Jochen Distelmeyer gibt sein Solokonzertdebüt in Hannover. Überzeugend vor allem in der Härte, aber noch nicht befreit von der Vergangenheit.von JULIAN WEBER
Ein aufgelassenes Kasernengelände, citynah. Die Mauern sind mit Graffiti übersäht. Ja, es gibt sie noch, unsere heile Jugendzentrumswelt. Nur sieht man in Hannovers "Café Glocksee" altes Gemüse, soweit man blickt. Adrett gekleidete, höflich murmelnde Menschen zwischen 30 und 40; an die 300 Zuschauer mögen an diesem lauen Sommerabend gekommen sein und vertreiben sich die Wartezeit aufs Konzert mit Biertrinken unter freiem Himmel. Zwischen "Ruby Tuesday"-Clubnacht und "Pump up your Volume"-Party steht immerhin das Comeback des Jahres im Programmheft angekündigt. In Hannover werde perfektes Hochdeutsch gesprochen, heißt es. Aber deshalb hat Jochen Distelmeyer den Ort wohl nicht für sein Solodebütkonzert gewählt. Oder will er an die seligen Zeiten von Punk und Neuer Deutscher Welle anknüpfen? Damals, Ende der Siebziger, als Hannover in No Fun Records ein unabhängiges Label hatte und überregional bekannte Bands hervorbrachte, die just im Café Glocksee zu Hause waren.
Am 25. September wird Distelmeyers erstes Soloalbum erscheinen. "Heavy" soll es heißen. Heavy wie schwer, hart, böse? Für die Herbst-Tournee spielt er sich jetzt warm. Und die vierköpfige Begleitband, die fast unbemerkt die Bühne entert, gibt sich auch alle Mühe: Zu zweit, manchmal auch zu dritt bedienen sie die Gitarren. Das schafft metallharten Druck, der von einem Hau-drauf-Schlagzeuger noch mit humorlosem Rhythmusgefühl betont wird. Es sieht nicht nur danach aus - es klingt auch wirklich heavy.
Und da steht er auch schon im schwarzen Hemd, Distelmeyer - the Wild One - und singt klar und deutlich: "Wohin mit dem Hass, den ich in mir spür'". Die ersten Zeilen aus dem ersten neuen Song, der Refrain ertönt gleich zu Anfang. "Wohin mit dem Hass" ist klassisches Rock-n-Roll-Aufwieglertum: ein Summertime Blues, in dem Nobelkarossen brennen und Hass wie Krebs wuchert.
Distelmeyer singt die Signalworte, als wären sie gelb unterstrichen: "Misstrauen", "Neid", "Hohn", "Spott". Souverän verwandelt er die ganze Niedertracht in fräsende Jello-Biafra-Härte, am Vorabend des Dead-Kennedys-Albums "Fresh Fruit for rotting vegetables". Das passt. "Einfach so", der zweite Song - wieder uptempo, wieder hart und gemein -, beschreibt Gewaltakte, die scheinbar motivationslos begangen worden sind. "Einfach so" schiebt Distelmeyer als Pointe nach, leicht zeitversetzt, während sich Benny Zeil am Schlagzeug in Reduktion übt und stumpf auf seine Blechtrommel eindrischt. Das ist die hohe Kunst des Songwritings. Erst nach Song Nummer drei, "Er", gönnt Distelmeyer dem Publikum eine Atempause: kurz und bündig fällt seine Begrüßungsansprache aus. Die ersten aufmunternden "Jochen"- Rufe ertönen. Dieser muss sich auch nicht groß ins Zeug legen, freundlich grinsend kneift Distelmeyer im nächsten Moment die Augen zusammen, ein bisschen wie der US-Schauspieler Lee van Cleef, wenn er in einem Italowestern die Knarre anlegt.
Dem Anfangsdruck des Konzerts kann die Band allerdings nicht standhalten. Es mag an "Lass uns Liebe sein" liegen, der ersten Single-Auskopplung des neuen Albums, einer Ballade, die Distelmeyer von seiner milden Art zeigt, aber vom Anfangskonzept zu stark abweicht. Auch die zwischen die neuen Songs eingeschobenen Blumfeld-Lieder wackeln hie und da noch etwas. "Alles macht weiter", "Verstärker", "Eintragung ins Nichts", das hat man schon oft und manchmal auch besser gehört. Andererseits will das dankbare Hannoveraner Publikum mit genau diesen Evergreens abgeholt werden. Höflich brandet der Applaus. Höflich riecht sogar der Schweiß. So viel Eintracht macht mulmig. Zum Glück werden dann auch wieder härtere Seiten aufgezogen. Ein neuer Song namens "Hinter der Musik" mit den Zeilen "Amoklaufen/Komasaufen/Unterm schlechten Stern" macht die selbstzufriedenen Midtempo-Songs der Blumfeld-Spätphase mit einem Schlag vergessen. Nur, diejenigen, um die es in dem Song geht, hören gar nicht zu. Den anwesenden Hannoveranern steht der Sinn nun nach Animation. Und so lässt Distelmeyer zu den Klängen von "Status Quo Vadis" getrennt nach Geschlechtern mitsingen. "Quo Vadis" (Männer), "Ich und Du, dem Leben zu" (Frauen). Ein Kirchentag ist nichts dagegen. Versöhnlich dagegen der Christian-Anders-hafte psychedelische Rausschmeißersong "Moll", zu dem auch die Tresenkräfte applaudieren: "Am Ende ist es nur ein Song/Und ich flieg davon".
Andererseits will das dankbare Hannoveraner Publikum mit genau diesen Evergreens abgeholt werden
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Leserkommentare
10.08.2009 23:11 | barbara
Natürlich ist es Quatsch, das Popmusik immer von Papis für Papis war. Und natürlich waren sehr junge Mädchen zunächst die H ...
17.07.2009 22:50 | Peter
@Hotte Hüh: ...
17.07.2009 17:01 | Hotte Hüh
Wie lustig: Musik von Papis für Papis. Was ist das für ein Senf! Mensch, schalte bitte das Radio an. Seit eh und je machen ...