Ein Workshop zu den "Mythen des Alltags" im Berliner Zentrum für Literatur- und Kulturforschung beschäftigte sich mit der Wirkung des Klassikers. von Katrin Bettina Müller

"Leidenschaft als großer feuchter Schwamm", Roland Barthes. Bild: photocase/mys
Das Theater "muß um jeden Preis ,kochen', das heißt zugleich brennen und sich verströmen; daher die feuchten Formen dieser Verausgabung. In einem neuen Stück verströmen sich die beiden männlichen Partner in Flüssigkeiten aller Art, Tränen, Schweiß, Speichel. Man hatte den Eindruck, einer entsetzlichen körperlichen Anstrengung beizuwohnen, einem ungeheuren Auswringen der inneren Gewebe, als ob die Leidenschaft ein großer feuchter Schwamm wäre." So schrieb, nein nicht etwa ein Kritiker der Berliner Volksbühne oder des Regietheaters allgemein zu Beginn unseres Jahrhunderts, sondern Roland Barthes zu den "Mythen des Jungen Theaters" im Frankreich der 50er Jahre. Und er fuhr fort, zu erläutern, wie mit diesem Einsatz der Schauspieler Leidenschaft zu einer berechenbaren Ware wird, die der Besucher im Tausch gegen sein Eintrittsgeld erhält.
Der Text stammt aus Roland Barthes "Mythen des Alltags", 1964 erstmals in einer gekürzten Ausgabe auf Deutsch in der edition suhrkamp erschienen und 2010 in einer vollständigen Neuübersetzung, 54 statt 19 Essays. Barthes ist heute ein kanonisierter Klassiker der Zeichentheorie und der Kulturwissenschaft: Der Frage, wo seine Lektüre und seine methodischen Ansätze vor allem ein Dokument der 1950er Jahre sind und wo sie weiter produktiv werden können, widmete sich in Berlin ein zweitägiger Workshop des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung. Und fast in jedem Vortrag zeigte sich, dass Barthes Schweifen durch unterschiedlichste kulturelle Milieus wie Kino, Catchen, Tour de France und die französische Küche auch seine gelehrten Interpreten beflügelte, über die Grenzen wissenschaftlicher Fächer hinwegzudenken und es auch auf Unterhaltsamkeit anzulegen.
Das begann schon im Vortrag von Horst Brühmann, Übersetzer der neuen Ausgabe, der auf die deutsche Rezeption von Barthes zurückblickte: auf den Übersetzer Helmut Scheffel, der nur zwei Monate Zeit hatte, in den Ferien auf einem Dorf übersetzte, ohne "Wikipedia und ohne Bibliothek", ein heute kaum vorstellbares Unterfangen. Wie das Buch mit seinem theoretischen Anhang quasi die Rolle eines Schnupperkurses in Strukturalismus und Semiologie erfüllte, zu einer Zeit, als es von Althusser, Foucault und Lacan noch keine Texte in Deutsch gab und man von den Strukturalisten mehr nicht wusste, als dass sie in Opposition zu Sartre standen. Und wie er selbst, als Student in den Siebzigern in Frankfurt, auf einer Veranstaltung des SDS zum ersten Mal von Barthes hörte, den Text aber bald enttäuscht weglegte, fanden sich darin doch kaum Instrumente, der Revolution auf die Sprünge zu helfen.
Ein wiederholter Gegenstand der Diskussion war Barthes Ideologiekritik: Ob er den amerikanischen Gangsterfilm, französischen Striptease oder ein Vorläuferformat der Homestory, "Der Schriftsteller in Ferien", bespricht - immer zeigt er, wie das vermeintlich Widerständige zum Erhalt der Ordnung beiträgt. Die ökonomische Ausbeutung als System wird etwa mit der Gangsterfigur als Einzelgänger kaschiert oder eine möglicherweise grenzüberschreitende Erotik eben im Striptease kontrollierbar gemacht. "Das sollte man mal Islamisten zu lesen geben", meinte die Schriftstellerin Yoko Tawada in ihrem gut gelaunten Text über "Nationalisierung der Erotik". Sie und andere plädierten dafür, dass Barthes Ideologiekritik anders als die der Frankfurter Schule nicht den moralischen Zeigefinger erhebt, nicht das Leben im falschen Bewusstsein zum Vorwurf erhebt. Antrieb des Autors seien eben auch Spiellust und Heiterkeit.
Auch Ottmar Ette, unter anderem ein Biograf Barthes, ging es darum, in Barthes Zeit- und Zeichenanalysen mehr als nur eine Beispielsammlung strukturalistischer Texte zu sehen. Ette verfolgte eine Linie, die Barthes einerseits mit Balzac und dessen "Comedie Humaine" verband, einer Durchdringung des Lebens in seiner Gesamtheit, die aber andererseits nicht in epischer Breite, sondern in Textinseln ausgeleuchtet werde.
Die 50er Jahre in Frankreich waren eine mythisch aufgeladene Zeit, die Résistance und der Antikommunismus verankerten sich im Image der französischen Nation. Auch wenn dies selten direkt in Barthes Texten angesprochen ist, so zeigen sie doch gerade, wie "die Nationalismen im Alltag wohnen", sagte Anne-Kathrin Reulecke, die den Workshop zusammen mit Mona Körte initiiert hat.
Zu den Texten, die der früheren deutschen Ausgabe fehlten, gehört die "Afrikanische Grammatik" über den Kolonialismus. Dirk Naguschewski erläuterte, wie der zuerst nur auf Nordafrika bezogene Text schließlich für den ganzen Kontinent stand. Er ist ungewöhnlich in der Sammlung, ist er doch als einziger lexikalisch aufgebaut und listet jene Begriffe, hinter denen sich in politischen Verlautbarungen das Nichtsagen verbirgt, das Verstecken von Rassismus und Unterdrückung. Dem Sprachkritiker Barthes kam hier ausnahmsweise seine Leichtigkeit abhanden, kein Wunder bei dem Thema.
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