochen hat. Ärztin Elli, die eine zarte Liebesgeschichte mit Nishas Vater beginnt, soll sein verbogenes Rückgrat richten. Animal selbst bezeichnet sich schon mal als "gefühlloses kleines Arschloch".

Keiner kümmert sich um die Opfer

Er erweist sich als pimmelfixierter, pubertärer Sonderling, der zum Ende hin immer wirrer erzählt. Doch selbst dann bleibt immer noch die von der Weltöffentlichkeit vergessene Katastrophe von Bhopal, die der Roman turbulent umkreist. Indra Sinha, 1950 in Bombay geboren, ist Mitbegründer des Bhopal Medical Appeal, das den Opfern freie medizinische Versorgung bietet.

Ein Satz wie "In diesem Land gehen anständige Leute nicht in die Politik" erweist sich nur an der Oberfläche als Bonmot. Denn genauso wenig wie die Kampani kümmert sich die indische Regierung um die Opfer und das verseuchte Gelände. Dies ins Bewusstsein zu rücken, ist das große Verdienst dieses Romans.

Dieser Artikel ...

ist mir was wert!