Reisen in Südafrika

Fairer Tourismus? Umso besser!

Südafrika gilt als Vorreiter für die Fair-Trade-Zertifizierung touristischer Unternehmen. Eine Reise entlang der Gartenroute.

Touristischer Höhepunkt: Kapstadt.  Bild: rutosapire/photocase

Bettina Schmidt fühlt sich sichtlich wohl im Backpack in Kapstadt. Sie hat sich mit einem Stapel Bücher auf der Terrasse der Unterkunft ausgebreitet und kommt, wie die meisten Reisenden hier, schnell ins Gespräch. Wir erfahren, dass Bettina ihre Kindheit in Südafrika verbracht hat. Eine schwäbische Missionarstochter.

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Sie besuche hier ihr ehemaliges Kindermädchen und habe sich lange Jahre politisch gegen die Apartheid engagiert. Das Backpack sei ein sicherer, zentraler Ort für eine Alleinreisende. Dass es Fair-Trade-zertifiziert ist, wusste sie nicht, aber „umso besser“.

Das Backpack im Zentrum von Kapstadt hat Travelleratmosphäre – ohne Altersdiskriminierung, wie uns die Hospitality-Managerin Eleni Good beim Sichten unserer Pässe versichert. Sie führt uns in ein schlichtes Zweibettzimmer. An den Wänden hängen schwarz-weiße Nelson-Mandela-Fotos in selbst gezimmerten Holzrahmen, als wären wir bei dem Nationalhelden persönlich zu Hause.

Das Zertifikat: Das Fair-Trade-Etikett bekommen nur Unternehmen, die in einem aufwendigen Evaluierungsprozess insgesamt 25 Kriterien erfüllen: etwa faire Löhne, gute Arbeitsbedingungen, gerechte Gewinnverteilung, Achtung der Menschenrechte, faire Zuliefererkette, soziale und ökologische Standards. Die Fair-Trade-Strategie betont die sozialen Bedingungen, unter denen Menschen im Tourismus arbeiten. Sie will vor allem mehr soziale Gerechtigkeit in den Zielgebieten. www.fairtradelabel.org.za

 

 

Die Initiatoren: Der Vorreiter des Projekts ist der Schweizer Arbeitskreis Tourismus & Entwicklung (www.akte.ch), unterstützt durch das Schweizer Wirtschaftsministerium.

 

Fair Trade in Tourism South Africa: www.fairtourismsa.org.za übernimmt die Führungsrolle beim Aufbau eines globalen Fair-Trade-Tourismus-Zertifizierungssystems. In einem ersten Schritt geht es um die Schaffung von Fair-Trade-Zertifizierungsstellen für touristische Angebote auch in Nachbarländern wie Botswana, Lesotho, Madagaskar, Mosambik. Mittelfristig ist das Ziel, dass Max-Havelaar-Siegel für den Tourismus insgesamt zu entwickeln.

 

Das Siegel: Die Schweizer Max-Havelaar-Stiftung vergibt das Siegel für fair gehandelte Produkte. Die Idee: Die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Kleinbauern und Plantagenarbeiterinnen zu verbessern.

 

Veranstalter: Der Schweizer Veranstalter Kuoni (www.kuoni.ch) bietet Fair-Trade-Reisen nach Südafrika an. Erster deutscher Veranstalter ist SKR Reisen in Köln (www.skr.de), inzwischen auch Dertour (www.dertour.de).

 

Unterkünfte mit Zertifizierung: The Backpacker & Africatravel Centre; Tel. +27(0)214234530; www.backpackers.co.za, Jan Harmsgat; Tel. +27 (0)236163407; www.jhghouse.com, Hog Hollow; Tel. +27 (0)445348879; www.hog-hollow.com; Amakhala; Tel. +27 (0)466362750; www.amakhala.co.za

 

 

Die Reise: mit Unterstützung der Veranstalter SKR in Köln und Kimba Tours in Kapstadt.

Anständige Arbeitsbedingungen, Mitbestimmung

Vom englischen Guardian wurde das Backpack zu einem „der coolsten Backpackerhotels der Welt“ gewählt. Im Shop an der Rezeption werden Taschen aus Autoreifen, bunt bemalte Tabletts aus recycelten Blechdosen und selbst gebastelte Perlenbänder aus den Townships verkauft. An der Bar im Innenhof steht ein großer Billardtisch, gecoverte Bob-Dylan- und Cat-Stevens-Songs geben den Trampersound. An kleinen Tischen sitzt die internationale Weltgemeinschaft, in ihre Laptops vergraben, in der Gemeinschaftsküche werden Spaghetti gekocht.

Fair Trade, sagt die Hospitality-Managerin Eleni Good, müsste eigentlich überall selbstverständlich sein: anständige Arbeitsbedingungen, faire Löhne, Mitbestimmung und nachhaltiges Wirtschaften.

Ist es aber nicht. Vor allem nicht in Dritte-Welt-Ländern und auch nicht in Südafrika, wo Erste und Dritte Welt aufeinanderprallen. Wo aber seit Ende der Apartheid das gesellschaftliche Unrechtsbewusstsein wächst. Fair Trade in Tourism South Africa (FTTSA) ist die erste Initiative, die Unterkünfte, Ausflüge und Safaris in Südafrika nach den international anerkannten Kriterien des fairen Handels zertifiziert. Unter der Marke „Fair Trade Travel“ hat FTTSA in Zusammenarbeit mit europäischen Reiseveranstaltern wie SKR-Reisen aus Köln die ersten Fair-Trade-Reiseangebote auf den Markt gebracht. Unterstützt wurde das Projekt von dem Schweizer Arbeitskreis für Tourismus und Entwicklung und dem Schweizer Staatssekretär für Wirtschaft.

Aufwendig bürokratisch mit großem Innovationsschub

Fair-Trade-zertifiziert ist auch der südafrikanische Veranstalter Kimba Tours. Agenturchef Kim Geffen fährt mit uns zu Fair-Trade-Unterkünften entlang der Gartenroute, der spektakulären Strände, Wälder und Dünen am Indischen Ozean im Süden Südafrikas.

Und er weiß um die Schwierigkeiten des fairen Handels. „Sogar unser Bus musste bestimmte Umweltauflagen erfüllen“, sagt er. „Wir mussten extra einen neuen Bus kaufen.“ Es sei abschreckend aufwendig, bürokratisch und teuer, sich zertifizieren zu lassen. „Kleinere und mittlere Unternehmen können oder wollen sich den Aufwand nicht leisten, auch wenn die Kosten durch Luxusanbieter querfinanziert werden,“ sagt Kim. Ohnehin kämpften viele schon mit der staatlichen Auflage, dass 70 Prozent ihrer Beschäftigen farbig oder schwarz sein müssten. Trotz der Probleme: Die Zertifizierung sei ein wichtiger Lernprozess für nachhaltiges Management in seiner Agentur.

Das ehemalige Weingut Jan Harmsgat bei den Langeberg-Bergen in der Nähe der Stadt Swellendam ist eine zertifizierte Unterkunft im oberen Segment. Die Dörfer der ländlichen Region am Westkap sind beliebte Refugien für Stadtflüchtlinge. Während wir vorbei an herrlichen Buchten und tristen Townships von Kapstadt zum Gut Jan Harmsgat fahren, schwärmt Kim Geffen unaufhörlich von Mc Gregger. Wir bekommen „sein Dorf“ nie zu sehen, aber es ist längst unser Referenzsystem: die Ruhe, das Licht, das intakte dörfliche Leben, die archaische Landschaft mit den hochgewachsenen Aloepflanzen. Pure Idylle, wie Harmsgat. Jim Toto, der schwarze Gärtner, führt uns dort auf die geräumigen Zimmer in bester Gutsherrenart.

Eigentlich pflanzt Jim Kräuter, Gemüse und Salat für die Küche der Lodge. Immer unter Aufsicht der resoluten, blonden Managerin Gerda Delange. „Wir finanzieren die Schulausbildung der Kinder unserer Angestellten. Wir sind ein große Familie,“ sagt Gerda.

Die Besitzer der Lodge, Xoloni Mkhwanazi und Willi Malherbe, treffen wir beim Abendessen. „Wir sind Brüder“, sagt der weiße Willi, ehemals Banker, und klopft seinem Geschäftspartner Xoloni, dem schwarzen Atomphysiker, auf die Schulter. „Warum Fair Trade?“, fragen wir ihn. „ Das war schon so, als wir das Gut vor einem Jahr übernahmen.“ Viel Leidenschaft für die Idee schwingt bei den Geschäftspartnern nicht mit.

Ein geprüfter Kriterienkatalog

Zu den Kriterien des fairen Handels gehören Arbeitsverträge, Krankenversicherung, angemessene, existenzsichernde Bezahlung und Förderung innerhalb des Betriebes. Aber auch innerbetriebliche Mitbestimmung und nachhaltiges Wirtschaften. Die Betriebe werden von FTTSA alle zwei Jahre überprüft. Geprüft werden auch Werte wie Achtung vor Kultur, Umwelt und Menschenrechten.

Was die existenzsichernde Bezahlung des Gärtners von Harmsgat ist, wollte uns niemand wirklich sagen. Sicher ist, er hat ein festes Haus für seine Familie in der Umgebung, seine drei Kinder gehen in die Schule, und er arbeitet seit 15 Jahren hier.

Die Route 62 führt von Swellendam nach Port Elizabeth durch die ausgetrockneten Täler der Halbwüstenlandschaft Karoo. Wir halten an Ronnies Sex Shop. Die einzigen Gegenstände, die an Sex erinnern, sind Hunderte BHs und Höschen, die von der Decke baumeln. Verkauft werden ausschließlich Bier und Schnaps. „Mädels, legt ab. Jede, die hier einkehrt, hinterlässt was“, fordert uns der bärtige Barmann, Typ Hells Angel, auf. Er vertritt heute den Eigentümer Ronnie.

Vor über 20 Jahren kam Ronnie hierher. In dem verfallenen weißen Haus an der Straße wollte er ein Geschäft mit Lebensmitteln betreiben. „Ronnies Shop“ schrieb er an die Wand. Seine Freunde pinselten das Wort „Sex“ dazu. Und seither funktioniert die kleine Bar blendend. Fair ist das jedenfalls nicht.

Seit 2001 werden touristische Unternehmen in Südafrika Fair-Trade-zertifiziert, zurzeit sind es 64. Einigen wurde die Zertifizierung bei erneuter Überprüfung aberkannt. Es müssen mindesten 70 Prozent der insgesamt 25 Kriterien erfüllt werden. Ein Kriterium ist auch das soziales Engagement des Betriebs.

Hazel Mbanguta führt uns durch die Township Qolweni. Beste Lage mit Blick auf die Bucht von Plettenberg Bay. Die Bewohner der Township weigern sich, neue Häuser jenseits des Hügels, wie vom ANC versprochen, zu beziehen. Sie wollen, dass hier am Hang gebaut wird, wo sonst schon bald die Villen der Reichen mit Blick auf die Bucht stünden. Der nächste Krieg wird wohl um gute Lagen geführt.

Der Kampf um die gute Lage

„Wir werden hier bleiben. Sie sollen hier bauen“, sagt Hazel, die mit ihren zwei kleinen Mädchen in Qolweni wohnt. Sie zeigt den Besuchern die Schule, die Bar, die einzige Wasch- und Wasserstelle und den kleinen Township-Laden. Sie scheucht aufdringliche Jugendliche weg und fordert die Touristen auf, einigen jungen Männern ein Bier zu spendieren. Zum Abschied singt sie mit tiefer, voluminöser Stimme ein Xlosa-Lied. Eigentlich möchte die 25-jährige, alleinerziehende Mutter Sängerin werden. Wir schlagen ihr ein Video auf YouTube vor.

Die Firma Ocean Blue, die Bootsfahrten zu Delfinen und Walen organisiert, unterstützt die Township Qolweni. 12 der Mitarbeiter kommen von dort, unter ihnen Hazel. „Die Arbeitslosigkeit in der Township liegt bei 40 Prozent. Die Armen sind die Schwarzen,“ sagt Natascha Lillford, die Geschaftsführerin von Ocean Blue, die mit ihren langen, schwarzen Haaren und der schneeweißen Haut wie Schneewittchen aussieht. Ocean Blue finanziert die Grundschule mit neun Lehrern für 250 Kinder in Qolweni. „Nach der Ungerechtigkeit der Apartheid wollen wir helfen, was Neues, Gerechteres aufzubauen“, sagt Lillford.

In der im Wald gelegenen zertifizierten Lodge Hog Hollow bei Plettenberg Bay schaut schon mal ein Pavian vorbei. Zu unserem stilvollen Holzhaus mit Terrasse führt uns Lundi. Der Schwarze ist Rezeptionist, Kellner, manchmal Geschäftsführer. Seit 15 Jahren arbeitet er hier. „Wir, das Personal, entscheiden sehr viel selber. Dadurch macht die Arbeit mehr Spaß“, sagt er.

Die Fair-Trade-Zertifizierung erfolgt unter hauptsächlich sozialen Aspekten. Ökologische Kriterien spielen eher am Rande eine Rolle, auch wenn sie im Kriterienkatalog aufgeführt sind. In Südafrika ist die Kluft zwischen reichen Weißen und armen Schwarzen besonders tief. Vor allem in der Kapregion. Doch auch das politische Bewusstsein für die Benachteiligung ist mittlerweile stark ausgeprägt. Allerdings: „Die Gewerkschaft“, sagt unser Begleiter Kim, „sieht die Fair-Trade-Initiative durchaus kritisch.“ Sie kämpfe für gesellschaftlich allgemeingültige Standards. Die freiwillige Selbstverpflichtung einiger Unternehmen unter dem Label Fair Trade sei ihr suspekt, auch wenn sie explizit die Benachteiligten stärke. Man könnte es auch als paternalistisches Zugeständnis einiger vermögender Weißen sehen.

Die Wiederansiedlung der Big Five auf Farmland

„Als sich meine Leute gewerkschaftlich organisieren wollten, habe ich ihnen gesagt, das können sie, aber dann brauchen sie auch nicht wiederzukommen“, erzählt der knorrige William Fowlds nach dem dritten Whisky. Warum haben er und seine Mitstreiter von der Amakhala Lodge sich Fair-Trade-zertifizieren lassen? „Ich habe die Leute immer gleichbehandelt. Die Zertifizierung hat hier nichts geändert. Und die Leute arbeiten seit Generationen bei uns“, sagt er. Onkel Bill, wie er von allen genannt wird, ist ein zupackendes Alphatier, ein südafrikanischer Clint Eastwood, ein Haudegen

Als in den neunziger Jahren die Preise für Wolle, Fleisch und Milch sanken, überzeugte er vier seiner Farmernachbarn davon, ihre Ländereien zusammenzulegen und aus Ackerland ein Naturreservat zu machen. Selbstverständlich mit den Big Five. Seiher streifen Löwen, Leoparden, Büffel, Nashörner und Elefanten durch das ehemals kultivierte Land fünfzig Kilometer von Port Elisabeth entfernt. Die Farmarbeiter wurden umgeschult zu Wildhütern und Hotelangestellten. Das Großwildreservat Amakhala mit den unterschiedlichen Lodges in Familienhand ist ökologisch herausragend. Der Tourismus hat den ehemaligen Farmern das ökonomische Überleben gesichert, auch ihren Beschäftigten.

„Fair Trade“ ist ein Qualitätssiegel für das gute Produkt. Und hat seinen Preis. Die argentinische Bilderbuchfamilie am Nebentisch in der Amakalah Lodge – Vater Mutter, Junge, Mädchen, alle hübsch – sind zum Tieregucken hier. Von Fair Trade haben sie noch nie gehört. „Oh, gut“, sagt der Vater, Manager einer Fluglinie. „So hat man nicht immer das Gefühl ein privilegierter Weißer zu sein, sondern kann den Leuten auf Augenhöhe begegnen.“

 
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