Religionsunterricht-Volksentscheid in Berlin

Vom Versöhnen und Spalten

In den Klassenräumen und auf den Straßen der Hauptstadt ist ein politischer Kampf entbrannt: Die Initiative "Pro Reli" will den Religionsunterricht als Wahlpflichtfach einführen.von PHILIPP GESSLER

Still ist es jetzt, sehr still für eine Klasse von Achtklässlern. Der Prediger brüllt fast, schmettert die Sätze wie der Prophet Jesaja. Er schwärmt von den "Kindern Gottes", den "Glocken der Freiheit" und endet mit einem Gebet "Danke, Gott, Allmächtiger, endlich frei". Das ist Ethik-Unterricht in der Hauptstadt. An der Sophie-Scholl-Oberschule in Berlin-Schöneberg lauschen junge Menschen der "I have a Dream"-Rede Martin Luther Kings. Thema der Stunde: Menschenrechte. Die Schülerinnen und Schüler sind bei der Sache. Sie fragen brav, ob sie kurz den Klassenraum verlassen dürfen, um sich zu schnäuzen. Als sie ihre Ranzen packen, ist ihr Lehrer Michael Reim voll des Lobes: "Der Ethikunterricht ist geeenial!" Da überrascht, was der 60-Jährige zugleich betont: "Es ist eine Unverschämtheit, dass Religion so ausgekoppelt wurde." Der Reliunterricht gleiche dem Ethikunterricht doch sehr. "Ich bin sehr für Pro Reli!"

Was Michael Reim in den erstaunlich gepflegten Räumen des wilhelminischen Schulgebäudes lehrt, ist umstritten. Um die Fächer Ethik und Religion ist in der Hauptstadt ein Streit entbrannt, der sich wohl bald zu einem Kulturkampf in ganz Deutschland ausweiten wird. Denn es geht auch um die große Frage: Wie getrennt müssen Kirche und Staat sein? Und haben die Kirchen zuviel Einfluss?

Am heutigen Mittwoch reicht das Aktionsbündnis Pro Reli knapp 200.000 Unterschriften von Berlinerinnen und Berlinern ein, die Folgendes per Volksbegehren erreicht haben: Es wird einen für die Politik verbindlichen Volksentscheid geben über die Frage, ob es hier neben dem seit zwei Jahren für alle Schüler verpflichtenden Fach Ethik auch das ordentliche Lehrfach Religion geben soll, und zwar als Wahlpflichtfach. Das heißt, die Schülerinnen und Schüler sollen auswählen können, ob sie Ethik oder Religion belegen. Religion ist in Berlin seit 60 Jahren lediglich ein zusätzliches, freiwilliges Lehrfach. Und das wird oft in den Randstunden gelehrt, also ganz früh und ganz spät. Die Teilnehmerzahlen für "Reli" sinken im Ostteil der Stadt dramatisch, seit es das Pflichtfach Ethik gibt. Ein Schüler aus Reims Klasse erklärt das Wegbröckeln von Religion so: "Im Sommer Reli zu machen, wenn alle Freunde auf dem Hof spielen..." Er beendet den Satz nicht.

Der Kampf um Religion hat in Berlin Tradition. Zwar schreibt das Grundgesetz im Artikel 7 eigentlich einen konfessionsgebundenen Religionsunterricht vor. In den Stadtstaaten Berlin und Bremen aber gibt es eine Ausnahmeregel. Immerhin führte die rot-rote Landesregierung im Schuljahr 2006/7 mit Ethik ein Fach speziell für die Werteerziehung ein. Religion aber blieb am Rande, zusätzlich, freiwillig und verantwortet von den Weltanschauungsgemeinschaften. Das hat auch seine Logik: Rund 60 Prozent der Bürgerinnen und Bürger der Hauptstadt gelten als konfessionslos. Der amerikanische Religionssoziologe Peter L. Berger hat Berlin einmal die "Welthauptstadt des modernen Atheismus" genannt.

In einer solchen Stadt fühlt sich Gerhard Weil sichtlich wohl, auch wenn er jetzt ächzt: "Da muss ich erst einen Schnaps drauf trinken." Soeben hat der 62-jährige Lehrer im Vorruhestand erfahren, dass Berlins Innenminister Ehrhart Körting (SPD) im Abgeordnetenhaus Berlin verkündet hat: Pro Reli werde wohl die erforderlichen 170.000 Unterschriften für einen Volksentscheid erreicht haben. Weil ist der Sprecher von "Pro Ethik", einer Initiative, die ein Wahlpflichtfach Religion verhindern will. Der weißbärtige Mann, früher Leiter einer evangelische Jugendgruppe, ist seit etwa 20 Jahren Buddhist. Ein steinerner Buddha im Vorgarten seines Reihenhauses in Berlin-Lichtenrade kündet davon.

Grundsätzlich, sagt er, habe er nichts gegen den Religionsunterricht. "Wir wollen ihn nur nicht verstaatlichen." Wenn die "Pro Reli"-Kampagne argumentiere, Ethik sei ein "Zwangsfach", dann sei dies auch Englisch, Mathematik und Deutsch. Er blickt schon voraus: Nun würden, meint er, wohl auch die SPD und die "Linke" richtig Geld in eine Kampagne gegen das "Pro Reli"-Ansinnen pumpen. "Deren Kampagnenetat war leer", erzählt er: Alles verpulvert beim Volksentscheid 2008 über den Erhalt des Flughafens Tempelhof. "Das kommt davon, wenn man mehr Demokratie will", sagt er lachend.

Der Fall Tempelhof liegt offenbar auch dem CDU-Politiker Christoph Lehmann im Magen. Der 47-jährige Katholik ist Chef von Pro Reli. Smart und verbindlich gibt er Interviews in seiner edlen Kanzlei, gelegen an einer sehr schicken Ecke des Ku'damm, wo es Strickpolo-Hemden für 383 Euro gibt, die ursprünglich 639 Euro kosteten. "Das Quorum bei der Wahl zu erreichen ist eine Herausforderung", sagt Lehmann. Beim Tempelhof-Volksentscheid hatten zu wenige Menschen abgestimmt, der Volksentscheid scheiterte. "Bei einem Volksentscheid werden die ,Ethik'-Befürworter mehr Mittel zur Verfügung haben als wir", sagt er. Den Etat seines Vereins, dessen Plakate überall hängen, will er nicht nennen. "Warum sollte ich? Fragen Sie einmal Parteien nach ihrem Wahlkampfetat, da werden Sie auch keine richtige Antwort bekommen." Eines seiner Hauptargumente: "Nach den derzeitigen Ethik-Lehrbüchern nehmen die Weltreligionen nur etwa zehn bis 15 Prozent in Anspruch - und im Rahmenlehrplan kommen das Judentum und der Islam gar nicht vor."

Zu den "Pro Reli"-Unterstützern gehören neben beiden Volkskirchen die Jüdische Gemeinde Berlins, der unter Muslimen sehr wichtige türkische Moscheenverband Ditib und die FDP Berlin. Pro Reli hat einige Unterstützer in der Bundes-SPD, beispielsweise Andrea Nahles. Auch Prominente wie der Moderator Günther Jauch zählen zu den Befürwortern. Hinter den Kulissen hat nun bereits ein Gerangel um den Termin für den Volksentscheid begonnen: Pro Reli wünschte sich einen Urnengang bei der Europawahl am 7. Juni - damit überhaupt genug Leute zur Wahl gehen. Der Senat will offenbar einen anderen Termin, auch wenn dies wahrscheinlich Millionen von Euro mehr kostete.

Klar ist: Wenn die "Pro Reli"-Initiative Erfolg haben will, braucht sie mindestens 609.000 Stimmen der rund 2,4 Millionen wahlberechtigten Berlinerinnen und Berlinern. In Berlin leben ungefähr 850.000 Kirchenmitglieder, die älter sind als 18 Jahre. Aber werden die alle für Pro Reli stimmen? Daran kann zweifeln, wer Ruth Priese in Köpenick besucht. "Ich komme aus einem DDR-evangelischen Pfarrhaus", erzählt die 71-Jährige. Die Theologin ist Ansprechpartnerin der Inititiative "Christen pro Ethik". Die Wände ihrer Wohnung in Köpenick schmücken ein Foto einer Madonna mit Kind und ein Notenblatt für einen gregorianischen Cantus. Ruth Priese hat sich Mitte der Neunziger Jahren schon für das Pflichtfach Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde (LER) in Brandenburg engagiert. "Man hätte das LER-Modell aus Brandenburg auch in Berlin übernehmen können", sagt sie. De facto gibt es in Brandenburg ein Wahlpflichtfach Religion, die Abmeldung von LER ist leicht.

Ruth Priese bemängelt: "Bei einem Wahlpflichtfach Religion oder Ethik entstünde für christliche Schüler praktisch ein Abwahlzwang bezüglich Ethik." Was sie stört, ist die Werbung von Pro Reli: "Ethik und Religion sind doch kein Gegensatz! Das durch die Formulierung auf den ,Pro Reli'-Plakaten nahe zu legen, macht mich traurig, zutiefst traurig. Da schäme ich mich für meine Kirche", sagt sie gut protestantisch.

Unter der Weltzeituhr auf dem Alex sammelt Rabbinerin Gesa S. Ederberg mit zwei Pastoren und einem Muslim Stimmen für Pro Reli. Es ist nass und kalt. Die 40-Jährige, eingehüllt in einen dicken weißen Schal, bleibt tapfer, obwohl sich kaum jemand von ihr stoppen lässt. Immerhin, mit einer Lehrerin kommt sie ins Gespräch. Doch der Erfolg bleibt aus - die Angesprochene kommt nicht aus Berlin. Religion, erklärt die Rabbinerin, gehöre in den öffentlichen Raum. In Ethik werde über das Judentum zu wenig gelehrt: "Es wird dadurch in die Marginalie gedrückt." Dabei brauche man doch viel Wissen über die eigene Religion, "um dann ein kompetenter interreligiöser Gesprächspartner zu sein".

Ähnlich argumentiert Burhan Kesici. Der gebürtige Berliner, der gelegentlich leicht berlinert, ist Vizechef der Islamischen Föderation. Nach langen juristischen Kämpfen ist sie neben den Aleviten die einzige islamische Gruppe, die in Berlin Reli-Unterricht geben darf. Bei türkischem Tee erklärt Kesici, warum die Föderation Pro Reli nicht unterstützt. "Man begibt sich auf ein Terrain, in dem man nicht weiß, wo man rauskommt", sagt er. Bei einem Wahlpflichtfach Religion befürchtet Kesici: "Dann findet eine Bevormundung statt - insbesondere bei Muslimen". Gerade eine solche Kontrolle aber ersehnen viele "Pro Reli"-Befürworter außerhalb der Föderation. Sie zweifeln an ihrer Verfassungsstreue. Kesici selbst hat überraschenderweise Pro Reli seine Unterschrift gegeben. Seine Hoffnung: Mehr Kinder und mehr Respekt für seinen Unterricht.

Vor einem Einkaufszentrum in Köpenick sammeln "Pro Reli"-Aktivisten weiter Stimmen - obwohl die Sache eigentlich schon durch ist. Hier im Osten ist das Sammeln schwer, die Religionsfrage spaltet mal wieder die Stadt. "Ihr mit eurer Scheiß Kirche", bekam Pfarrer Ralf Musold zu hören. Er kämpfte bereits zu DDR-Zeiten für seine Religion. "Ist ein ähnliches Gefühl wie zur Wende", sagt der 44-Jährige. "Es ist wie die rote Politik von damals", schimpft er, "nur etwas pfiffiger gemacht." Durch das Fach Ethik werde Religion de facto aus der Schule und später auch an den Rand der Gesellschaft gedrängt. "Wir kennen die zwangsverordnete Existenz in der Nische." In manchen Gymnasien Ostberlins wird kein Religion mehr angeboten, die Schülerzahlen sind zu niedrig. Dennoch glaubt er, der Volksentscheid werde am Ende Erfolg haben. "Yes, we can", sagt er trotzig. "Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist."

Dieser Artikel ...

ist mir was wert!