• 14.08.2008

Roland Barthes schreibt übers Schreiben

Das Sein im Werden

Der Philosoph Roland Barthes scheiterte daran, einen Roman zu schreiben. Diese Erfahrung wurde Thema seiner Vorlesung am Collège de France und seines Buches.von MANUEL KARASEK

Romanschreiben als Suche nach sich selbst. Damals wie heute.  Bild:  ap

Sich über das Wetter zu unterhalten, ist, so könnte man meinen, eine banale Angelegenheit. Roland Barthes weist allerdings in seiner Vorlesungsreihe "Die Vorbereitung des Romans", die jetzt das erste Mal in deutscher Übersetzung erschienen ist, darauf hin, dass das Wetter für den Menschen einst einen anderen Stellenwert hatte.

Die Wechselbeziehung zwischen den Jahreszeiten und den Menschen, die von der Jagd und der Landwirtschaft abhängig waren, war verbunden mit der Überlebensfrage - und die bedrohliche Abhängigkeit von den Naturbedingungen hat sich laut Barthes dann in unseren heutigen alltäglichen Gesprächen über das Wetter noch erhalten.

Das mag man jetzt als einen nicht sonderlich kühnen Gedankensprung empfinden. Man täuscht sich aber - wie einen auch die Abhandlung schon nach wenigen Seiten durch ihre zahlreichen verspielten Ableitungen, Exkurse, Abschweifungen gefangen nimmt. Ein außerordentlich geistreiches, ja großes Buch ist das - und leider die letzte Arbeit des französischen Strukturalisten, der 1980 bei einem Autounfall ums Leben kam.

Hauptsächlich geht es in diesen knapp 600 Seiten um eine Auseinandersetzung mit Prousts Roman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit". Barthes Ausgangsthese lautet, dass dieses Werk, das zu den großen literarischen Paradigmen der Moderne gehört, die Schreibabsicht und Schreibfantasie des Verfassers enthält. Das heißt, dass der Autor implizit die Vorbedingungen und Wegstrecken, die zu der Vollendung des Romans führten, mitthematisierte. Es steckt in Prousts Schreiben auch eine Theorie, die sich mit der "Vorbereitung des Romans" beschäftigt.

Behandelt Barthes auf der einen Ebene einen klassisch literaturtheoretischen Aspekt, so wechselt er rasch in einen hypothetischen Bereich - ohne allerdings das literaturwissenschaftliche Feld gänzlich zu verlassen. Er erzählt, dass er das überwältigende Bedürfnis verspürt habe, selber einen Roman zu schreiben. Doch die Grundvoraussetzung, um überhaupt einen solchen zu produzieren - nämlich ein gutes Gedächtnis -, habe ihm gefehlt. So habe er eine Vorlesung verfasst, die sich damit beschäftige, wie er, Barthes, sich darauf vorbereite, einen Roman zu schreiben.

Der scheinbar außertheoretische Rahmen könnte beinahe wie ein Erklärungsnotstand anmuten. Es ist jedoch sofort der interdisziplinäre Sprung erkennbar, der dem Buch diesen außergewöhnlich frischen Anstrich verleiht. Denn Barthes Methodik verzahnt auf knappem Raum eine Vielzahl an Bedeutungen.

Er verweist mit seiner subjektiven Herangehensweise auf den subjektiv-dialektischen Kern des Icherzählers in Prousts Werk, die Nähe zum Autobiografischen; gleichzeitig ist dieser Icherzähler aber keineswegs identisch mit dem Verfasser. Und Barthes arbeitet heraus, dass das kulturelle Selbstverständnis im Abendland dazu neigt, das Allgemeingültige dem Besonderen vorzuziehen. Dem Verzicht auf das Besondere begegnet Barthes schließlich mit der erhellenden Beschäftigung mit einer dem Roman entgegensetzten Form: dem Haiku.

Die kurze, drei Verse lange Minimaleinheit aus Japan liest er gegen die abendländische Weitschweifigkeit des Romans von Proust - und baut ein aufregendes Netz von Vergleichen auf, in denen die Gegensätze von östlichem und westlichem Denken sich verfangen, voneinander lösen und schließlich im Licht des Erkenntnisprozesses an Klarheit gewinnen.

Barthes kann wunderbar erläutern, wie sich im Abendland im historischen Verlauf das Verständnis von Bedeutung an Ausdehnung und Maximierung orientierte, während in Asien die Reduktion zum ethischen wie ästhetischen Maßstab wurde. Er kann subtil die Momente aufleuchten lassen, in denen beide Kulturen ihre Grundmuster erstellten und weiterentwickelten: In Europa bekamen Texte jenen Charakter aus modulierten Übergängen, denen sie dann ihre Größe, aber auch ihre Aufplusterung verdankten.

In Japan wurde die Kunst des Haikus von Intervallsprüngen und vom Verzicht auf das Exemplarische bestimmt. Gleichzeitig lenkt Barthes den Blick auf eine unaufdringliche Didaktik des Verständnisses ganz unterschiedlicher Textformen und Lesarten.

Sein Buch, das zunächst von einem aparten Gedanken getragen wird, erweist sich schließlich als katalogisierende Überprüfung literarischer und philosophischer Ideen. Oftmals schrieb Barthes seine Sätze nicht aus, da er wusste, dass Stichworte für seine Vorlesung reichen würden. Dadurch entsteht der Eindruck eines Notizheftes, das wiederum an die aphoristischen Methoden von Ludwig Wittgenstein, Friedrich Nietzsche und Blaise Pascal erinnert.

Dass sich Barthes längst in der Nähe seiner bedeutenden Vorgänger befindet, weiß man spätestens nach der Lektüre dieses Buches.

<typohead type="5">Roland Barthes: "Die Vorbereitung des Romans". Aus dem

Französischen von Horst Brühmann. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2008, 569

Seiten, 18 €</typohead>

Dieser Artikel ...

ist mir was wert!